10.10.2026 - Tiroler Landestheater – Kammerspiele

MARIA STUART
Zwei Königinnen zwischen Macht, Intrigen und Menschlichkeit

Marion Reiser (Elisabeth), Sara Nunius (Maria Stuart)


Friedrich Schillers Trauerspiel MARIA STUART zählt zu den bedeutendsten Werken der deutschen Theaterliteratur. Am 10. Oktober 2026 feierte das Schauspiel in den Kammerspielen des Tiroler Landestheaters Premiere.

Regisseurin Bettina Bruinier wagt dabei einen bemerkenswert modernen Zugang: Sie holt die beiden historischen Königinnen Maria Stuart und Elisabeth I. gewissermaßen ins Jahr 2026, ohne den eigentlichen Kern ihrer Geschichte zu verändern.

Denn eines wird an diesem Theaterabend besonders deutlich: Die Zeiten mögen sich ändern, doch Machtkämpfe, politische Intrigen, Eifersucht, Verrat und menschliche Schwächen bleiben über Jahrhunderte hinweg erstaunlich ähnlich.

Philipp Rudig (Mortimer), Ulrike Lasta (Paulet)

Zwei Frauen, zwei Schicksale und ein unerbittlicher Machtkampf

Im Zentrum der Handlung stehen zwei Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und dennoch durch ihr Schicksal untrennbar miteinander verbunden sind.

Marion Reiser verkörpert Elisabeth I., Königin von England, während Sara Nunius in die Rolle der schottischen Königin Maria Stuart schlüpft. Beide Figuren stehen im Spannungsfeld zwischen persönlicher Freiheit, politischen Verpflichtungen und dem unerbittlichen Kampf um die Macht.

Maria Stuart befindet sich in englischer Gefangenschaft und hofft auf Begnadigung. Elisabeth hingegen muss zwischen ihrer politischen Verantwortung, ihrem eigenen Machterhalt und ihrem Gewissen entscheiden. Was zunächst wie ein historischer Konflikt zwischen zwei Monarchinnen erscheint, entwickelt sich zu einer zeitlosen Auseinandersetzung über Macht, Verantwortung und Menschlichkeit.

Gerade die Verlegung der Geschichte in eine moderne Welt verdeutlicht, wie wenig sich die grundlegenden  echanismen der Politik und der menschlichen Natur tatsächlich verändert haben.

Laetitia Toursarkissian (Hanna Kennedy)

Ein Ensemble im Spannungsfeld der Macht

Neben den beiden zentralen Frauenfiguren nehmen auch die weiteren Charaktere entscheidenden Einfluss auf das Geschehen.

Christoph Kail übernimmt die Rolle des Robert Dudley, Graf von Leicester, der zwischen den Interessen der beiden Königinnen steht. Kristoffer Nowak verkörpert Wilhelm Cecil, Baron von Burleigh, während Tommy Fischnaller-Wachtler als Georg Talbot, Graf von Shrewsbury, auftritt.

Philipp Rudig ist als Mortimer, Paulets Neffe, zu sehen. Ulrike Lasta übernimmt die Rolle der Paulet, der Hüterin Marias, und Letizia Duzkasian spielt Hanna Kennedy, Marias Vertraute.

Patrick Ljuboja (Aubespine)

Besonders interessant ist dabei die Rolle von Marias Vertrauter, die sich nicht auf ihre Funktion als Begleiterin beschränkt. Sie setzt vielmehr einen eigenen Akzent, indem sie eine Art Revolution in Gang setzt. Dadurch erhält die Inszenierung eine zusätzliche Ebene des Widerstands und der Auflehnung gegen bestehende Machtstrukturen.

Patrick Ljuboja verkörpert den Nachrichtensprecher und übernimmt laut Besetzung außerdem Rollen aus dem Umfeld des französischen Gesandten Graf Aubespine und des Staatssekretärs Wilhelm Davison.

