15.02.2024 - Komödie am Kai/ Wien

ALLES FÜR MAMA

ALLES FÜR MAMA ist wie ein Musketier-Schwur für die drei ungleichen Brüder Herbert (Rochus Millauer), Theo (Victor Kutscher) und Wolfi (Felix Millauer). Sie tun alles für ihre Mutter, sogar eine Entführung.

Victor Kutscher, Irene Budischowsky, Felix Millauer, Rafael Witak, Rochus Millauer


Für ein kleines Häuschen im Grünen nach einem Herzinfarkt ihrer Mutti brauchen sie 120.000 Euro. So entführen sie die unbarmherzige kalte Ex-Chefin eines Multimillionen-Konzerns Konstanze (Irene Budischowsky). Sie ist die eigentliche Schuldige am schlechten Gesundheitszustand der Mutter. Bis zur totalen Erschöpfung hat sich diese aufgeopfert und wurde dennoch gekündigt. Die Firmenwohnung ist desolat und zeigt die Verachtung der Dienstgeberin. Nicht gut durchdacht, kidnappen die drei Brüder Konstanze und sind selbst überrascht, dass es auch funktioniert hat. Angekettet am Heizungsrohr, noch betäubt, sind die drei planlos, wie es weitergehen soll. Als Konstanze wieder bei Sinnen ist, übernimmt sie die Führung. Klar strukturiert denken, ohne jegliche Angst und stets ihrer Position bewusst, verunsichert sie die drei Brüder immer mehr. Ihr Sohn Christian (Rafael Witak) will jedoch die für ihre Familie läppische Summe von 120.000 Euro nicht zahlen. Da beginnt bei der alten Dame ein Umdenkprozess. Christian, beliebter Moderator einer Fernsehsendung, welche Familien wieder zusammenführt, ortet dennoch Mutters Handy und erscheint in der Wohnung. Es kommt zu einer verbalen Auseinandersetzung, bei der sich ihre unterschiedlichen Persönlichkeitsentwicklungen zeigen.
Ob die beiden zueinanderfinden und ob es für die liebenswürdigen Kidnapper ein Happy End gibt, ist noch bis zum 23. März in der Komödie am Kai zu sehen.

Stefan Vogels Gauner-Komödie ALLES FÜR MAMA ist im Vergleich zu seinen anderen Stücken, wie etwa „Die Niere“ schwächer im Dialog und Handlungsdrive, was jedoch durch die gelungene Regie von Sissy Boran und Andrea Eckstein sowie Irene Budischowsky (Konstanze), Rochus Millauer (der älteste der Brüder, Herbert) und Rafael Witak (Christian) wettgemacht wurde. Sehr emotional, aber auch rational verkörpern sie ihre Figuren und verleihen ihnen eine gewisse Tiefe.

Irene Budischowsky ist die kalte, emotionslose Geschäftsfrau, die dennoch tief in ihrem Inneren ein großes Mutterherz hat. Konstanze zeigt ihre Liebe durch finanzielle Großzügigkeit, Christian wünscht sich jedoch von ihr primär Einfühlungsvermögen, Verständnis und Nähe. Emotional erklärt er ihr seinen tiefen Schmerz, wie als kleiner Junge sein geliebter Teddy kaputt wurde. Seine Mutter hatte ihn umgehend durch einen neuen ersetzt. War es zwar das gleiche Modell, aber nicht SEIN Teddy, den er über alles geliebt hat.

Felix Millauer als jüngster Bruder Wolfi, ist im stetigen Konflikt mit sich selbst und rastet dadurch ständig aus, und das oft und unkontrolliert.
Viktor Kautsch ist der Neurotiker und mittlere Bruder Theo. Er macht das Gauner Trio, deren Beschreibung „Dümmer als die Polizei erlaubt“ mehr als zutreffend ist, komplett.

ALLES FÜR MAMA ist ein heiteres Stück, das auch zum Nachdenken anregt. Geld kann schließlich Liebe und Zuneigung nicht ersetzen.

