23.10.2022 - Deutsches Theater München

DRACULA - Das Musical,
Deutsches Theater München

Eine ganze Weile war es still um den berüchtigten Graf Dracula auf der Musical Bühne. Jetzt beginnt die Jagt wieder von vorne. In Kooperation mit dem Stadttheater Ulm wurde die Show, die bereits 2021 auf der Wilhelmsburg in Ulm aufgeführt wurde, für das schöne Deutsche Theater München adaptiert.

Thomas Borchert

In der Hauptrolle, wie auch schon in der Inszenierung in Graz und zuletzt in Ulm, Thomas Borchert. Zweifelsohne ist er der richtige Mann, wenn es um die Rolle des Mysteriums Dracula geht. Lebendiger kann ein Charakter kaum dargestellt werden, einerseits der harte Killer, der nach dem Blut seiner Opfer dürstet, der leidenschaftliche Liebhaber und nicht zuletzt die verletzte Seele auf der Suche nach dem ewigen Frieden.

Thomas Borchert, PatrickStanke, Ensemble

Während mit Thomas Borchert und den Kollegen Patrick Stanke (Van Helsing), Philip Schwarz (Jonathan Harker) und John Davis (Renfield) ein Teil der Besetzung dieselbe blieb, gab es gerade auf der Seite der weiblichen Hauptcharaktere gleich mehrere Änderungen. Die Rolle der sanftmütigen und dennoch von Leidenschaft getriebenen Mina Murray füllte Roberta Valentini glänzend aus, während die etwas quirligere Lucy perfekt durch Valerie Luksch verkörpert wurde. Besonders Frau Luksch begeisterte durch ihre Wandelbarkeit während der Show. Anfangs noch der Sonnenschein, weil sie gleich drei Männer auf einen Schlag um den Finger wickelt und schließlich die Entwicklung zur teuflischen Vampirbraut, die Londons Eltern in Angst und Schrecken versetzt. Vom Blutdurst getrieben, beginnt sie Kinder für ihr Begehren zu entführen. Auch dem Rest der Besetzung möchten wir an dieser Stelle ein Lob für ihre fantastische Arbeit aussprechen.


Roberta Valentini, ThomasBorchert

Wer die Musik von Frank Wildhorn kennt, weiß, dass er gerne mit verschiedenen Stilen arbeitet und in DRACULA ist wirklich für jeden etwas dabei. Gefühlvolle Balladen werden durch rockige Songs ergänzt und treiben die Geschichte in einem angenehmen Tempo voran. Lediglich im Sound musste man als Zuschauer leider ein paar Abstriche machen. Zwar gibt es, im Gegensatz zu vielen anderen Musical Produktionen im deutschen Raum, ein 17-köpfiges Orchester, was wir hier lobend hervorheben wollen, jedoch hatte man ab und zu leider das Gefühl, dass die Darsteller auf der Bühne kein ausgesteuertes Monitoring bekommen und sich dementsprechend kleine Timing Probleme eingeschlichen haben.

Thomas Borchert, Valerie Luksch

Alles in allem ist es dem Deutschen Theater gelungen, die Ulmer Open-Air-Inszenierung, trotz des geringeren Platzangebots auf der Bühne, schön umzusetzen, was auch mit angemessenem Applaus belohnt wurde.

Das Stück spielt noch bis einschließlich Sonntag, 13.11.2022 und wird anschließend abgelöst durch ein weiteres Musicalhighlight „Die Päpstin“. Alle Termine für diese und nachfolgende Produktionen sind auch online unter www.deutsches-theater.de zu finden.

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5 von 6 Sternen: ★★★★★
                              Kritik & Schlussapplaus-Fotos: Sabrina Bühler
                              Szenenfotos: Susanne Brill

22.10.2022 - Interview Österreich (Wien) / Deutschland (Füssen)

Rolf Rettberg (Autor) - Stefan Holoubek (Komponist)

Michaela Springer im Gespräch mit
ROLF RETTBERG,
Autor von "Hundertwasser - Das Musical"

Rolf Rettberg wurde in Bremen geboren und ist Autor vieler Theater- und Musicalstücke. Er studierte Geschichte, Soziologie und Philosophie an der dortigen Universität. Mit seiner Frau Ursula lebte er viele Jahre in Madrid, wo sie zusammen eine Buchhandlung betrieben. Sie gründeten die deutsch-spanische Literatur- und Musikgesellschaft HÄNDEL & COMPANY, durch die sie die Werke von Georg Friedrich Händel verbreiteten und aufführten.

Rolf Rettberg schrieb zahlreiche Theaterstücke, Libretti, Prosa und Lyrik. Darunter das Musical „Hundertwasser“, für das er die Buch- und Liedtexte schrieb und das Musical „Ludwig² - der König kommt zurück“. Rettbergs Stücke wurden im In- und Ausland erfolgreich aufgeführt. Heute lebt er in Wien, wo wir ihn zu seinem neuen Musical HUNDERTWASSER befragten.


Friedensreich Hundertwasser war nicht nur ein weltbekannter Maler und Architekt, sondern auch ein vehementer EU-Gegner, Monarchist und Provokateur. Also eine interessante Persönlichkeit. Welche Aspekte kommen in dem Musical vor?

Grundsätzlich sei angemerkt, dass es sich bei HUNDERTWASSER nicht um ein Dokumentarspiel handelt. Natürlich habe ich bestimmte Eckdaten bzw. Figuren seines Lebens genommen (Mutter, Bró, Wiener Kulturstadträtin), aber ich halte mich, auch in meinen anderen Stücken, handelt es sich nun um Sprech - oder Musiktheater, stets an die Worte Guiseppe Verdis:
"Die Wahrheit zu erzählen, ist eine gute Sache, aber sie zu erfinden, ist viel besser.
" Anders formuliert: "Entweder die Kunst ist frei, oder sie ist
nicht."

Seine EU-Gegnerschaft lässt sich mit Sicherheit nicht nach heutigen Kriterien beurteilen. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass er gegen deren prozessierende Überzentralisierung, weitestgehend ohne Rücksicht auf nationale historische Gegebenheiten, einiges einzuwenden gehabt hätte. Da wären wir, hätten wir uns gekannt, mit Sicherheit konform gegangen.
Ein kluger Rechter ist mir lieber als ein dummer Linker!

In einer Ankündigung zum Stück habe ich von den "wilden 68er Zeiten" gelesen. So wild waren die Zeiten nicht. Sie waren bleiern. Wer damals auf eine Antikriegsdemonstration ging (Vietnam, dazu gibt es eine sehr beeindruckende Szene: Washington Square, wo Hundertwasser einen Baum pflanzt), der bekam keinen Beifall, sondern Tränengas, Dum Dum Geschosse und Wasserwerfer.

