23.07.2026 - Oper im Steinbruch/ St. Margarethen - Burgenland

TOSCA
Monumentales Musiktheater zwischen Naturkulisse und Psychodrama

Prozession (Foto: Oper im Steinbruch/ wearegiving)


Mit Giacomo Puccinis TOSCA präsentiert die Oper im Steinbruch St. Margarethen eines der eindringlichsten Werke des italienischen Opernrepertoires. Das Drama um Liebe, Macht und politische Gewalt entfaltet in der monumentalen Kulisse des Steinbruchs eine außergewöhnliche Wirkung. Die Inszenierung von Thaddeus Strassberger setzt dabei weniger auf psychologische Detailanalyse als auf starke Bildwelten, vokale Präsenz und eine durchdachte theatralische Gesamtästhetik, die den besonderen Charakter des Aufführungsorts konsequent einbezieht.

Puccinis Oper spielt im Rom des Jahres 1800. Die gefeierte Sängerin Floria Tosca und ihr Geliebter, der Maler Mario Cavaradossi, geraten in die Gewalt des skrupellosen Polizeichefs Baron Scarpia, nachdem Cavaradossi dem politisch verfolgten Angelotti zur Flucht verholfen hat. Scarpia instrumentalisiert seine Macht, um Tosca zu erpressen. Nur wenn sie sich ihm hingibt, will er Cavaradossi verschonen. Tosca tötet den Tyrannen, muss jedoch erkennen, dass dessen Versprechen von Beginn an Täuschung war. Nach der Hinrichtung ihres Geliebten wählt sie selbst den Tod. So verdichtet Puccini Liebe, Eifersucht, Machtmissbrauch und Freiheitskampf zu einer der konzentriertesten Tragödien der Opernliteratur.

(Foto: Oper im Steinbruch/ wearegiving)


Die größte Stärke der St. Margarethener Produktion liegt in ihrer visuellen Konzeption (Bühnenbild:Thaddeus Strassberger) Der Steinbruch fungiert nicht als bloße spektakuläre Naturkulisse, sondern wird zum integralen Bestandteil der Inszenierung. Seine gewaltigen Dimensionen spiegeln die übermächtigen politischen Strukturen wider, denen die Figuren ausgeliefert sind. Monumentale Architektur, präzise gesetzte Lichtregie und die eindrucksvoll in das Bühnengeschehen eingebundenen Felsformationen erzeugen eine Atmosphäre zwischen sakraler Erhabenheit und latenter Bedrohung.

Joyce El-Khoury, Gevorg Hakobyan; (Foto: Oper im Steinbruch/ wearegiving)

Den einzelnen Schauplätzen verleiht die Inszenierung eine jeweils unverwechselbare visuelle Identität, ohne den dramaturgischen Fluss zu beeinträchtigen. Die großformatigen Bilder erschöpfen sich dabei nie im bloßen Effekt, sondern entwickeln eine eigenständige erzählerische Funktion. Die Größe des Steinbruchs wird damit nicht zum Selbstzweck, sondern verstärkt die zentralen Spannungsfelder der Oper, Macht und Ohnmacht, Freiheit und Unterdrückung.

Am Pult führt Valerio Galli Orchester und Solisten mit sicherem Gespür für Puccinis differenzierte Klangsprache. Anstelle vordergründiger Effekte oder übersteigerter Sentimentalität setzt er auf klare musikalische Linien und eine organisch aufgebaute dramatische Entwicklung. Das Orchester überzeugt mit einem warmen, farbenreichen Klangbild, das auch unter den akustischen Herausforderungen des Open-Air-Betriebs bemerkenswert ausgewogen bleibt und den Solistinnen und Solisten jederzeit den notwendigen Entfaltungsraum bietet.

Joyce El-Khoury; (Foto: Oper im Steinbruch/ wearegiving)

Joyce El-Khoury gestaltet die Titelpartie mit großer Bühnenpräsenz und emotionaler Glaubwürdigkeit. Ihre Tosca ist keine exaltierte Operndiva, sondern eine vielschichtige Frau zwischen leidenschaftlicher Liebe, verletztem Stolz und existenzieller Verzweiflung. Ihr Sopran verbindet lyrische Eleganz mit dramatischer Durchschlagskraft und zeichnet die Entwicklung der Figur vom impulsiven Liebenden zur entschlossenen Tragödin überzeugend nach. Besonders in den lyrischen Momenten gelingt ihr eine berührende Balance zwischen vokaler Strahlkraft und innerer Verletzlichkeit.

Ivan Zinoviev (Mesner), Bror Magnus Todenes; (Foto: Wolfgang Springer)


Bror Magnus Todenes
als Cavaradossi verzichtet auf heroische Überzeichnung und setzt stattdessen auf Wärme, Menschlichkeit und differenzierte Phrasierung. Dadurch gewinnt der idealistische Künstler an Profil und emotionaler Glaubwürdigkeit.