4 von 6 Sternen: ★★★★
                             
Kritik: Michaela Springer; Fotos: Komödie am Kai

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Mehr Infos unter: www.komoedieamkai.at

Victoria Sedlacek, Vincent Bueno

14.02.2024 - Wiener Metropol

TWIST! - Das Metropol Musical

„Back to the 60s“ heißt es seit 14. Februar im Wiener Metropol. Das neue Musical TWIST! versucht die goldene Ära wieder aufblühen zu lassen. Chubby Checker feierte 1960 mit dem gleichnamigen Song weltweit Erfolge. Selbst heute noch wird dazu geswingt, so auch bei der Premiere. Aber genügt ein Song für ein storyloses Musical? Definitiv NEIN. Man erwartet sich nicht gleich ein Epos, aber Juke-Box Musical-Niveau sollte es schon haben. Die Story von Peter Hofbauer ist sehr dünn und teilweise nicht logisch nachvollziehbar. Da hat man im Metropol schon einfallsreichere Stücke von ihm gesehen.

Martin Oberhauser, Dagmar Bernhard

Das Tanzmagazin steht kurz vor er Pleite. Ein Tanzpaar soll zu einem großen Tanzevent in die USA entsandt werden. Silvio, ehemaliger Tänzer und Redakteur der Zeitschrift. Cindy, die junge Geliebte Hugo, dem Chef des Verlagshauses. Die Chefredakteurin Barbara ist die noch Ehefrau und heimliche Angebetete von Hugos Bruder Boris. Es kommt, wie es kommen muss. Silvio und Cindy verlieben sich ineinander. Sie sieht sich schon vor dem Altar, als er ihr gesteht, dass er nur seine Karriere im Fokus hat. Darauf beendet sie die Beziehung. Damit platzt auch der Traum von Auftritten in den USA für ihn, sowie die Werbeverträge für sie. Doch ganz nach Cinderella Art kehrt er mit einem Tanzschuh zurück, der ihr ganz zufällig passt, … und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Denise Jastraunig, Markus Richter, Bernhard Viktorin, Elisabeth Blutsch

Es gibt durchaus witzige Regieeinfälle, wie das Einsetzen der „Dancing Star“ Juroren. Warum aber Karina Sarkissova Harald Serafin bei seiner zögernden Punktevergabe nachhilft, indem sie ihren Kopf in seinen Schoss legt, ist völlig sinnentfremdet. Warum sollte sie das tun? Sie kennt das Tänzerpaar nicht und hat so eigentlich keine Ambitionen sie mit vollem Körpereinsatz zu unterstützen. Nur des Gags Willen?
Die völlige Überraschung Cindys, als der große Werbevertrag wegfällt, nachdem sie das Aus verkündet hat, ist unverständlich. So naiv waren die Frauen der 60iger Jahre auch wieder nicht. Die Frau als Dummerchen abzustempeln, das nur die Hochzeit als höchstes Ziel vor Augen hat, ist ein veraltetes Klischeebild, das nicht der Realität entspricht und zum Beispiel die Physikerinnen Lise Meitner oder Berta Karlik widerlegen. Auf dieses Klischee wird noch mit dem Cinderella Happy End eines draufgesetzt. Wenn der Schuh passt, ist alles vergeben und vergessen, egal wie sich der Mann benommen hat.

Martin Oberhauser, Markus Richter, Bernhard Viktorin

Beim Ensemble ist Markus Richter besonders zu erwähnen. Er verleiht der Rolle des Fotografen einen liebevollen Wiener Charme. Am Schluss hat er schließlich auch als Mutti der Brüder Hugo und Boris einen glanzvollen Auftritt.
Stimmlich überzeugt Dagmar Bernhard als Barbara, wenngleich auch sie gegen die schlecht ausgesteuerte Tonanlage ankämpfen muss.
Das Tanzpaar Vincent Bueno (Silvio) und Victoria Sedlacek (Cindy) hat durchaus ihre lichten Momente, bei „Dancing Stars“ wären sie allerdings kaum in die zweite Runde gekommen.
Weiters sind noch Bernhard Viktorin als schüchterner, aber liebenswerte Boris, Martin Oberhauser als egozentrischer Direktor des Verlagshauses und Elisabeth Blutsch und Denise Jastraunig als arrogante Sekretärinnen Rita und Linda zu sehen.