Monarchist zu sein, ist kein Verbrechen. Oder wollen wir die abertausenden Engländer, die Königin Elisabeth die letzte Ehre erwiesen haben, in diese Ecke stellen. Einem deutschen SPD-Politiker, ich erspare mir es, seinen Namen zu nennen, lohnt sich nicht, ist dazu nichts Besseres eingefallen als der Satz: "Endlich ist die Alte weg". Da könnte man in der Tat zum Monarchisten werden. Wobei daran erinnert werden muss, dass Hundertwasser eine konstitutionelle Monarchie im Sinne gehabt haben wird, also nicht das selbstherrliche "L'état, c'est moi" Ludwig des Vierzehnten.

Sicher war er ein Provokateur, aber das waren Goya, Picasso, Schiller, Beethoven, nicht zu vergessen die Beatles, Hendrix, um nur einige zu nennen, zu ihrer Zeit ebenfalls.

Seine ganze Architektur war eine einzige Provokation. Das wird nicht nur im Chor der Architekten, um nur eine aus der Vielzahl rockiger Musiknummern zu erwähnen, thematisiert oder während seines kurzen Gastspieles an der Hamburger Akademie der Bildenden Künste in seinem Dialog mit Spiritus, deren Rektor, Spiritus mit spitzem "S" , Thomas Bernhard ( "Der deutsche Mittagstisch" ) hätte seine helle Freude daran gehabt.

Felix Martin (Friedensreich Hundertwasser)

Provokant war mit Sicherheit auch sein Nacktauftritt vor der Wiener Kulturstadträtin ("Stripping Fritz"), eine im Musical sehr fetzige Sequenz, die kein Auge trocken lassen wird. Heute, wo man, jedenfalls im Sommer, oft genug nicht weiß, ob - nicht nur - die Damen auf dem Weg in Büro, Schule oder Badeanstalt sind, könnte er damit wohl kaum noch mehr als ein müdes Lächeln ernten. Ich bin sehr gespannt, wie sich Felix Martin, der die Titelrolle spielen wird, hier aus der Affäre ziehen wird. So etwas sieht bei den Herren der Schöpfung, v.A., wenn sie dabei noch tanzen müssen, immer etwas albern aus. Wir haben zwei wunderbare junge Choreographinnen. Ich vertraue ihrem ästhetischen Empfinden.

Sein Grundgedanke war, die Welt zu verschönern. Seine Bilder sind daher sehr farbintensiv und stark. Wird das Bühnenbild dies widerspiegeln?

Ich hoffe schon. Leider haben wir nicht die Rechte zur Verwendung wenigstens einiger seiner Werke bekommen. Besonders schade finde ich, dass wir nicht sein eindrucksvolles Bild "Blind Venus Inside Babel" benutzen dürfen. Hundertwasser hat die Farben Afrikas wie kaum ein anderer geliebt. Seine schwarze Venus, schwarz, nicht PoC, hat mich zur Einführung der Figur Afrikas inspiriert, eine große Rolle mit drei eindrucksvollen Liedern, Liedern, nicht "Songs", wie auch Hundertwasser, übrigens auch Ludwig², keine "Shows" sind, sondern Theaterstücke, Vorstellungen, Aufführungen. Wer eine "Show" will, der soll in den Zirkus oder nach Las Vegas gehen, die können das besser.

Schönheit ist keine objektive Größe, sondern liegt im Auge des Betrachters.

In seiner Kunst war er gegen gerade Linien, wie wird dies im Musical verarbeitet? Nur im Bühnenbild oder auch im Text?

Wie schon weiter oben angemerkt: Zum Bühnenbild kann ich eher wenig sagen, ich werde erst am kommenden Montag zu den Proben fahren. Ich kann nur hoffen, dass es Szene und Darsteller unterstützt und nicht erschlägt. Ich erinnere mich anlässlich der Uraufführung eines meiner Stücke im Steirischen Herbst (Graz), dass es dem Regisseur eingefallen war, gefühlte 7,5 Tonnen Sand auf die Bühne kippen zu lassen. Auf meine Frage warum, antwortete er: Nun, Du hast doch an einer Stelle den Satz geschrieben: "Nur die Wüste ist unschuldig" (nebenbei: die Paraphrasierung eines Nietzsche Textes). Dazu ist mir damals nichts eingefallen und tut es auch heute nicht!

Im Buch gibt es einen wieder sehr rockigen Song: "Tod der graden Linie", komponiert von Stefan Holoubek, einem Komponisten aus Wiener Neustadt, mit dem ich schon seit langem zusammenarbeite. Stefan ist eine ganze Ecke jünger als ich, könnte mein Sohn sein, ich freue mich über unseren "Dialog der Generationen", der immer mehr abzureißen droht bzw. in Deutschland schon lange abgerissen scheint. Ich habe Stefan vor langer Zeit, er wird sich kaum noch daran erinnern, einmal gestanden, dass ich keine Noten lesen könne. Macht nichts, hat er mir geantwortet, das können die meisten Musicalsänger (generisches Maskulinum 2) auch nicht, aber Du denkst musikalisch. Das habe ich als großes Kompliment empfunden!

Es gibt sehr provokante Aussagen von ihm:
„Ich habe das Gefühl, dass ich unter lauter Trotteln lebe, unter lauter Ameisen, die nichts tun.“
„Der Mensch ist das gefährlichste Ungeziefer das die Welt je bevölkert hat.“
„Das Klosettloch erscheint uns wie das Tor in den Tod. ... Die Scheiße ist unsere Seele. Durch die Scheiße werden wir unsterblich.“
„Österreich braucht einen Kaiser, der dem Volk Untertan ist.“

Spiegeln diese Aussagen Ihrer Meinung nach sein Genie und seinen Wahnsinn wieder?

Dazu fällt mir ein Satz von Karl Kraus ein, der immer nachts gearbeitet hat, nachts, "wenn die Dummheit schläft". Die Zeiten haben sich geändert. Auch nachts kommt die Dummheit nicht zur Ruhe.
Im Ernst: das sind doch nur markige Aussagen, genauso richtig oder falsch, wie ein anderer Satz von Karl Kraus: "Wenn es keine Anführungszeichen gäbe, würden die Deutschen nicht merken, was Ironie ist". Was, ich darf das als gebürtiger Deutscher und daselbst aufgewachsen, sagen, sooo falsch nun auch nicht ist!

