05.06.2026 - Domplatz Fulda
DER SCHIMMELREITER
Uraufführung in Fulda
Am 5. Juni 2026 lud „spotlight musicals“ zur Uraufführung von DER SCHIMMELREITER nach Fulda ein. Das Musical basiert auf der berühmten Novelle von Theodor Storm.
Die meisten kennen den „Schimmelreiter“ aus dem Deutschunterricht. Die Geschichte nun als großes Bühnenwerk zu erleben, ist daher zunächst ungewohnt. Doch schon die Eröffnungsszene am Premierenabend verlief anders als geplant. Zunächst bemerkten die Zuschauer nichts, nur einige Besucher verließen plötzlich eilig den Saal, später stellte sich heraus, dass sie zum Kreativ-Team gehörten und sofort gemerkt haben, dass etwas nicht stimmt. Zwei Minuten später ging das Saallicht wieder an. Was war passiert? Ein Serverupdate am Vorabend hatte einen Totalausfall der Projektionen verursacht. Nach gut einer halben Stunde konnte das Problem behoben werden und die Vorstellung wurde noch einmal von vorne begonnen.
Für die Produktion war dies letztlich sogar ein kleiner Glücksfall. So konnten die Zuschauer zunächst einige Szenen ohne die aufwendigen Projektionen erleben und anschließend im vollen Umfang – ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Die Fuldaer Produktionen sind für ihre aufwendigen Videoprojektionen bekannt. Da die Bühne im Vergleich zu anderen Spielstätten eher klein ist, werden die technischen Möglichkeiten besonders intensiv genutzt. Verantwortlich dafür ist Michael Balgavy, der dem Stück die visuellen Eindrücke verleiht und die Handlung förmlich zum Leben erweckt.
Für Regie und Choreografie konnte Simon Eichenberger gewonnen werden. Buch und Liedtexte stammen von Christoph Jilo und Kevin Schroeder, während Dennis Martin für die Musik und die Arrangements verantwortlich zeichnet.
(c) spotlight musicals/ Sophia Walkenhorst
Zur Geschichte:
DER SCHIMMELREITER spielt an der nordfriesischen Küste und erzählt die Lebensgeschichte des Deichgrafen Hauke Haien (Sascha Kurth). Eingebettet ist die Handlung in eine Rahmenhandlung: Ein Reisender verirrt sich rund hundert Jahre später bei Nacht und Nebel auf einem Deich, sieht einen weißen Reiter und gelangt schließlich in eine Gastwirtschaft, wo ihm die Sage vom geheimnisvollen Schimmelreiter erzählt wird.
Bereits als Kind ist Hauke außergewöhnlich wissbegierig und besonders mathematisch hochbegabt. Mit großem Interesse beobachtet er die Deiche und deren Bauweise. Schon früh erkennt er, dass diese nicht optimal konstruiert sind und entwickelt eigene Ideen, wie diese dem Meer bei Sturm und Flut besser standhalten könnten. Dabei wird er von seinem Vater unterstützt.
Als junger Erwachsener erfährt Hauke, dass der alte Deichgraf Tede Volkerts (Volker Metzger) einen neuen Kleinknecht sucht. Mutig stellt er sich bei ihm vor. Zunächst muss er sich mit der Buchhaltung beschäftigen, was ihm jedoch schnell gelingt. Dort lernt er auch die Tochter des Deichgrafen, Elke Volkerts (gespielt von Pamina Lenn), kennen. Sie erkennt sein Potenzial und spricht bei ihrem Vater immer wieder ein gutes Wort für ihn.
Nach dem Tod des alten Deichgrafen heiraten Hauke und Elke, die sich bereits bei ihrer ersten Begegnung ineinander verliebt haben. Durch das Erbe des alten Deichgrafen und das Land seines verstorbenen Vaters besitzt Hauke schließlich mehr Land als die übrigen Dorfbewohner und wird zum neuen Deichgrafen ernannt.
Besessen von der Idee eines besseren und sichereren Deiches versucht er, die Dorfbewohner von seinen Plänen zu überzeugen. Doch die meisten stehen ihm skeptisch gegenüber. Vor allem Ole Peters (Dennis Henschel) hetzt die anderen immer wieder gegen Hauke auf.
Eines Tages kauft Hauke einem geheimnisvollen Mann einen weißen Schimmel ab. In der Fuldaer Inszenierung wird der Verkäufer beinahe wie der Tod oder ein düsterer Vorbote dargestellt und taucht im weiteren Verlauf immer wieder auf. Das zunächst abgemagerte Pferd erholt sich bei Hauke prächtig, doch die Dorfbewohner sehen in dem Tier einen schlechten Vorboten. Im Dorf erzählt man sich, der Schimmel sei vom Teufel persönlich geschickt worden. Hauke weist diese Gerüchte entschieden zurück, dennoch wird hinter seinem Rücken getuschelt.
Hauke und Elke führen zunächst ein glückliches Leben. Doch mit der Geburt ihrer Tochter Wienke verändert sich vieles. Das Mädchen entwickelt sich anders als andere Kinder und spricht nicht. Für die Dorfbewohner ist dies ein weiterer Anlass, über die Familie zu reden und ihren Aberglauben zu nähren, allen voran Ole Peters.
Der Widerstand gegen Hauke wächst und der Deichbau wird immer wieder sabotiert, wird dann aber doch nach Jahren und gegen alle Widerstände vollendet.