Die Band unter der musikalischen Leitung von Valentin Oman vermag die Oldies routiniert abzuspulen. Elisabeth Blutsch sorgt für die passenden Choreografien.
Die Kostüme sind teilweise zu groß, was eher den 80er Jahren entspricht, die Perücken, speziell jene von Markus Richter, grauenvoll. Und auch das Bühnenbild ist, der Fastenzeit entsprechend, mager ausgefallen. Dafür zeichnet sich Ilona Glückel verantwortlich.
Man erfährt von den Charakteren nicht sehr viel. Sie bleiben eindimensional und sind frei von jeglicher Vielschichtigkeit. Es bleiben viele Fragezeichen, die jede und jeder für sich beantworten könnte, wenn sie/er einen Abstecher zu TWIST! wagt.

2 von 6 Sternen: ★★
                            Kritik: Michaela Springer; Fotos: Wiener Metropol

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Das Musical ist noch bis 9. März zu sehen.

Mehr Infos unter: www.wiener-metropol.at

11.02.2024 - Colony TennisClub Penzing/ Wien

EXTRAWURST
Kulturkampf am Griller eines Tennisvereins

Die Komödie EXTRAWURST stammt aus der Feder von Dietmar Jacobs (Drehbuch u.a. für „Stromberg", „Pastewka“) und Moritz Netenjakob (Chefautor u.a. für „Switch“ und „Die Wochenshow“).
Unter der äußerst gelungenen und kreativen Regie von Marcus Strahl feierte die bitterböse Komödie mit Tiefgang und österreichischem Charme am 11.2.2024 Premiere. Idealerweise fand der Premierenabend in einem renommierten Tennisclub in Wien Penzing statt. Da das Publikum als Tennismitglieder in das Stück involviert wurde, passte das Ambiente perfekt.

Im Tennisverein UTC Ottenschlag soll ein neuer Griller angeschafft werden. Der Obmann Stellvertreter Matthias (Johannes Petautschnig) hat quasi den Ferrari unter den Grillern ausgesucht. Der Traum jedes Grillmeisters. Der Obmann Harald (Reinhard Nowak) will sogleich den Antrag durchwirken, um zum gemütlichen Teil des Abends zu kommen. Doch da macht ihm Melanie (Anna Sophie Krenn) einen Strich durch die Rechnung. Sie meldet sich zu Wort und setzt sich für ihren muslimischen Tennispartner Erol (Anatol Rieger) ein, der aus Glaubensgründen nicht vom gleichen Grill essen darf, wenn dort bereits Schweinefleisch gegrillt wurde. Erol sieht anfangs kein Problem, doch Melanie beharrt darauf, da es schließlich um Respekt und Toleranz geht. Die anderen sehen nicht ein, einen zusätzlichen Griller für nur eine Person zu kaufen. Immer mehr erhitzen sich die Gemüter und es droht die Eskalation.

Wenn aus einer Banalität eine Ideologie entfacht wird, hat das Diskussionspotential und lässt die Gemüter der Zuschauer nicht kalt. Es ist eine Gradwanderung mit einem äußerst brisanten Stoff, der das Publikum dennoch zu erheitern vermag. Jede Figur hat seine eigene politische und religiöse Sichtweise und vertritt diese vehement, was die Wogen hochgehen lässt. Das Schweinewürstel ist nur das Zünglein an der Waage und lässt Ängste und Vorurteile aufbrechen.

Das Stück rüttelt auf und unterhält. Marcus Strahl hat es sehr feinfühlig und rasant inszeniert. Martin Gesslbauer hat ein das passende Bühenbild in die Tennishalle gezaubert. Das Ensemble agiert hervorragend und glaubhaft. Die jeweiligen Argumente sind hart, oft nicht politisch korrekt, spiegeln aber so manche Gesinnung wider.