Ich bin kein Freund der Fäkalsprache. Sie werden das Wort Sch ... weder in meinen Sprechtheater - noch in meinen Musiktheaterstücken finden und schon gar nicht in meinen Gedichten. Übrigens auch das Wort "Klamotten" nicht. Es gibt im Stück das sehr zu Herzen gehende Lied "Kleider aus Liebe". Stellen Sie sich vor, ich hätte "Klamotten" geschrieben!
Auch habe ich nie aufgehört, mich des Genetivs zu befleißigen!

Zur konstitutionellen Monarchie hatte ich mich schon weiter oben geäußert. Ich wüsste nicht, was daran wahnsinnig sein sollte. Und Talent, Genie machen vielleicht ein Drittel des Künstlers aus. Der Rest ist harte Arbeit. Das gilt selbst für Lionel Messi.

Hundertwasser war auch sehr fortschrittlich. Er nutze bereits Sonnen- und Wasserenergie, pflanzte über 100.000 Bäume, war gegen die Kernkraft und campierte in den 1980er Jahren eine Woche lang in der Hainburger Au als Protest gegen ein geplantes Wasserkraftwerk.
Kann man sagen, dass er in seiner Art ein Einzelgänger war, der seiner Zeit voraus war?

Ob die Ablehnung der Kernkraft heute noch sehr fortschrittlich ist, sei dahingestellt. Das ist vermintes Gelände. Wir können uns gerne einmal privatim darüber unterhalten. Immerhin bin ich den 60ern groß geworden und kenne die Anfänge der Bewegung. Und die waren nicht unbedingt erfreulich. Dass Sonnen - und Windenergie mit Sicherheit nicht ausreichen werden, eine Industriegesellschaft am Leben zu erhalten, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Selbst die heilige Greta spricht sich mittlerweile für die Kernkraft aus.
Immerhin!

Ein Pionier war er natürlich schon, als Architekt und Maler. Wobei mich seine Bilder am meisten beeindrucken!

Leah delos Santos (Amenoki)

Er war zweimal verheiratet, einmal mit einer 16-Jährigen. Wie sehen sie sein Verhältnis zu den Frauen und wie wird das im Musical umgesetzt?

Was soll ich dazu sagen? Es gibt Schauspieler (generisches maskulinum 2), die bis zu sechsmal verheiratet waren, und die Ehe mit einer 16-jährigen mit einem wesentlich älteren Mann mag ihr die Jugend stehlen, ist aber nicht strafbar. Natürlich wird das im Musical ironisch thematisiert. Hundertwassers große Liebe ist dort allerdings Amenoki, jap. Regentag, der Name seines Schiffes (liegt heute noch in Tulln vertäut), mit dem er die Welt umsegelt hat, eine nicht nur für die damalige Zeit große nautische Leistung, die auch der rote Faden unseres Stückes, besser formuliert: dessen silberne Woge ist. Eine hübsche Geschichte am Rande: ich saß in der Johannesgasse in einem Café gegenüber meinem Verlag (Thomas Sessler) und brütete über dem Namen der von mir ausgedachten japanischen Freundin Hundertwassers, im Stück von einer Philippinin gespielt, ich hoffe, dass sich jetzt nicht die Japaner diskriminiert fühlen, irgendwer fühlt sich immer diskriminiert, es lässt sich ja im Opferstatus, gewusst wie, auch wunderbar einrichten, als es mir wie Schuppen von den Augen fiel. Regentag muss sie heißen, da gab es kein Vertun. Neben mir am Tisch saßen zufällig zwei japanische Musikstudierende (sic!), ein Wort gab das andere, der Rest ist Geschichte.

Noch einmal: Hundertwasser ist eine Bühnen - / Kunstfigur, und genauso wenig, wie ich bei "Ludwig²" etwa seine Einführung des chinesischen Hofzeremoniells in Schloss Linderhof thematisiert habe: seine Untergebenen durften sich ihm nur kriechend nähern, ist Hundertwassers sicherlich vorhandener Sexismus nicht in epischer Breite thematisiert. Immerhin schlägt eine andere Bühnenfigur: Don Giovanni ihn da um Lichtjahre. Erst vergewaltigt der eine Frau, dann ersticht er deren Vater und fährt nicht etwa deshalb zur Hölle, sondern weil er den toten Vater (Komtur) beleidigt hat, indem er ihn zum Essen einlud, sich also gegen das Angedenken der Toten versündigt hat. Früher nannte man das allerdings nicht Vergewaltigung, sondern euphemistisch: "er raubte ihr einen Kuss".
O tempora, o mores!

Wie würden sie den Musikstil des Musicals beschreiben?
In welcher Zeitspanne bewegt sich das Stück?

Wir vereinigen im Stück immer textgemäß rockige Nummern, "klassische" (apostrophiert, weil "klassisch" kein Stilbegriff ist, sondern Etikettierung, Marketing, Beethoven z.B. war kein "Klassiker", sondern Romantiker) und auch Balladen, für jeden Geschmack etwas, allerdings ohne in stilistischer Beliebigkeit auseinander zu fallen. Stefan Holoubek hat als in allen Sparten bewanderter und ausgebildeter Komponist eine sehr sichere Handschrift. Er wird auch gelegentlich mit seiner Gitarre auf der Bühne stehen, dirigieren und - was mich als musikalisch in den 70er Jahren Sozialisiertem besonders freut - die beiden Vocalisen der berückend schönen, tieftraurigen, sehnsuchtsvollen Figur der Mutter Hundertwassers begleitend führen. Das erinnert, jedenfalls mich, schon etwas an meine immer noch heiß geliebten Pink Floyd, deren Kunst, und das sei mir als Schlussbemerkung gestattet, nicht nur in der Popmusik nie wieder erreicht worden ist.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

Fotos: Anne Roth

06.10.2022 - Stage Operettenhaus/ Hamburg

HAMILTON
feierte seine Deutschsprachige Erstaufführung in Hamburg

The room where it happens – Das war am 06. Oktober 2022 zweifelsohne der Saal des Stage Operettenhauses mitten auf dem Hamburger Kiez. Denn nicht nur die hiesige Theaterszene schaute an diesem Tag mit kritisch-gespanntem Blick auf die Hansestadt, um zu sehen, wie die deutschsprachige Inszenierung von HAMILTON aussieht – und vor allem um zu hören, wie sie klingt. Als erste nicht englischsprachige Produktion der Show, die das Genre Musical auf einen Schlag neu definiert hat, waren die Erwartungen im Vorfeld enorm. Denn die Erfolgsgeschichte von HAMILTON ist so einzigartig wie die Show selbst: Mehr als 50 Auszeichnungen und Theaterpreise, darunter elf Tony Awards und ein Pulitzer Preis, gewann das Musical aus der Feder von Autor und Komponist Lin Manuel Miranda seit seiner Broadway Premiere im Jahr 2015. Nach Produktionen in den USA und in London ist die Show nun auch acht Mal pro Woche in Hamburg zu sehen.