Gevorg Hakobyan (Foto: Oper im Steinbruch/ wearegiving)

Den nachhaltigsten Eindruck hinterlässt Gevorg Hakobyan als Scarpia. Sein kraftvoller Bariton verbindet vokale Autorität mit subtiler Charakterzeichnung. Anstelle eines eindimensionalen Bösewichts entsteht das Porträt eines kultivierten, intelligenten Machtmenschen, dessen berechnende Kälte und manipulative Raffinesse umso erschreckender wirken. Vor allem im zweiten Akt dominiert Hakobyan das Bühnengeschehen mit beeindruckender Selbstverständlichkeit und entwickelt sich zum dramatischen Zentrum des Abends.

Gevorg Hakobyan; (Foto: Oper im Steinbruch/ wearegiving)

Die Regie von Thaddeus Strassberger vertraut konsequent auf Puccinis Werk und verzichtet auf plakative Aktualisierungen oder provokante Neuinterpretationen. Gerade im Kontext des monumentalen Freilufttheaters erweist sich dieser klassische Zugriff als schlüssig. Die großen Emotionen erhalten den notwendigen Raum, während die Massenszenen präzise geführt sind und die weitläufige Spielfläche wirkungsvoll nutzen. Trotz der imposanten Dimensionen bleibt die Handlung jederzeit klar nachvollziehbar.

Kostüme; (Foto: Oper im Steinbruch/ wearegiving)


Die 271 barocken und detailgetreuen Kostüme von Giuseppe Palella, hergestellt in der Mailänder Werkstatt Casa d’Arte Fiore, beeindrucken durch ihre opulente Gestaltung und entfalten auf der monumentalen Naturbühne von St. Margarethen eine eindrucksvolle visuelle Präsenz. Edle Stoffe, markante Silhouetten und eine fein abgestimmte Farbdramaturgie verleihen den Figuren unverwechselbare Konturen und unterstreichen die dramaturgische Entwicklung der Handlung.
Toscas Kostüme spiegeln ihre emotionale Wandlung überzeugend wider, während Scarpias dunkel gehaltene, streng geschnittene Gewänder seinen Machtanspruch und seine bedrohliche Präsenz wirkungsvoll akzentuieren.
Insgesamt erweisen sich die Kostüme als wesentlicher Bestandteil der Inszenierung. Sie verbinden opulente Bildkraft mit dramaturgischer Funktion und tragen maßgeblich zur atmosphärischen Dichte der Aufführung bei.

Bror Magnus Tødenes, Zoltán Nagy (Angelotti); (Foto: Wolfgang Springer)

TOSCA zählt zu Puccinis konzentriertesten Musikdramen. Innerhalb weniger Stunden verdichten sich Liebe, Religion, politische Unterdrückung und Gewalt zu einer existenziellen Ausnahmesituation. Die St. Margarethener Produktion arbeitet diese Gegensätze überzeugend heraus und verankert sie zugleich im außergewöhnlichen Aufführungsort.

Scarpia verkörpert ein autoritäres Herrschaftssystem, das Moral und Religion ausschließlich als Instrumente der Machtausübung missbraucht. Tosca hingegen entwickelt sich von der gefeierten Künstlerin zur tragischen Heldin, die ihre Würde selbst unter äußerstem Druck bewahrt. Die monumentalen Felswände des Steinbruchs verstärken diese Lesart eindrucksvoll. Sie erscheinen als Sinnbild einer übermächtigen Staatsgewalt, gegen die individuelle Freiheit kaum Bestand haben kann. Zugleich unterstreicht die Weite des Raums die existentielle Einsamkeit der Figuren und verleiht ihrem Schicksal zusätzliche Dimension.

Gevorg Hakobyan, Bror Magnus Todenes (Foto: Wolfgang Springer)

Musikalisch bleibt Puccinis außergewöhnliche Fähigkeit spürbar, psychologische Entwicklungen unmittelbar in Klang zu übersetzen. Die Aufführung verbindet diese emotionale Differenzierung mit der visuellen Wucht des Spielorts und findet so ein überzeugendes Gleichgewicht zwischen musikalischer Präzision und spektakulärer Freiluftästhetik.

Die TOSCA der Oper im Steinbruch St. Margarethen erweist sich als ebenso bildmächtige wie musikalisch überzeugende Produktion. Das eindrucksvolle Bühnenkonzept, die differenzierte musikalische Leitung Valerio Gallis und ein hervorragend disponiertes Solistenensemble fügen sich zu einem stimmigen Gesamtkunstwerk.

Die Produktion zeigt eindrucksvoll, dass spektakuläres Freilufttheater und künstlerischer Anspruch einander keineswegs ausschließen. Vielmehr entsteht ein Opernabend, der Puccinis Meisterwerk sowohl musikalisch als auch szenisch überzeugend zur Geltung bringt und den Steinbruch St. Margarethen einmal mehr als einen der außergewöhnlichsten Opernspielorte Europas bestätigt.

Die Oper ist noch bis zum 23. August im Steinbruch St. Margarethen zu erleben.

6 von 6 Sternen: ★★★★★★        Kritik: Michaela Springer

(Foto: Oper im Steinbruch/ wearegiving)


www.operimsteinbruch.at






 

 

 

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