Die Figuren sind klischeehaft überzeichnet und doch sehr treffend beschrieben. Reinhard Nowak, der Obmann, ein typischer Österreicher, gemütlich, konfliktscheu und aufbrausend.
Johannes Petautschnig, ein echter Kärntner mit freiheitlicher Gesinnung.
Thomas, Alexander Hoffelner, der Mann von Melanie ist Ateist und betrachtet alles sehr analytisch. Als Marketing-Leiter hat er so manchen zynischen Slogan parat. An sich ist er entspannt, bis seine Eifersucht auf Erol als Tennispartner seiner Frau entbrennt.
Anna Sophie Krenn ist die in allen Richtungen tolerante, aber auch selbstbewusst und -bestimmende im Club.
Und schließlich ist da noch Anatol Rieger, gut betuchter türkischer Anwalt, mit einer Burgenländerin verheiratet und bestens integriert. Im Laufe des Stückes beweist er als bestens integrierter Türke ebenfalls viel Temperament und zeigt, dass auch er rassistisches Gedankengut gegenüber Ausländern, die in Österreich in einer Parallelgesellschaft leben, in sich trägt.
Schlussendlich entscheidet das Publikum, ob ein zusätzlicher Griller angeschafft werden soll.

EXTRAWURST, eine „Neue Bühne Wien"-Produktion, unter der Intendanz und Regie von Marcus Strahl bietet beste Unterhaltung auf hohem Niveau.

5 von 6 Sternen: ★★★★
Kritik: Michaela Springer; Fotos: Robert Peres; Sujet: Neue Bühne Wien

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Bis 1. März wird nun im THEATER CENTER FORUM gespielt, danach geht es auf eine Tournee durch Niederösterreich und auch die Steiermark.
Alle Termine finden sich unter: www.nbw.at

07.02.2024 - Wiener Stadthalle

FOOTLOOSE
On Tour

1984 tanzte sich Kevin Bacon im Kino in die Herzen der vorwiegend weiblichen Fans, 1998 folgte eine mit 700 Vorstellungen beachtenswerte Bühnenfassung am Broadway und 2011 brachte Paramount Pictures ein Remake in die Kinos, in welchem die Figuren weiterentwickelt wurden, und mehr Tiefe bekamen.

Die Geschichte handelt von Ren McCormack, einem jungen Mann, der mit seiner Mutter in eine kleine Stadt zieht, in der das Tanzen und jegliche Form von Musik verboten ist. Ren, der ein leidenschaftlicher Tänzer ist, kämpft gegen diese restriktiven Regeln an und versucht, die Gemeinschaft davon zu überzeugen, dass Musik und Tanz Ausdruck von Freiheit und Lebensfreude sind. Währenddessen verliebt er sich in Ariel, die rebellische Tochter des örtlichen Predigers. Ariel hat ihre eigenen inneren Konflikte und sehnt sich nach Freiheit. Gemeinsam mit Ren und einer Gruppe von Freunden versuchen sie, das Verbot zu umgehen und eine Tanzveranstaltung zu organisieren, die die Stadt für immer verändern könnte.

Ab 7. Februar findet sich für wenige Tage die Tournee-Produktion von FOOTLOOSE in der Wiener Stadthalle ein und fasziniert mit einer bunt gestalteten Bühne, die kreative Akzente setzt. Jedoch trübt die mittelmäßige Choreografie von Timo Radünz das Gesamtbild. Die Tänze, das Herzstück eines solchen Musicals, verfehlt die gewünschte Präzision und Energie.

Besonders hervorstechend sind die gesanglichen Schwächen, insbesondere bei der Darstellung der Schlüsselrolle von Ariel, die von Helena Lenn gespielt wird. Die Vielschichtigkeit ihrer Charakterentwicklung von der Pfarrerstochter zum rebellischen Mädchen kommt nicht zur Geltung. Hier fehlt es sowohl schauspielerisch als auch gesanglich an Überzeugungskraft.

Raphael Groß ist hingegen ein überzeugender Ren und brilliert mit seiner gesanglichen Leistung. Seine Darstellung trägt dazu bei, das Publikum zu fesseln und in die Handlung zu ziehen.

Ariels Eltern, Shaw und Vi Moore, sind mit den Musicalgrößen Ethan Freeman und Kerstin Ibald prominent besetzt. Sie ragen durch emotionale Intensität in ihren Szenen heraus. Ihre überzeugenden Darstellungen verleihen dem Stück einen Hauch von Authentizität und Tiefe.

Gleiches gilt für Martijn Smids in der Rolle von Willard, der mit seiner naiven und tollpatschigen Art das Herz der Zuschauer erobert.