Inspiriert durch die Biografie von Ron Chernows, erzählt das Stück die außergewöhnliche Lebensgeschichte des amerikanischen Gründervaters Alexander Hamilton (1755-1804), der sich mit viel Ehrgeiz, Intelligenz und Wortgewandtheit vom karibischen Waisenjungen zum ersten Finanzminister der USA hocharbeitet. HAMILTON umfasst damit 30 Jahre amerikanische Gründungsgeschichte, die in einem ungewöhnlich rasanten Tempo erzählt und geschickt mit den persönlichen Schicksalen der Figuren verwoben wird. Komplexe politische Themen wie der Unabhängigkeitskrieg, die Entstehung der Verfassung und erste Kabinettssitzungen treffen hier auf die Geschichte einer Familiengründung, Intrigen und den Umgang mit dem Verlust eines Kindes. Neben alldem stellt das Stück von Beginn an die Frage, was von einem Menschen eigentlich bleibt, wenn er geht. Damit ist Hamilton weitaus mehr als eine für die Bühne adaptierte Geschichtsstunde oder ein Musterbeispiel der Verwirklichung des American Dreams. Doch der Zauber von HAMILTON liegt trotz der vielseitigen Thematik nicht darin, was erzählt wird – es liegt im wie: Ein historischer Stoff verpackt im modernsten musikalischen Gewand, voller Kontraste und scheinbarer Widersprüche. Und doch könnte es für das Stück wohl keine passendere Sprache als den gewählten Hip-Hop geben, der einst vor allem den unteren sozialen Schichten amerikanischer Großstädte eine Stimme schenkte. Durchkomponiert vom ersten bis zum letzten Ton, erschafft HAMILTON mit seiner einzigartigen Kombination aus Rap, Hip-Hop, R’n’B, aber auch Elementen von Pop und Jazz, einen ganz eigenen Musikstil, der innovativer nicht sein könnte. So werden den einzelnen Charakteren individuelle Musikstile und wiederkehrende musikalische Motive zugeordnet, die die Beziehungsgeflechte und Charakterentwicklungen scheinbar beiläufig betonen und vorantreiben. Dazu kommen insgesamt 28.000 Wörter (Sprech-) Gesang (mehr als doppelt so viele wie in vergleichbaren Stücken), die allesamt eine Sprachgewalt besitzen, die auch abseits der Theaterbühne ihresgleichen sucht: Voller Mehrdeutigkeiten, Wortspielen, Klangbildern und Referenzen auf die amerikanische (Musik-) Geschichte, könnte Alexander Hamiltons Sprachgewandtheit im Musical nicht treffender zur Geltung kommen. Kein Wunder also, dass bei der ersten nicht englischsprachigen Inszenierung nun vor allem eines interessiert: Kann das Stück, das lange als unübersetzbar galt, auf Deutsch erzählt werden, ohne seinen Zauber einzubüßen? Der Musicalautor und Übersetzer Kevin Schröder und sein Kollege, Hip-Hop Songwriter Sera Finale, liefern darauf eine eindeutige Antwort: Ja, es kann. Und wie. Ganze dreieinhalb Jahre schrieb das Duo in enger Rücksprache mit Miranda an den deutschen Texten. Mit Erfolg: „You haven’t lived until you’ve heard ‚Satisfied‘ rapped in German!“, urteilte Miranda vor der Premiere. Schröder und Finale gelingt der Spagat zwischen einer Übersetzung, die einerseits klanglich und inhaltlich sehr nahe am Original bleibt, wie hier beim Titellied:

„Der Zehn Dollar Gründervater ganz ohne Vater
war ein Weltplaner
war hungrig und strebsamer,
war einfach ‘nen Tick smarter,
war ein echter Durchstarter“

…und andererseits einer eigenen, etwas freieren Interpretation, die die Besonder- und Schönheiten der deutschen Sprache betont. So wird beispielsweise aus „I imagine death so much it feels more like a memory“ auf Deutsch „Täglich schreibt der Tod zwischen den Zeilen in mein Tagebuch.“ Gemein bleibt beidem, dass die äußere Form, also Rhythmus und Metrik, perfekt übernommen werden, sodass auch bei den Melodien keine Änderungen vorgenommen werden mussten. Dazu kommt eine inhaltliche Passgenauigkeit, die die Mehrdeutigkeit und den Wortwitz überträgt, ohne die Emotionen zu verlieren – alles in allem also eine echte Glanzleistung, die dem Original in Gänze gerecht werden kann.


Die detailverliebte Choreografie von Andy Blankenbuehler natürlich zum Großteil bestehend aus Hip-Hop Elementen, ist ein weiteres Highlight der Show: Ebenso rasant wie Handlung und Musik, bildet sie einen weiteren wichtigen Mosaikstein des Gesamtkunstwerkes HAMILTON und erzählt die Geschichte in ihrer ganz eigenen Sprache. In der deutschen Inszenierung wurde sie leicht abgeändert, sodass sie mit dem neuen Text punktgenau harmoniert, was aber -wenn überhaupt- nur positiv auffällt.

Ein echter Hingucker sind auch die Kostüme von Paul Tazewell: Stark angelehnt an die Kleidung des 18. Jahrhunderts, schaffen sie es in Kombination mit dem ebenso sehr traditionell und einfach gehaltenen Bühnenbild, die Illusion einer Geschichte aus einer anderen Zeit zu erschaffen. Damit bilden diese Elemente den größten Kontrast zu Musik und Tanz. Für die Hamburger Inszenierung wurde beides haargenau von der Broadway Vorlage übernommen und das Bühnenbild sogar eigens aus Los Angeles importiert. Um den Charme der New Yorker Studiotheaterbühne zu erhalten, auf der Hamilton 2015 entwickelt wurde, wurde die Spielfläche des Operettenhauses deutlich verkleinert. Zu diesem Zweck wurden auch die zahlreichen Scheinwerfer nicht versteckt, sondern als sichtbares von der Decke hängendes Stilmittel eingesetzt. Im Gesamten ist das Bühnenbild wohl das schlichteste Element der Inszenierung: Ein Festbau im Stil eines entstehenden Hauses mit einer Drehbühne als einzigem beweglichen Element. Doch wer HAMILTON kennt, weiß inzwischen, dass das nicht ohne Hintergedanke so inszeniert wurde. Als Hommage an das (Musik-) Theater in seiner ursprünglichsten Form, erinnert diese fast auffällige Unauffälligkeit an etwas, was viele Großproduktionen heute nicht mehr berücksichtigen: Dass es für das Schaffen großer Bühnenmomente eigentlich nie mehr braucht, als eine wirklich gut erzählte Geschichte.