Besonders hervorzuheben ist Patrick Ljuboja, der mit seiner Bühnenpräsenz und seinem schauspielerischen Talent eine ganz eigene Note in die Inszenierung einbringt. Mit seiner Erscheinung und seinem nuancierten Spiel gelingt es ihm, dem Geschehen eine besondere Mischung aus Humor und Verletzlichkeit zu verleihen. Dadurch setzt er nicht nur einen reizvollen Kontrast zu den politischen Intrigen und Machtkämpfen, sondern sorgt auch für jene menschlichen Momente, die den Figuren zusätzliche Tiefe geben. Seine Darstellung zeigt, wie viel Ausdruckskraft in kleinen Nuancen liegen kann und wie sich selbst innerhalb eines tragischen Stoffes Platz für feine humorvolle Akzente und emotionale Zwischentöne schaffen lässt.

Sara Nunius (Maria Stuart), Christoph Kail (Leicester), Kristoffer Nowak (Burleigh), Ulrike Lasta (Paulet)


Ergänzt wird das Ensemble durch Marko Janković, Peter Lechner, David Neuner, Gerhard Nothhegger, Victoria Schiffer und Salome Zähringer.

Schiller trifft auf das Jahr 2026

Die besondere Stärke dieser Inszenierung liegt in ihrem modernen Zugang zum historischen Stoff. Die Geschichte wird nicht einfach nur in eine andere Zeit versetzt, sondern erhält durch ihre zeitgemäße Darstellung eine neue Perspektive.

Philipp Rudig (Mortimer), Sara Nunius (Maria Stuart)

Elisabeth und Maria erscheinen nicht ausschließlich als historische Persönlichkeiten des 16. Jahrhunderts, sondern als Frauen, deren Konflikte auch in der Gegenwart bestehen könnten.

Politische Einflussnahme, öffentliche Wahrnehmung, persönliche Interessen und die Frage, wie weit Menschen für ihre Macht gehen, sind Themen, die auch im Jahr 2026 nichts an Aktualität verloren haben.

Dabei bleibt Schillers grundlegende Geschichte erhalten. Die historischen Ereignisse und das tragische Schicksal Maria Stuarts werden nicht neu erfunden, sondern aus einem anderen Blickwinkel betrachtet.

Auch die Kostüme unterstreichen den modernen und teilweise rebellischen Charakter der Inszenierung. Einzelne Elemente erinnern an revolutionäre Bewegungen: Masken mit Anklängen an anarchistische Ästhetik und ein bewusst widerständiger Look verleihen dem Bühnengeschehen eine zusätzliche politische Dimension. Besonders in Verbindung mit der von Marias Vertrauter angestoßenen Auflehnung entsteht der Eindruck, dass sich der Widerstand gegen etablierte Machtverhältnisse nicht nur auf den historischen Konflikt der beiden Königinnen beschränkt.

Marion Reiser (Elisabeth)

Für das Bühnenbild und die Videogestaltung zeichnet Ayşe Gülsüm Özel verantwortlich. Die Kostüme stammen von Elisabeth Vogetseder, die Musik von Marcel Gschwend und die Choreografie von Marcel Leemann. Die Dramaturgie liegt in den Händen von Sonja Honold.

Ein Klassiker, der seine Aktualität nicht verloren hat

Mit einer Gesamtdauer von zwei Stunden und 50 Minuten inklusive Pause verlangt dieser Theaterabend seinem Publikum Aufmerksamkeit ab. Schillers vielschichtiges Drama beschäftigt sich schließlich nicht nur mit dem Schicksal zweier Königinnen, sondern auch mit politischen Abhängigkeiten, moralischen Entscheidungen und der Frage nach Gerechtigkeit.

Die moderne Inszenierung zeigt, dass klassische Theaterliteratur keineswegs verstaubt sein muss. Im Gegenteil: Gerade durch die Übertragung in unsere Gegenwart wird sichtbar, wie aktuell die Konflikte geblieben sind.