Trotz dieser individuellen Höhepunkte ruft die Inszenierung von Manuel Schmitt zwiespältige Gefühle hervor und erweckt durch manche Elemente, wie auch bei den Kostümen von Lukas Pirmin Waßmann, den Eindruck einer Low Budget Produktion.
Dennoch kann man in Summe einen unterhaltsamen Theaterabend erleben, der trotz einiger Schwächen durchaus seine Momente der Freude bietet.

3 von 6 Sternen:
                               Kritik: Elisabeth Springer; Fotos: Nico Moser


Alle Infos und weitere Termine zu FOOTLOOSE unter: www.showslot.com

Vincent Glander (Erzaehler), Matthew Newlin (Candide), Nikola Hillebrand (Cunegonde), Taenzer

19.01.2024 - Museumsquartier/ Wien

CANDIDE

„Eine Liebeserklärung an die europäische Musik“ bezeichnete Leonard Bernstein sein Werk CANDIDE, das auf Voltairs Roman „Candide“ aus dem Jahre 1759 basiert. Es ist seit 17.1. als szenische Aufführung in Englisch mit deutschen Obertiteln im Wiener Museumsquartier, der Ausweichspielstätte des MusikTheater an der Wien, zu sehen.
Das Stück wurde am 1. Dezember 1956 erstmals aufgeführt, danach mehrmals von Bernstein überarbeitet, bis es schließlich 1988 seine Vollendung fand. Es ist ein Meisterwerk, eine Mischung aus Operette, Musical und Revue, vervollständigt durch verschiedene Tanzformen wie Gavotte, Walzer, Polka und Tango. Bernstein verstand es, die Tiefen des menschlichen Verderbens leicht und frech umzusetzen, mit wunderbaren und beindruckenden Melodien. Das Buch stammt von Hugh Wheeler, die teils sarkastischen Gesangstexte von Richard Wilbur.

Vincent Glander (Erzaehler), Matthew Newlin (Candide), Nikola Hillebrand (Cunegonde), Taenzer

Zu Beginn leben die Protagonistinnen und Protagonisten wie in einer Seifenblase. Dr. Pangloss, ihr Gelehrter unterrichtet sie, dass sie in der bestmöglichen Welt leben. Alle sind glücklich, auch die Kriegsversehrten und Syphiliserkrankten tanzen. Doch auch wenn die Seifenblase relativ schnell zerplatzt, ist es eine lange Reise für Candide, bis sein Optimismus durch Kriege, Katastrophen und die toxische Beziehung zu seiner Angebeteten Cunegonde endgültig gebrochen wird.

Mark Milhofer (Governor)

Die Inszenierung von Lydia Steier ist bunt (das zeigt sich auch an den ausgefallenen Kostümen von Ursula Kudrna), schrill und sehr direkt. Immer wieder gleitet sie ins derbe. Das Publikum wird mit einer optischen Reizlawine überflute, wie wild tanzende Geistliche oder Toreros mit der Gottesmutter auf der Vorderseite ihrer Hosen. Der Governor (Mark Milhofer) von Buenos Aires bevorzugt es, sich selbst durch ein rosa Sexspielzeug oder durch Cunegonde mittels Gurke anal zu befriedigen. Zudem frönt er dem Kokain-Konsum.

Nikola Hillebrand (Cunegonde), Paul Knights (Don Issachar), Ensemble

Auch die Arie „Glitter And Be Gay“ wird sexuell interpretiert. Eigentlich singt Cunegonde über Luxus und Schmuck, was eine Parodie auf Charles Gounods Juwelier-Arie aus der Oper „Faust“ ist. Hier jedoch reihen sich die Männer hintereinander auf das Bett Cunegondes zu einer Orgie, zu der auch ein Bischof und ein gut bestückter Jude nicht nein sagen. Hier wir das Wort „Gay“ offensichtlich mit schwul interpretiert und nicht mit der ursprünglichen Bedeutung von fröhlich und vergnügt. Nikola Hillebrand begeistert stimmlich in dieser grotesken Szene, die auch vollen Körpereinsatz von ihr abverlangt.
Auf einer abschließenden Party in Venedig geht es hoch und heiß her. Die Regisseurin zeigt hier nochmals alles, was sie über sexuelle Ausschweifungen zu wissen scheint. Das wird dann auch Candide endgültig zu viel und er erkennt, dass das Leben eben nicht nur gut ist, sondern auch schlecht. Er heiratet Cunegonde dennoch und kauft mit ihr ein Haus mit Garten: „Make Our Garden Grow“.