Auch auf der Hamburger Bühne wird diese von einer hochdiversen Cast erzählt, wie es sie auf einer deutschen Bühne bisher noch nicht gab. Und dass das im 21. Jahrhundert überhaupt noch eine Besonderheit darstellt, ist ein weiterer Beleg für die Aktualität von HAMILTON. Die Cast liefert in der besuchten Vorstellung eine überzeugende Leistung ab und sorgte für einige -teilweise überraschende- Highlights. Allen voran Gino Emnes als villain of the history und Hamilton Gegenspieler Aaron Burr. Sowohl seine Rap- als auch die Gesangsparts (besonders stark: Emnes Version von Warte noch/ Wait for it) zeigen, dass hier eine absolute Topbesetzung gefunden wurde.

In die größten Rollenfußstapfen muss wohl Benét Monteiro als Titelfigur Alexander Hamilton treten: Als Nachfolger von Lin Manuel Miranda selbst hat er es nicht leicht, seinen eigenen Hamilton zu etablieren. Das ist ihm auf der Bühne leider (noch) anzumerken – sowohl im Gesang als auch im Schauspiel.


Bei den Darstellerinnen sorgen vor allem Ivy Quaino als Eliza Hamilton sowie Chasity Crisp als Angelica Schuyler für stimmliche und emotionale Höhepunkte. Als völlig berechtigte Publikumslieblinge mauserten sich daneben ebenfalls Jan Kersjes mit seiner sehr gelungenen Parodie auf King George sowie Rapper Redchild mit punktgenauen Rapparts als Mulligan (Akt 1) und James Madison (Akt 2) hervor.

Was kann sie also, die Hamburger Inszenierung von HAMILTON? Auf alle Fälle die enormen Erwartungen erfüllen und die im Vorfeld durchaus sehr kritischen Stimmen zum Schweigen bringen. Denn trotz vereinzelter noch bestehender Holprigkeiten sorgen vor allem die fantastische neue Übersetzung im Zusammenspiel mit den altbewährten enormen Stärken der Show dafür, dass hier etwas geschaffen wurde, das auch in Hamburg viel größer ist als die Summe seiner Teile. Etwas, was eindeutig das Potenzial hat, die revolutionäre Erfolgsgeschichte von HAMILTON nun auch auf Deutsch weiterzuschreiben.

5 von 6 Sternen: ★★★★★
                            Kritik: Laura Schumacher; Fotos: Johan Persson

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  • HAM_HH_Prio1_EinSchuss_(c)Johan_Persson
  • HAM_HH_Prio1_AlexanderHamilton_B(c)JohanPersson

11.09.2022 - Neue Flora/ Hamburg

MAMMA MIA!
ist zurück  in Hamburg

Mamma Mia, here we go again – 20 Jahre nach der Deutschlandpremiere von Mamma Mia in Hamburg kehrte das Jukebox-Musical am 11. September in die Hansestadt zurück. Das Stück bindet die Welthits der schwedischen Kultband ABBA in eine Geschichte aus der Feder von Catherine Johnson ein. Beides wurde von Michael Kunze ins Deutsche übersetzt und ist nun in dieser Fassung als WICKED-Nachfolge im Stage Theater Neue Flora zu sehen.

Die Geschichte präsentiert sich im Stil einer romantic comedy, über die man manchmal schmunzeln, manchmal nur die Stirn runzeln kann. Mutter Donna (Sabine Mayer) lebt mit ihrer Tochter Sophie (Rose-Anne van Elswijk) auf einer griechischen Insel und sorgt sich zunächst nur über ihre Finanzen. Das ändert sich jedoch schlagartig, als Sophie sich verlobt und gerne von ihrem Vater zum Traualtar geführt werden möchte. Denn weder Mutter noch Tochter wissen sicher, wer Sophies Vater ist. Infrage kommen drei verflossene Liebschaften von Donna, die diese eigentlich vor ihrer Tochter geheim halten möchte. Mithilfe alter Tagebucheinträge kann die zukünftige Braut die völlig ahnungslosen Männer jedoch auffinden und sie, ohne das Wissen ihrer Mutter, zur Hochzeit einladen. Dass die Tage vor der Hochzeit und die Feier selbst damit ganz anders verlaufen, als von allen Seiten erwartet und geplant, ist vorprogrammiert.

Was ein erster Blick auf die Handlung schon vermutet lässt, wird beim Besuch der knapp dreistündigen Show nur bestätigt: Die Stärke des Stückes liegt sicher nicht in der Geschichte, obwohl diese streckenweise durchaus Spaß macht. Vielmehr überzeugen dagegen die Hits von ABBA, die durch die Erzählung punktgenau und mit viel Humor in Szene gesetzt werden und im Saal für durchgehend gute Stimmung sorgen. Dabei sind alle großen Melodien vertreten (unter anderem "Dancing Queen", "Voulez-vous" und natürlich "Mamma Mia"), sodass vor allem die Fans der schwedischen Popgruppe hier voll und ganz auf ihre Kosten kommen. Die deutsche Übersetzung der Liedtexte von Michael Kunze ist ebenfalls durchaus gelungen und verleiht den alten Hits einen neuen, humorvollen Charme.

Mit durchweg anzumerkender Freude am Stück kann auch die Cast von Mamma Mia in der Hamburger Inszenierung begeistern und diese Stimmung in den Saal tragen. Sabine Mayer, die die Rolle der Donna bereits mehrfach verkörperte, harmoniert vor allem im Zusammenspiel mit ihren Bühnenfreundinnen Franziska Lessing (Rosie) und Jennifer van Brenk (Tanja). So lässt das flippige Trio die achtziger Jahre wieder aufleben und sorgt auf- und vor der Bühne für einen Lacher nach dem anderen. Rose-Anne van Elswijk (Sophie) und Naidjim Severina, den die Zuschauer:innen der neuen Flora bereits als Fiyero in Wicked kennen, überzeugen ebenfalls stimmlich wie schauspielerisch als junges, verliebtes Paar. Eine passende Besetzung wurde darüber hinaus mit Sascha Bauer (Sam), Tetje Mierendorf (Bill) und Detlef Leistenschneider (Harry) für die möglichen Väter von Sophie gefunden. Im Gesamten liefert das Ensemble eine stimmige und überzeugende Leistung ab, die zum runden und gelungenen Gesamteindruck der Vorstellung einen großen Anteil beitragen.