Christoph Kail (Leicester), Sara Nunius (Maria-Stuart)

Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie das Theater künftig noch mehr Menschen erreichen kann. Im Publikum waren vor allem Besucherinnen und Besucher der Generation 60 plus vertreten. Das ist keineswegs negativ, macht aber deutlich, dass es zusätzliche Anstrengungen braucht, um auch jüngere Menschen für das Theater zu begeistern.

Wenn klassische Werke wie Schillers MARIA STUART auch in Zukunft ihren Platz auf den Bühnen behalten sollen, muss es gelingen, neue Generationen anzusprechen. Moderne Inszenierungen wie diese bieten dafür eine gute Grundlage. Entscheidend wird sein, die zeitgemäße Ästhetik auch mit einer Vermittlung zu verbinden, die junge Menschen neugierig auf das Theater macht. Denn Theater lebt davon, dass sich nicht nur die Darstellungsformen verändern, sondern auch das Publikum immer wieder neu für seine Geschichten gewonnen wird.


Fazit

Mit Maria Stuart bringt das Tiroler Landestheater einen großen Klassiker in einer zeitgemäßen Interpretation auf die Bühne der Kammerspiele.

Die Inszenierung von Bettina Bruinier verbindet Schillers historische Tragödie mit einer modernen Sichtweise und stellt dabei zwei Frauen in den Mittelpunkt, die zwischen Macht, persönlichen Gefühlen und politischen Zwängen gefangen sind. Sara Nunius als Maria Stuart und Marion Reiser als Elisabeth I. stehen für zwei gegensätzliche Perspektiven auf Herrschaft, Verantwortung und persönliche Freiheit.

Patrick Ljuboja (Davison)

Auch Patrick Ljuboja bereichert den Theaterabend mit seiner Bühnenpräsenz und seinem schauspielerischen Talent. Seine Darstellung bringt Humor und Verletzlichkeit in das Geschehen und schafft damit einen gelungenen Kontrast zur Tragik des Stoffes.

Die rebellisch anmutenden Kostüme und Masken sowie die von Marias Vertrauter ausgehende Art der Revolution verleihen dem Abend zusätzliche Anklänge an Widerstand und gesellschaftliche Auflehnung.

Die Welt hat sich seit Maria Stuart und Elisabeth I. verändert. Die Mechanismen von Macht, Intrigen, Rivalität und menschlichen Entscheidungen sind jedoch bis heute dieselben geblieben.

Ein Theaterabend, der zeigt, wie gegenwärtig ein mehr als 200 Jahre altes Drama sein kann – und zugleich daran erinnert, dass die Zukunft des Theaters davon abhängt, auch jüngere Generationen für seine Geschichten zu begeistern.

Noch bis 20. Dezember zu sehen.

5 von 6 Sternen: ★★★★★
               Kritik: Jacqueline Hueber; Fotos: Cordula Treml

  • Tommy Fischnaller Wachtler (Shrewsbury), Marion Reiser (Elisabeth)
  • Christoph Kail (Leicester), Marion Reiser (Elisabeth)
  • Kristoffer Nowak (Burleigh), Christoph Kail (Leicester)
  • Kristoffer Nowak (Burleigh), Philipp Rudig (Mortimer), Ulrike Lasta (Paulet), Patrick Ljuboja (Nachrichtensprecher)
  • Kristoffer Nowak (Burleigh), Sara Nunius (Maria Stuart)
  • Kristoffer Nowak (Burleigh), Ulrike Lasta (Paulet)
  • Marion Reiser (Elisabeth), Christoph Kail (Leicester)
  • Marion Reiser (Elisabeth), Kristoffer Nowak (Burleigh)
  • Marion Reiser (Elisabeth), Philipp Rudig (Mortimer)
  • Marion Reiser (Elisabeth)-1
  • Marion Reiser (Elisabeth)-2
  • Philipp Rudig (Mortimer)-1
  • Philipp Rudig (Mortimer)
  • Sara Nunius (Maria Stuart)
  • Sara Nunius (Maria Stuart)-1


www.landestheater.at




 

 

 

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