Helene Schneiderman (Old Lady), Vincent Glander (Erzaehler), Mark Milhofer (Ragotski), Nikola Hillebrand (Cunegonde), Tatiana Kuryatnikova (Paquette), A.S.Chor

Lydia Steier legt es darauf an, zu provozieren. Eine teils modern-dekadente Inszenierung, die sich auch vor offen gezeigten homosexuellen Handlungen und Gewalt nicht scheut. Wie jede(r) Einzelne diese Offenherzigkeit aufnimmt, ist Geschmackssache. Man gewinnt den Eindruck, dass die Regisseurin die Massen ansprechen möchte. Ist das Legitim? Natürlich. Aber Musik und Texte sprechen bereits eine feine Sprache, was diese übertriebene Bühnenshow eigentlich nicht braucht, um zu begeistern.

Matthew Newlin als Candide überzeugt als ewiger Optimist.

Der Gelehrte Dr. Pangloss (Ben McAteer) begleitet Candide quer über den Erdball, auf der Suche nach Cunegondes, auch wenn er in Lissabon zwischenzeitlich mit einigen anderen von der Inquisition gehängt wird. Diese Szene erinnert an „Always Look On The Bright Side Of Life“ aus Monty Pythons „Das Leben des Brian“.

Matthew Newlin (Candide), Ben McAteer (Dr. Pangloss), Arnold Schoenberg Chor, Taenzer, Ensemble

Vincent Glander führt als Erzähler durch den Abend. Mit seiner gut akzentuierten, britischen Aussprache bildet er den Ruhepol im Stück. Sarkastisch interpretiert und erzählt er die Geschichte in bester Monty Python Manier.

Das gesamte Ensemble ist perfekt besetzt und im Kollektiv mit dem Arnold Schoenberg Chor stimmlich stark.

Der Star des Abends ist das ORF Radio-Symphonieorchester unter der Leitung von Marin Alsop, ehemalige Schülerin Leonard Bernsteins. Vom Publikum wurde sie mit tobendem Applaus begrüßt und verabschiedet.
Die Akustik im Museumsquartier ist bekanntlich nicht die beste und so manche Musicalproduktion wurde so zur Qual für die Zuhörer:innen. Doch für CANDIDE hat man die ideale Abstimmung gefunden.

Trotz einer zwiespältigen Umsetzung, welche die zwei Sterne Abzug in der Bewertung bringen, ist CANDIDE im Museumsquartier dank der musikalischen und darstellerischen Qualität einen Besuch wert.

  • Ben McAteer (Dr. Pangloss), James Newby (Maximilian), Nikola Hillebrand (Cunegonde), Matthew Newlin (Candide), Tatiana Kuryatnikova (Paquette)
  • Matthew Newlin (Candide), Tatiana Kuryatnikova (Paquette), Nikola Hillebrand (Cunegonde), Ben McAteer (Dr. Pangloss)
  • Nikola Hillebrand (Cunegonde), Matthew Newlin (Candide)
  • Vincent Glander (Erzaehler), Matthew Newlin (Candide), Arnold Schoenberg Chor, Taenzer, Ensemble
  • Matthew Newlin (Candide), Ben McAteer (Dr. Pangloss), Arnold Schoenberg Chor, Taenzer, Ensemble,
  • Helene Schneiderman (Old Lady), Nikola Hillebrand (Cunegonde)
  • Helene Schneiderman (Old Lady), Tänzer
  • Mark Milhofer (Captain), Vincent Glander (Erzaehler), Lina Lottes (Cacambo), Matthew Newlin (Candide), Nikola Hillebrand (Cunegonde), Helene Schneiderman (Old Lady)
  • Mark Milhofer (Governor), Helene Schneiderman (Old Lady), Nikola Hillebrand (Cunegonde), Taenzer
  • Mark Milhofer (Governor), Helene Schneiderman (Old Lady)
  • Mark Milhofer (Vanderdendur), Taenzer, Arnold Schoenberg Chor
  • Mark Milhofer (Vanderdendur), Vincent Glander (Erzaehler), Taenzer, Arnold Schoenberg Chor, Ensemble
  • Matthew Newlin (Candide), Taenzer, Ensemble
  • Paul Knights (Charles Edward), Benjamin Heil (Stanislaus), Arvid Assarsson (Hermann Augustus), James Newby (Tsar Ivan), Benjamin Savoie (Sultan Achmet)
  • Ben McAteer (Dr. Pangloss), Mark Milhofer (Ragotski), Arnold Schoenberg Chor, Taenzer, Ensemble


CANDIDIE, noch bis 3. Februar im Museumsquartier zu sehen.