Das Bühnenbild der aktuellen Inszenierung ist zu dem der vorherigen Fassungen unverändert: Sehr schlicht und ohne große Bühnentechnik werden hauptsächlich zwei Stellwände eingesetzt und verschoben, um die griechische Taverne, deren einzelne Zimmer und andere Spielorte darzustellen. Mit geschickten Lichteffekten gelingt es der Technik aber, trotz des im Vergleich zu anderen Produktionen der Stage Entertainment eher spartanischen Bühnenbildes, den Flair einer griechischen Sommernacht auf der Bühne aufleben zu lassen.

Alles in allem bietet ein Besuch bei MAMMA MIA! ziemlich genau das, was man von der Show erwartet: Wie bei den meisten Jukebox Musicals wirkt die Geschichte sehr konstruiert und die Charaktere eher oberflächlich, da die Musik weder die Handlung vorantreiben, noch tiefergehende Konflikte oder Entwicklungen der Protagonist:innen darstellen kann. Trotzdem  wurden die Lieder geschickt platziert und von einer sehr spielfreudigen Cast gekonnt in Szene gesetzt, sodass im Verlauf der Akte ein Spannungsbogen entsteht, der das Publikum bei Laune hält und immer wieder musikalische Highlights setzen kann. Wer also auf der Suche nach einem unterhaltsamen Theaterstück ist, das gute Musik und noch bessere Stimmung bietet, kommt bei MAMMA MIA! in Hamburg absolut auf seine Kosten. Ein Stück, das einfach Spaß macht - auch nach 20 Jahren.

4 von 6 Sternen: ★★★★
                  Kritik: Laura Schumacher; Fotos: Brinkhoff-Moegenburg


02.09.2022 - Festspielhaus Neuschwanstein/ Füssen

"Bau ein Schloss wie ein Traum"
LUDWIG² in Füssen
Die Show - Backstage

Füssen ist immer eine Reise wert. Ludwig II. hätte bestimmt nicht gedacht, dass knapp 150 Jahre nach seinem Tod, Touristen aus aller Welt in die Region kommen, um seine Traumschlösser zu besichtigen. Zwei Wochen nach seinem Tod wurden sie bereits von Ludwigs Familie für die Öffentlichkeit freigegeben.
Den geschichtlichen Hintergrund über den Bayernkönig erfahren die Touristen bei zahlreichen Führungen durch die Schlösser. Im nicht fertiggestellten Schloss Neuschwanstein verbrachte er immerhin ganze 172 Tage. Sein Tod wurde nie geklärt und bleibt bis heute ein Rätsel.

Zum Leben erweckt wird der Märchenkönig im gegenüberliegenden Festspielhaus Neuschwanstein.

Das Musical erzählt auf emotionale Weise den Lebensweg König Ludwigs II.
Buch und Liedtexte stammen aus der Feder von Rolf Rettberg. Die Musik dazu schrieben Konstantin Wecker, Nic Raine und Christopher Franke.

Im Musical stirbt Ludwig II. zusammen mit dem Arzt Dr. Gudden einen überaus dramatischen Bühnentod. Das Finale findet in einem künstlich angelegten See auf der Bühne statt. Der König wird von einem Auftragskiller (Schattenmann) ermordet, den seine Widersacher engagiert haben. Dr. Gudden ist bei ihm, da er auf Druck von Ludwigs Feinden attestiert hat, dass der Regent geisteskrank ist.

Beim großen Finale wird Dr. Gudden klar, dass der König nicht verrückt ist. Denn er sieht nun selbst dessen Visionen. „Ich lerne gerade, dass man seine Träume nicht mit Füßen treten darf.“ Ludwig II.: „Das hätte Ihnen jedes Kind sagen können.“ Dr. Gudden „Aber nicht jeder König.“ Sie reichen sich im knietiefen Wasser die Hände, um im nächsten Moment erschossen zu werden.

Im Festspielhaus Neuschwanstein ist tatsächlich ein abdeckbarer Pool auf der Drehbühne integriert, welches bereits für das Musical LUDWIG II – SEHNSUCHT NACH DEM PARADIS im Jahr 2000 eingebaut wurde. Es ist der Star des Bühnenbildes. Das Becken ist beheizt, bis zu 1,6 m tief und fasst 90.000 Liter Wasser.
Er spielt nicht nur bei dem dramatischen Finale eine wichtige Rolle. Das Stück beginnt im Kindesalter des Prinzen Ludwig, der den Streit seiner Eltern kaum ertragen kann und meist Zuflucht bei seinem Kindermädchen Sybille Meilhaus (Andrea Jörg) sucht, die ihm die Opern von Richard Wagner nahebringt. Vor allem Lohengrin hat es dem Jungen angetan.
Hier erleben die Zuschauer*innen einen von vielen Höhepunkten im Stück. Bei „Mein Ritter“ steigt der junge Prinz Ludwig in ein Boot und fährt über den See. Das Boot bringt den Prinzen zum gegenüberliegenden Ufer. Dort wird er von seinem erwachsenen Ich in Empfang genommen. Nebenbei vollführt seine, in der Fantasie geschaffene, Schwanenprinzessin (Anna Mertens) eine wundervolle Balletteinlage im Wasser. Es ist ein absolut magischer Moment. Der Zeitsprung in der Handlung wurde gekonnt in Szene gesetzt.

In die Rolle des Königs Ludwig II. schlüpfte an diesem Abend Patrick Stanke. Die Figur ist wie für ihn geschaffen. Anfangs gab er der schüchterne König, der viel zu früh gekrönt wurde. Im 2ten Akt lebt Patrick Stanke den Part des Königs gänzlich aus. Er verkörperte ihn mit einer unglaublichen Intensität, sei es bei seinen Visionen, in denen der Zuschauer fast glaubte, er sei wirklich verrückt oder seine Hilflosigkeit, als er seinen kranken Bruder in der Psychiatrie besucht. Er steht in etlichen Soloparts und Duetten auf der Bühne und jeder Ton sitzt. Seine Interpretation von „Kalte Sterne“ sorgte für einen weiteren Gänsehautmoment während des Stückes.

Im Gegensatz zum Musical ELISABETH wurde in LUDWIG² die Beziehung zwischen dem Bayernkönig und der österreichischen Kaiserin (Sigrid Plundrich) mehr Gewicht gegeben, was in dem wunderschönen Duett „In Palästen geboren“ zum Ausdruck kommt.

Prinz Otto (Michael Thurner) wird in den Krieg geschickt. Graf Dürckheim (Daniel Mladenov) ist es zu verdanken, dass er überlebt hat. Prinz Otto landet nach dem Krieg bei Dr. Gudden in der Nervenklinik. Der Besuch Ludwigs II. in der Klinik bei seinem Bruder mündet in dem herzergreifenden Lied „So kalt mein Herz“.