Eine Jahrhundertflut kommt auf die Küste zu, wie es Hauke immer prophezeit hat. Statt bei seiner Familie zu bleiben, reitet er zum Deich, um nach dem rechten zu sehen. Als er zum Deich kommt, haben Ole Peters und andere Deicharbeiter den Schutzwall durchstoßen, um den Damm vor den kommenden Wellen zu entlasten. Hauke ist außer sich, er ist sicher, der Deich hält. Der Damm bricht doch und die ersten Flutwellen erreichen das Landesinnere. Eine Kutsche mit seiner Frau und seiner Tochter wird von einer Flutwelle erwischt, beide ertrinken. In völliger Verzweiflung reitet Hauke mit seinem Schimmel in die Fluten, er will sich opfern, damit das Meer seine Familie wieder frei gibt.
Die übrigen Dorfbewohner bleiben verschont. Bis heute erzählt man sich, dass bei Sturm und Nebel noch immer ein Reiter auf einem weißen Schimmel über den Deich reitet.
(c) spotlight musicals/ Christian Tech
Die Inszenierung:
Auf der Bühne kommen wenige Kulissenelemente zum Einsatz. Der Deich befindet sich im hinteren Bereich der Bühne und wird von allen Seiten bespielt. Auf der großen Leinwand im Hintergrund werden Projektionen gezeigt – mal das Meer, mal Sturm oder die Tiefen des Wassers.
Besonders eindrucksvoll wirkt das Finale: Wenn Hauke Haien mit seiner Familie ums Leben kommt, schweben die drei Darsteller an Seilen befestigt durch die Tiefe des Meeres.
Im Vordergrund genügt meist eine bewegliche Traverse, die je nach Szene eine Gastwirtschaft, die Kirche oder das Gutshaus des Deichgrafen darstellt. Ergänzt werden die Bilder durch Klang-, Wind- und Regeneffekte, die für ein immersives Theatererlebnis sorgen.
Ein weiteres Highlight ist der Schimmel selbst. Unter dem überdimensionalen Pferd befinden sich zwei Darsteller, die dem Tier durch ihre Bewegungen Leben einhauchen. Die Gelenke und Bewegungsabläufe wirken erstaunlich authentisch und machen das Pferd zu einem der beeindruckendsten Elemente der Inszenierung.
(c) spotlight musicals/ Christian Tech
Die Darsteller:
Sascha Kurth verkörpert Hauke Haien hervorragend. Er vermittelt überzeugend den ruhigen und zurückhaltenden Jungen, der sich gegenüber Ole Peters und den anderen Männern im Dorf behaupten muss. Ebenso glaubhaft zeigt er Haukes zunehmende Besessenheit, seinen Deich gegen alle Widerstände durchzusetzen.
An seiner Seite spielt Pamina Lenn die Rolle der Elke Volkerts mit großer Wärme und Ausstrahlung. Auch gesanglich harmonieren beide hervorragend, unter anderem im Duett „Glaubst du noch an mich?“. Auch mit dem Lied „Für Wen?“ sticht Pamina Lenn stark hervor.
Dennis Henschel überzeugt als Widersacher Ole Peters mit großer Spielfreude. Den neidischen, körperlich überlegenen und aufbrausenden Gegenspieler nimmt man ihm jederzeit ab.
Neben diesen drei Hauptfiguren sticht vor allem Kaatja Dierks hervor. Sie verkörpert Haukes Großtante und bringt gleichzeitig eine geheimnisvolle und mystische Komponente in die Handlung, die hervorragend zur Atmosphäre des Stückes passt.
Im zweiten Akt gibt es mehrere Gänsehautmomente. Besonders das Finale, in dem Hauke Haien gemeinsam mit seinem Schimmel sowie seiner Frau und Tochter vom Meer verschlungen wird, sorgt für einen emotionalen Abschluss.
(c) spotlight musicals/ Christian Tech
Fazit:
DER SCHIMMELREITER ist sehr gelungen umgesetzt und bringt dem einen oder anderen Zuschauer die Geschichte rund um den Deichbau und vor allem die Novelle von Theodor Storm näher.
Im Vergleich zu „Die Päpstin“ oder „Robin Hood“ fehlen jedoch die ganz großen Ohrwürmer, die einem noch Tage nach der Vorstellung im Gedächtnis bleiben. Auch bei der Premierenfeier wurde darüber intensiv diskutiert. Natürlich ist Musik immer Geschmackssache.
Dennoch lohnt sich ein Besuch im Schlosstheater Fulda. Nicht umsonst wurden mittlerweile bereits mehr als 40.000 Tickets verkauft.
Zusätzlich informieren große Tafeln im Foyer des Schlosstheaters über die Techniken des Deichbaus. Diese werden während der gesamten Spielzeit ausgestellt und bieten interessierten Besuchern die Möglichkeit, sich noch intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen.
5 von 6 Sternen: ★★★★★
Kritik: Verena Bartsch; Fotos: Nico Moser
Premiere/Uraufführung: 5. Juni 2026
Spielzeit: bis 6. September 2026
Aufgrund der hohen Nachfrage werden inzwischen zusätzliche Vorstellungen angeboten.
(c) spotlight musicals/ Christian Tech























