30.05.2026 - Komödie am Kai/ Wien

OMATRICK
Österreichische Erstaufführung

Zwischen Täuschung und Wahrheit:
Charles Lewinskys OMATRICK begeistert in der Komödie am Kai.

Mit der österreichischen Erstaufführung von OMATRICK präsentiert die Komödie am Kai eine ebenso vergnügliche wie klug konstruierte Komödie des vielfach ausgezeichneten Schweizer Autors Charles Lewinsky. Was zunächst als klassische Verwechslungsgeschichte beginnt, entfaltet sich rasch zu einem raffinierten Duell zwischen Generationen, das weit über bloße Situationskomik hinausweist. Unter der Regie von Sissy Boran und Andrea Eckstein entsteht ein pointierter Theaterabend, der Unterhaltung und gesellschaftliche Reflexion auf bemerkenswert elegante Weise miteinander verbindet.

Bereits der Titel spielt mit den Erwartungen des Publikums. Der sogenannte Enkeltrick, längst Synonym für eine perfide Betrugsmasche, wird von Lewinsky mit feiner Ironie umgekehrt. Im Zentrum steht eine ältere Dame, die in einem Pflegeheim lebt und von ihrer Umgebung zunehmend als vergesslich und orientierungslos wahrgenommen wird. Genau diese vermeintliche Schwäche will ihr skrupelloser Sohn für seine eigenen Interessen ausnutzen. Ein Angestellter seiner Firma soll sich als Enkel ausgeben und die Seniorin dazu bewegen, Dokumente zu unterschreiben, mit denen ihr letzter wertvoller Besitz, eine Liegenschaft in den Besitz des Unternehmens übergeht.

Doch der Plan gerät schneller ins Wanken als erwartet. Die alte Dame erweist sich als weit wacher, schlagfertiger und strategischer, als ihre Gegenspieler vermuten. Mit gezielten Fragen, scheinbar beiläufigen Erinnerungen und geschickt gestreuten Anekdoten verstrickt sie den vermeintlichen Enkel zunehmend in Widersprüche. Aus dem geplanten Betrug entwickelt sich ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel, in dem die Machtverhältnisse sich verschieben. Lewinsky versteht es, sein Publikum bis zuletzt über die tatsächlichen Absichten seiner Figuren im Ungewissen zu lassen und die Handlung mit überraschenden Wendungen aufzuladen.

Der Erfolg dieses Kammerspiels hängt wesentlich von seinen beiden Darstellenden ab.
Doris Weiner gestaltet die titelgebende Oma mit beeindruckender Präsenz und großer darstellerischer Präzision. Sie vermeidet jede klischeehafte Zeichnung einer verwirrten alten Frau und entwirft stattdessen das vielschichtige Porträt einer Persönlichkeit, die zwischen Altersmilde, Verschrobenheit und messerscharfer Beobachtungsgabe changiert. Mit feinem Gespür für Timing setzt sie Pointen, ohne ihre Figur jemals der Karikatur preiszugeben. Besonders in den leiseren Momenten offenbart ihre Darstellung jene emotionale Tiefe, die das Stück über reine Unterhaltung hinaushebt.

Lukas Meier überzeugt als überforderter Angestellter, der sich zunehmend in seinem eigenen Lügengebäude verfängt. Sein Spiel lebt von glaubwürdiger Unsicherheit, präziser Reaktionskomik und einer Natürlichkeit, die die Entwicklung seiner Figur jederzeit nachvollziehbar macht.


Das Zusammenspiel der beiden Darstellenden bildet das eigentliche Herzstück der Inszenierung. Die Dialoge wirken lebendig und organisch, die Reaktionen aufeinander sind präzise gesetzt und entfalten jene besondere Bühnenchemie, die das Publikum unmittelbar in das Geschehen hineinzieht. Gerade in den Wortgefechten zwischen den beiden Figuren zeigt sich die Qualität von Lewinskys Text, dessen sprachliche Raffinesse von den Darstellenden mit sichtbarer Spielfreude ausgeschöpft wird.

Die Regie von Sissy Boran und Andrea Eckstein vertraut konsequent auf die Kraft des Stücks und seiner Figuren. Sie konzentrieren sich bei der Inszenierung auf die psychologische Dynamik der Begegnung. Dies erweist sich als kluge Entscheidung, da sie den feinen Nuancen der Figurenentwicklung ebenso Raum gibt, wie den pointierten Dialogen.

Einen stimmigen Rahmen schafft das Bühnenbild von Martin Gesslbauer. Der Raum wirkt zugleich vertraut und leicht beklemmend, wodurch die psychologische Spannung zusätzlich verdichtet wird. Die Kostüme von Petra Teufelsbauer unterstützen die Charakterisierung der Figuren mit unaufdringlicher Präzision und tragen zur Glaubwürdigkeit der Inszenierung bei.

Besonders bemerkenswert ist das sichere Gespür für Rhythmus. Die Aufführung wechselt mühelos zwischen humorvollen Passagen und Momenten ernsthafter Reflexion, ohne dabei den Spannungsbogen zu verlieren. Gerade dieser Balanceakt macht den Reiz des Abends aus. Das Publikum wird zum Lachen gebracht, gleichzeitig aber auch mit Fragen konfrontiert, die weit über die Bühnenhandlung hinausreichen.

OMATRICK funktioniert auf mehreren Ebenen. Vordergründig ist das Stück eine intelligente Komödie voller Wortwitz und überraschender Wendungen. Dahinter verbirgt sich jedoch eine ebenso kluge wie aktuelle Auseinandersetzung mit Alter, Einsamkeit, familiären Konflikten und gesellschaftlicher Gier.

Besonders interessant erscheint dabei die Frage nach Wahrnehmung und Vorurteilen. Die ältere Dame wird von ihrer Umwelt unterschätzt, weil Alter allzu oft mit Hilflosigkeit gleichgesetzt wird. Lewinsky stellt diese Sichtweise konsequent infrage. Die vermeintlich Schwächste erweist sich als die stärkste Figur des Stücks, während ihre jüngeren Gegenspieler moralisch wie intellektuell zunehmend ins Hintertreffen geraten.

Zugleich beleuchtet das Stück Mechanismen wirtschaftlicher Ausbeutung und familiärer Entfremdung. Dass ausgerechnet der eigene Sohn die treibende Kraft hinter dem Betrug ist, verleiht der Handlung eine zusätzliche tragische Dimension. Die Komödie gewinnt dadurch gesellschaftliche Relevanz, ohne jemals belehrend zu wirken oder ihre Leichtigkeit einzubüßen.

Mit OMATRICK ist der Komödie am Kai eine rundum gelungene österreichische Erstaufführung gelungen. Die Produktion verbindet intelligente Unterhaltung mit präziser Gesellschaftsbeobachtung und überzeugt vor allem durch zwei hervorragend aufeinander abgestimmte Darstellende. Doris Weiner und Lukas Meier tragen den Abend mit großer Spielfreude und bemerkenswerter Präzision. Gemeinsam mit Lewinskys pointiertem Text, der konzentrierten Regie und einer stimmigen Ausstattung entsteht ein Theatererlebnis, das gleichermaßen amüsiert und zum Nachdenken anregt.

Bis 30. Juni & 28. August bis 19. September 2026

5 von 6 Sternen: ★★★★★
                  Kritik: Michaela Springer; Fotos: Komödie am Kai

www.komoedieamkai.at



 

 

 

E-Mail
Instagram