An diesem Abend verkörperte Alexander Kerbst Dr. Gudden. Hervorragend spielte er die Zerrissenheit des Nervenarztes in dem Gewissenkonflikt, ob er König Ludwig II. für unzurechnungsfähig erklären soll oder nicht.

Graf Dürckheim ist der treue Adjutant des Königs und würde sogar für ihn sterben. Das Duett „Freundschaft“ zwischen Daniel Mladenov und Patrick Stanke ist ein weiteres Highlight im Stück.

Das Kind Prinz Ludwig (Simon Wackersreuther) taucht während des Stücks in Ludwigs Visionen immer wieder auf und redet Tacheles mit seinem erwachsenen Ich: „Tränen, die Du als Kind vergossen hast, reichen für ein ganzes Leben“, „Wo ist der Schwanenritter, wo ist sein Schloss. Eine Krone macht noch keinen König. Wenn es zum Erwachsen werden gehört, die Träume, die man als Kind gehabt hat, mit den Füßen zu treten, dann lohnt es sich nicht, erwachsen zu sein.“

Der Schattenmann wurde von Timo Pfeffer gespielt. Er hat nur ein einziges Lied im ganzen Stück, doch dieses hinterlässt seine Spuren beim Publikum: „Schwarze Schatten“. In vielen Szenen ist er allerdings schon allgegenwärtig. Er taucht zum ersten Mal auf, als Ludwig II. zum König gekrönt wird, so als ob er bereits wusste, dass dessen Leben unter keinem guten Stern stehen wird.

Die Hauptbühne ist 110 qm groß, bespielt werden 87 qm, der Rest ist für die Requisiten, die vor jeder Vorstellung von der Regieassistentin geprüft werden, ob sie am richtigen Platz liegen. Der nicht bespielte Raum wird ebenfalls für das Umkleiden der Darsteller*innen genutzt.

Die Drehbühne ist die zweit größte in Deutschland mit 29 Metern Durchmesser. Die größte befindet sich in der Frankfurter Oper mit 37,4 Meter. Sie wurde gebaut, weil man für das Musical LUDWIG II – SEHNSUCHT NACH DEM PARADIES im Jahre (Premiere am 7. April 2000) König Ludwig in einem Schlitten nachts bei Schnee über die Bühne schicken wollte. Es wurde überlegt, ob Räder unter den Schlitten besser wären oder eine Drehbühne. Man hat sich damals für die Drehbühne entschieden. Das Stück von Franz Hummel (Musik) und Stephan Barbarino (Buch und Liedtexte) stand bis 31.  Dezember 2003 auf dem Spielplan und konnte bei 1.506 Vorstellungen über 1,5 Millionen Zuschauer verbuchen.

Während vieler Szenen wird die Bühne hinten nicht bespielt und kann so vom Zuschauer unbemerkt umgebaut werden, da der hintere Teil durch einen schwarzen Bühnenvorhang getrennt ist.

Der Bühnenturm kann bis zu 48 Züge aufnehmen, das heißt es könnte rein theoretisch 48x der Hintergrund gewechselt werden. Im Sternenvorhang, der des Öfteren in Szene gesetzt ist, sind 2.000 Lampen eingearbeitet.

Bei „Das Auge nass“ ist der König wieder einmal am Zweifeln und steht vor einem roten Vorhang. Als dieser im nächsten Moment fällt, hält ihn Ludwig wie einen Umhang, der sich über die gesamte Bühne erstreckt.

Magische Momente gibt es in LUDWIG² viele. Um diese zu erleben, empfiehlt sich der Besuch des Musicals in Füssen.

Bericht & Backstagefotos:
Verena Bartsch


Szenenfotos:
Michael Böhmländer

02.04.2022 - Forum am Schlosspark/ Ludwigsburg

Das Kreisjugendorchester Ludwigsburg lädt zur
MUSICAL-GALA 2022

unterstützt von Besetzungs-Urgestein Kevin Tarte, sowie Maya Hakvoort und Uli Scherbel. Überraschend auch noch mit von der Partie war Michael Pflumm.

Nachdem die Gala im letzten Jahr leider durch die anhaltenden Corona-Bestimmungen und die immerzu schwierige Infektionslage unter keinem guten Stern zu stehen schien, konnte Sie schließlich gegen Ende des Jahres 2021 noch mit einem Termin nachgeholt werden. Traurigerweise musste Sie allerdings ohne Kevin Tarte, der zum Zeitpunkt des Konzerts leider mit einer Corona-Infektion das Bett hüten musste, stattfinden. Umso erfreulicher dann aber die Nachricht als die neuen Termine für den 02. und 03.04.2022 mit hochkarätiger Besetzung bekanntgegeben wurden und diesmal die beiden Konzertabende auch ohne Terminverschiebung stattfinden durften.

Traditionell eröffnete das Jugendorchester des Landkreises unter der Leitung von Stadtmusikdirektor Roland Haug den Abend mit einem Werk aus der Feder von Philip Sparke mit dem Titel „Merry-Go-Round“. Aber was wäre ein Musical-Konzert ohne einen charmante Begrüßung von Uli Scherbel als Lumiére mit „Sei hier Gast“ aus dem Disney Klassiker ,Die Schöne und das Biest‘.

Trotz einer noch nicht vollständig auskurierten Stimmbandentzündung konnte es sich Kevin Tarte nicht nehmen lassen, den Rat seines Arztes nicht ganz zu befolgen und glänzte in altbekannter Stärke mit einem Titel aus ‚Sound of Music‘.

Wie auch in den vergangenen Jahren gab es auch wieder Solisten aus den Reihen der Musiker. In diesem Jahr hatte das Sopransaxophon, gespielt von Solist Florian Walter seinen großen Auftritt. Direkt gefolgt auf das schöne Solo, welches wir an dieser Stelle nochmal lobend hervorheben wollen, gab es einen weiteren Musical Klassiker den wohl fast jeder kennt. Maya Hakvoort und Michael Pflumm erfreuten uns mit „Tonight“. Erst in diesem Jahr erschien ein neuer Spielfilm der ‚West Side Story‘. Die Idee zum Stück entstand bereits 1949 als man sich darüber Gedanken machte eine moderne Version von Romeo und Julia auf die Bühne zu bringen. Anders als im Shakspeare Klassiker handelt die Geschichte allerdings von ethnischen Konflikten zwischen Puerto-Ricanern und US-Amerikanern, was der Geschichte noch ganz andere Hintergründe gibt und auch wieder aktueller denn je ist.