4 von 6 Sternen: ★★
                         Kritik: Wolfgang Springer; Fotos: Werner Kmetitsch

www.theater-wien.at

v.l.n.r. Marcus Strahl, Marion Rottenhofer, Leila Strahl, Hubert Wolf

16.01.2024 - Theater Center Forum/ Wien

DIE NIERE
Premiere

Was würden sie tun, wenn ihr Partner, ihre Partnerin eine neue Niere benötigt und sie die passende Blutgruppe, also der ideale Spender wären? Ist man durch das Eheversprechen verpflichtet sein gesundes Organ zu spenden oder darf man über die eigenen Risiken nachdenken und zögern. Sicherlich eine Zerreißprobe zwischen den Erwartungen des ultimativen Liebesbeweises und den Ängsten. Schließlich bringt jede Operation Risiken mit sich. Vor genau diesem Problem stehen Kathrin (Marion Rottenhofer) und Arnold (Hubert Wolf) in der Komödie DIE NIERE von Stefan Vögel.

Kathrin hat bei einer jährlichen Routineuntersuchung erfahren, dass sie eine Niere benötigt. Ihr äußert erfolgreicher Ehemann, der Architekt Arnold, wäre ein idealer Spender, aber er zögert. Sein neues Bauprojekt, der Diamond Tower braucht seine ganze Aufmerksamkeit. Der phallusähnliche Turm dominiert per Videowall (Sam Madwar) das Bühnenbild. Zentriert, zieht er immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich.
Als das befreundete Ehepaar Diana (Leila Strahl) und Götz (Marcus Strahl) die schlechte Nachricht erfahren, zögert Götz keine Sekunde seine Niere zu spenden. Arnold sieht das aber wiederum als Annäherungsversuch zu seiner Frau und fühlt sich in seiner Ehre verletzt. So schlittern beide Paare in Ehetragödien. Diana hat eine Affäre, die ans Tageslicht kommt und Kathrin erfährt, dass die Befundergebnisse vertauscht wurden und er derjenige ist, der die Niere benötigt. Oder ist es doch ganz anders?

DIE NIERE ist eine schwarze Komödie mit sarkastischen Dialogen und Tiefgang. Dabei bedient sie sich nicht nur den üblichen Klischees. Die Story ist spritzig, amüsant, regt aber auch zum Nachenken an. Wie würde man selbst handeln?
Hubert Wolf als Arnold macht die größte Wandlung im Stück durch. Vom erfolgreichen Architekten zum niedergeschmetterten, leidenden Kranken. Herrlich seine Überlegungen, wie er die OP umgehen kann.
Marion Rottenhofer als Kathrin genießt ihre Überlgenheit, kostet sie so richtig mit Sarkasmus aus.
Leila Strahl als Diana, ist eine strahlende Erscheinung, die weiß, was sie will und sich gekonnt in Szene setzten kann, nicht aufdringlich, sondern charmant und vollem Esprit.
Marcus Strahl ist von Anfang an der geradlinige Freund, der zu seinem Wort steht, egal was kommt. Er ist ehrlich und hat Handschlagqualität. Er ist er Sympathieträger, mit dem man Mitleid als gehörnter Ehemann hat.
Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen die Apothekerin Diana.

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DIE NIERE, noch bis 3. Februar im Theater Center Forum.

