19.09.2026 - Theater Dortmund
REBECCA
„Ich hab geträumt von Manderley …“ – mit einer begeisternden Premiere ist REBECCA im Theater Dortmund gestartet.
Es ist eine mitreißende Inszenierung von der ersten bis zur letzten Minute. Gil Mehmert hat hier eine spannende und atmosphärisch dichte Version auf die Bühne gebracht. Dazu kommt ein hervorragender Cast: Mark Seibert als Maxim de Winter, an ausgewählten Abenden Jan Ammann in dieser Rolle, Antonia Kalinowski als „Ich“ und Bettina Mönch als Mrs. Danvers.
Gil Mehmert hat hier wirklich etwas auf die Bühne gezaubert. Einige Szenen wurden neu interpretiert und bekommen dadurch eine ganz eigene Wirkung. Besonders gelungen ist beispielsweise die Szene, in der Maxim de Winter bei „Kein Lächeln war je so kalt“ die Geschichte von Rebecca und ihm erzählt. Er kommt mit einer Whiskyflasche und zerzaustem Hemd aus dem Bootshaus getorkelt und gesteht „Ich“, was damals wirklich passiert ist. Wenn er am Ende in ihre Arme fällt, wird der sonst eher steife Maxim plötzlich erstaunlich menschlich. Gleichzeitig wirkt „Ich“ in diesem Moment deutlich erwachsener, weil sie nun die Wahrheit kennt und Rebecca nicht länger als Konkurrentin wahrnimmt.
Auch der Moment, in dem „Ich“ das Kommando in Manderley übernimmt und Mrs. Danvers die Stirn bietet, lebt von kleinen, aber wirkungsvollen Details. Allein die Tatsache, dass Mrs. Danvers' Haare in dieser Szene nicht mehr glatt, sondern zerzaust sind, erzählt bereits viel über ihren inneren Zustand. Genau solche kleinen Nuancen machen die Inszenierung interessant.
An einigen Stellen wurde das Stück etwas gekürzt, was dem Musical jedoch nicht seinen Charme nimmt. Im Gegenteil: Die einzelnen Szenen greifen hervorragend ineinander und die Geschichte bleibt dadurch durchgehend spannend.
Einen großen Anteil daran hat auch das beeindruckende Bühnenbild von Karl Fehringer und Judith Leihkauf. Das zentrale Element ist Manderley, das zunächst eher wie ein Gerüst und eine Ruine wirkt und im Laufe des Abends immer mehr zum Leben erwacht. Die verschiedenen Ebenen lassen sich vielseitig bespielen. Oben befindet sich Rebeccas Zimmer, von dort führen große Treppen nach unten. Im unteren Bereich entstehen mit wenigen Requisiten zunächst das Hotel in Monte Carlo, später die Bibliothek oder der Salon von Manderley.
Das gesamte Bühnenbild befindet sich auf einer Drehbühne und kann dadurch von mehreren Seiten bespielt werden. Auch das Bootshaus ist Teil dieses Bühnenkomplexes. Rebeccas Orchideen sind dabei immer wieder präsent. Besonders schön umgesetzt ist auch der efeubewachsene Balkon von Manderley.
Unterstützt wird das Ganze durch das stimmungsvolle Lichtdesign von Michael Grundner. Die Inszenierung bleibt über weite Strecken düster und erinnert damit durchaus an Hitchcocks filmische Atmosphäre. Auch Nebeleffekte werden gezielt eingesetzt und verstärken die unheimliche Stimmung. Ob es am Ende tatsächlich brennt, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten.
Passend dazu sind die Kostüme von Falk Bauer. Mrs. Danvers erscheint konsequent in ihrer Uniform, während sich auch die Entwicklung von „Ich“ über die Kostüme widerspiegelt. Zu Beginn wirkt sie noch eher mädchenhaft, später wird sie zunehmend selbstbewusster und erwachsener. Am Ende findet sich sogar ein kleiner Bezug zur heutigen Zeit in Form eines Business-Outfits mit Hosenanzug. Auch das Ensemble ist passend zu den jeweiligen Szenen gekleidet und überzeugt mit vielen kleinen Details.
Getragen wird das Stück aber vor allem von seinen Hauptdarstellern.
Mark Seibert spielt, trotz Erkrankung bei der Premiere, hervorragend den Maxim de Winter und überzeugt sowohl schauspielerisch als auch gesanglich. Eine seiner herausstechenden Szenen ist die bereits erwähnte Sequenz, in der er betrunken aus dem Bootshaus torkelt und „Ich“ erzählt, was vor einem Jahr tatsächlich passiert ist. Diese Szene gehört definitiv zu den besonderen Momenten des Abends.
Antonia Kalinowski spielt die Rolle der „Ich“ wunderbar natürlich und liefert auch stimmlich eine überzeugende Leistung. Besonders schön ist ihre Entwicklung innerhalb des Stücks: vom schüchternen, unsicheren Mädchen hin zur selbstbewussten neuen Herrin von Manderley, die schließlich auch Mrs. Danvers die Stirn bietet.
Bettina Mönch spielt Mrs. Danvers großartig. Allein ihr Gesichtsausdruck lässt einen vermutlich zweimal überlegen, ob man ihr wirklich begegnen möchte. Sie überzeugt durch ihr Auftreten, ihre Darstellung und durch ihre stimmgewaltige Stimme. Immer wieder sorgt sie für Gänsehautmomente. Dass sie sich dabei öfter symbolisch förmlich am Geländer von Manderley festklammert, verstärkt die Wirkung ihrer Figur zusätzlich.
David Jakobs überzeugt als Jack Favell ebenfalls sowohl gesanglich als auch schauspielerisch. „Eine Hand wäscht die andere“ ist sehr schön in Szene gesetzt, und auch Favell möchte man in dieser Version wohl weder als Cousin noch als Feind haben.
In weiteren größeren Rollen glänzen Amani Robinson als wohlhabende Amerikanerin Mrs. van Hopper, Andreas Schneider, Maxims Freund und Gutsverwalter Frank Crawley, Max Loohmüller, der geistig beeinträchtigte Ben, Alexandra Farkic, Maxims Schwester Beatrice und Florian Soyka als ihr Mann Giles.
Unterstützt werden die Hauptdarsteller vom 15-köpfigen Ensemble, das ebenfalls überzeugt und genau an den richtigen Stellen eingesetzt wird, um den einzelnen Szenen zusätzliche Tiefe zu verleihen. Besonders schön ist beispielsweise der Moment, in dem im zweiten Akt die Sachen von Rebecca aus Manderley verschwinden und die Requisiten über die Bühne gereicht werden.
Begleitet werden die Darsteller von den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Carlos Vázquez.
Fazit:
REBECCA in Dortmund verbindet eine spannende Geschichte mit einer atmosphärisch starken Inszenierung, einem beeindruckenden Bühnenbild und einem Cast, der diese Geschichte mit viel Leidenschaft auf die Bühne bringt.
Besonders die vielen kleinen Details machen den Abend sehenswert. Nicht jede Veränderung fällt vielleicht sofort auf, doch gerade sie sorgen dafür, dass die Figuren und ihre Entwicklung noch stärker zur Geltung kommen. Dazu kommt die Musik, das Licht, die Kostüme und das variable Bühnenbild, die gemeinsam eine dichte Atmosphäre schaffen.
Selbst wer das Musical bereits kennt, wird in dieser Dortmunder Inszenierung einige neue Facetten entdecken.
6 von 6 Sternen: ★★★★★★
Kritik: Verena Bartsch; Fotos: Björn Hickmann





