Für einen Titel der Kevin sehr am Herzen liegt übernahm er die Anmoderation kurzerhand selbst und es gab in diesem Moment kaum bessere Worte um all die schlimmen Dinge die aktuell in der Welt passieren und die Bedeutung des amerikanischen Volksliedes „At the river“ zusammenzufassen. Trotzdem schaffte er es dem Publikum einen kleinen Lacher zu entlocken bei der Frage, ob es ‚der‘ Fluss oder ‚das‘ Fluss sein muss und er schließlich zu der Erkenntnis kam, dass im schwäbischen auch ‚das Fluss‘ vollkommen in Ordnung geht.

Vor der Pause gab es für alle Gäste noch ein Werk aus dem Stück ‚Jekyll and Hyde‘ sowie die „Starlight Sequenz“ von Andrew Lloyd Webber mit der wunderschönen Botschaft, dass man alles schaffen kann, wenn man nur an sich glaubt.

Direkt nach der Pause ging es nach einem schönen Instrumental mit Maya direkt ins eisig kalte Arendelle zur Eiskönigin aus dem gleichnamigen Disney Film und flogen gemeinsam mit Uli aus unserer gemeinsamen Wohnung im „ehrenwerten Haus". Doch all die Mühen lohnten sich als wir bei Ihrer kaiserlichen Majestät Elisabeth im schönen Österreich zur Audienz geladen wurden.

Wer dann aber immer noch nicht genug hatte bekam gleich eine ganze Palette von Angeboten. Übernachten? Oder einfach gleich zum Frühstück zu bleiben? Bei diesem charmanten Angebot kann man doch kaum nein sagen oder vielleicht doch lieber alle gemeinsam ‚Im Weissen Rössel‘ am Wolfgangsee einkehren und die ,Time of my Life´ haben?  Da blieb kein Wunsch des Publikums mehr offen. Da die traditionelle Autogrammstunde auch in diesem Jahr nochmals ausfallen musste gab es aber stattdessen eine etwas verlängerte Zugabe mit „My Way“, „Something Stupid“ und „Thank you for the music“ in der deutschen Fassung die den kompletten Abend so wunderbar mit den Worten: Danke für die Lieder, zusammenfasst.

6 von 6 Sternen: ★★★★★★
                                                    Kritik & Fotos: Sabrina Bühler

15.03.2022 - LANXESS arena/ Köln

HANS ZIMMER Live - Europe Tour
Ein Hauch von Hollywood in Köln

Am 16. März gastierte Hans Zimmer für einen Abend in der Lanxess Arena in Köln. Der deutsche Filmkomponist arbeitet und lebt in Hollywood. Mittlerweile hat er für mehr als 200 Projekte über alle medialen Bereiche hinweg die Musik komponiert.

Nach der Opening Nummer wurde es in Köln erstmal ernst. Nicht nur, dass die Tournee immer wieder verschoben werden musste, … „Wir haben ein Orchester aus der Ukraine gebucht“, so Hans Zimmer. „Am Ende haben wir nur zehn Musikerinnen herausbekommen.“ Für diese gab es vom Kölner Publikum erstmal Standing Ovation und Hans Zimmer widmete für all die starken Frauen das nächste Stück, „Wonder Woman“.

Das Publikum durfte auf ein mitreißendes Programm gespannt sein und für 2 ½ Stunden in die Tiefen seiner Filmmusik abtauchen. „Ich spiele ein paar Lieder, die euch gefallen, aber auch ein paar Lieder, die ich gerne spiele“ so Hans Zimmer.

Insgesamt setzte man auf 12 Konzertsuiten. Hier wurden jedoch nicht, wie bei anderen Konzerten, Filmschnipsel der betreffenden Filme eingespielt, man setzte auf eine imposante Bühnenshow, die perfekt auf die Musik abgestimmt war. Hierfür verpflichtete Hans Zimmer die Top-Kreativen aus dem amerikanischen Showbusiness. John Featherstone zeichnete sich für das Lichtdesign verantwortlich, Derek McLane hatte das Bühnenbild entworfen und Peter Nigrini sorgte für das Videodesign. Auf der Videoleinwand gab es dennoch kleine Hinweise zu den jeweiligen Filmen.

Neben Hans Zimmer sorgte seine 19-köpfige Band und das Orchester für den richtigen Sound. 300 Instrumente aus der ganzen Welt kamen zum Einsatz.
Mit dem Komponisten standen zudem auch seine Weggefährten auf der Bühne, so etwa bei „Gladiator“ Lisa Gerrard, mit der er damals den gleichnamigen Soundtrack aufnahm.
Die „Pirates of the Caribbean-Suite“ durfte genauso wenig fehlen wie jene zu „Batman“.

Ein besonderes Highlight des Abends war die „Interstellar-Suite“. Dank des Lichtdesigns wurde die Arena zu einem Sternenmeer. Bei der Musik aus Christopher Nolans Blockbuster schwebte man förmlich durch die Arena und verlor sich in den Weiten des Weltalls zu den Klängen von Geige und Gesang. Bei diesem Konzert gab es jede Menge Gänsehautmomente.

Zu einem weiteren Highlight wurde die „Disneys Die König der Löwen-Suite“, mit DER König der Löwen Stimme Lebo Morake.
Sein neuster Soundtrack „Dune“ durfte ebenfalls nicht fehlen.
Die erste Zugabe des Abends erkannte dann aber doch jeder im Publikum, und zwar „James Bond“.
Den Schlusspunkt setzte Hans Zimmer mit, dem bei Fans überaus beliebten, „Time“ aus „Inception“. Der Score zu Christopher Nolans Meisterwerk brachte dem Deutsch-Amerikaner zumindest eine Oscar-Nominierung ein.

„And the Oscar goes to -
Hans Zimmer.“

In der Nacht vom 27. auf den 28. März 2022 bekam der gebürtige Deutsche für „Dune“ seinen zweiten Oscar in der Kategorie „Original Score“.
Seinen ersten Oscar erhielt er 1995 für „Disneys Der König der Löwen“. Bis heute war er mehr als 10-mal nominiert. Außerdem brachten ihm seine Musik drei Golden Globes („Disneys Der König der Löwen“, „Gladiator“ und „Dune“) und drei Grammys („Disneys Der König der Löwen“, „Crimson Tide“ und „The Dark Knight“) ein.

Am 12.April gastiert Hans Zimmer in der Wiener Stadthalle. Wer genügend Geld zur Verfügung hat, der kann noch Tickets zwischen 129,- Euro und 298,- Euro erhalten.

6 von 6 Sternen: ★★★★★★
                              Kritik: Verena Bartsch; Fotos: Dita Vollmond



 

 

 

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