5 von 6 Sternen: ★★★★★
                      Kritik: Michaela Springer; Fotos: Neue Bühne Wien

www.theatercenterforum.at

hinten v.l.n.r.: Benjamin Slamnig, Alfred Pfeifer, André Bauer, Herwig Gratzer; vorne v.l.n.r.: Bettina Soriat, Michelle Härle, Elisabeth Engstler

15.01.2024 - Gloria Theater/ Wien

EWIG JUNG
Premiere

Wir schreiben das Jahr 2060. Disney+ und Co. haben die Theater abgelöst und so dient das ehemalige Gloriatheater als Altersresidenz für sechs in die Jahre gekommenen Künstler:innen. Diese treffen sich regelmäßig im Gemeinschaftsraum unter der Aufsicht der strengen „Kill Bill“ pfeifenden Schwester Michaela, die sie wie Kleinkinder behandelt. Aber kaum ist sie verschwunden, entfacht die Lebensfreue der Senioren aufs Neue. Die Jahre haben körperliche und/oder geistige Spuren hinterlassen, das Äußere hat sich verändert, aber im Herzen sind sie immer noch jung, wie auf den Fotos an der Wand. Alt werden ist eben nichts für Feiglinge und so schwelgen sie in Erinnerungen an vergangene Zeiten. Die Harley-Davidson wurde schon lange gegen einen Rollator eingetauscht und muss nun als heiße Maschine bei „Born to be Wild“ herhalten.
Mit Slapstick Einlagen in Slow Motion, einer miserablen Zaubershow, fliegenden Prothesen und Perücken, Joint Konsum, gespielten Sterbeszenen mit Shakespeare Zitaten und viel Musik verbringen sie den Abend.

Da das Stück keine wirkliche Handlung hat, bedarf es starker Persönlichkeiten, die das Stück tragen. Das ist bei dieser Inszenierung zweifelsohne der Fall.
Elisabeth Engstler als an Demenzkranke bekommt vom imaginären Zuschauerapplaus nicht genug und verbeugt sich immer wieder. Sie träumt dabei von ihren einst großen Bühnenmomenten. Als ihr liebevoller Mann, André Bauer, ihr durch Unachtsamkeit bei seiner Zaubershow die Perücke vom Kopf reißt und ihr schütteres Haar zum Vorschein kommt, findet sie nach einem kleinen Schockmoment unglaubliche Stärke bei „All by Myself“. Ein berührender Augenblick.
Alfred Pfeifer wird bei seiner Angebeteten, der unnahbaren Bettina Soriat, mit „Sexbomb“ zum Tiger und begeistert das Publikum. Es gibt leider nur wenige Augenblicke, in denen er sein stimmliches Potential zeigen kann.

Die dauergenervte und kühle Bettina Soriat interpretiert die Geschehnisse mit wunderbarer Gestik und Mimik. In ihren Erinnerungen als Aktivistin mit Intimpiercing und heißem Sex erblüht sie zu jugendlicher Frische und performt mit viel Schwung in den Hüften. Zum musikalischen Schlagabtausch kommt es mit Elisabeth Engstler bei ihren Songcontest Liedern.
Benjamin Slamanig, stets stoned, wie Mick Jagger in seinen wilden Zeiten, lebt in seinem eigenen Nirvana und verführt die anderen zum Kiffen. Seine Gestik und Mimik sind eine Mischung aus Ozzy Osbourne und Edward mit den Scherenhänden.
André Bauer hat nicht nur seine Plage mit seiner Frau, sondern auch mit seinem Bein. Dennoch bleibt er stets positiv und liebevoll. Er ist der Dandy der Seniorenriege. Sein „Staying Alive“ ist ein Highlight.
Musikalisch unterstützt wird die Senioren-WG von Herwig Gratzer am Klavier, der mit Hilfe einer Sauerstoffmaske sein Bestes gibt, denn Schwester Michaela (Michelle Härle) hat ihm Alkohol verboten. Ihr liebliches Äußere ist nur Fassade. Schon bei ihrem Lachen läuft es einem eiskalt den Rücken hinunter.

EWIG JUNG vom schwedisch-schweizerischen Autor, Regisseur und Komponisten Erich Gedeon, unter der Regie von Marcus Ganser ist eine bittersüße Abrechnung zum Thema Alter, mit einer großen Portion schwarzem Humor und einem hervorragenden Ensemble, das zeigt, dass man auch im Herbst seines Lebens Biss haben kann und sollte.

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EWIG JUNG ist noch bis zum 03. März 2024 im Gloria Theater in Wien Floridsdorf zu sehen.

5 von 6 Sternen: ★★★★
                           Kritik: Michaela Springer; Fotos: Gloria Theater

www.gloriatheater.at



 

 

 

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