21.01.2026 - Casanova/ Wien
ALTER WEISSER MANN
Premiere
Mit KALTER WEISSER MANN legen Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob nach dem Erfolg von „Extrawurst“ erneut eine Komödie vor, die treffsicher den Nerv gegenwärtiger gesellschaftlicher Debatten trifft – das Gendern.
Der scheinbar würdige Rahmen einer Trauerfeier bildet den Ausgangspunkt für ein Eskalationsszenario, das die fragile Balance moderner Sprach- und Moralkodizes offenlegt. Ein harmlos gemeinter Kranzschleifentext – „In tiefer Trauer. Deine Mitarbeiter“ – genügt, um einen Sturm der Entrüstung auszulösen. Was folgt, ist ein rhetorisch präzise geführtes Gefecht, das die Mechanismen zeitgenössischer Empörungskultur mit scharfem Blick seziert.
Im Zentrum des Geschehens steht Hubert Zacherl (Reinhard Nowak), der designierte Nachfolger des verstorbenen Firmenpatriarchen Steininger. Als neuer Vertreter des titelgebenden „alten weißen Mannes“ gerät er zwischen die Fronten einer selbstbewussten, divers aufgestellten Belegschaft. Marketingchefin (Adriana Zartl), Social-Media-Manager (Alexander Hoffelner), Sekretärin (Claudia Rohnefeld) und eine engagierte Praktikantin (Michelle Catherine Härle) nehmen seine vermeintlich überholten Sprachgewohnheiten auseinander und entlarven sie als Projektionsfläche kollektiver Unsicherheiten.
Regisseur Marcus Strahl inszeniert diesen Schlagabtausch für die Neue Bühne Wien als temporeiche Kammerspiel-Komödie, die das Publikum konsequent in die Rolle der Trauergemeinde einbindet. Dieser Kunstgriff macht die Zuschauer zu Mitbeteiligten und verschärft die Wirkung des Geschehens spürbar.
Die Stärke des Stücks liegt vor allem in seiner dialogischen Präzision. Jacobs und Netenjakob lassen die Sprachcodes des Zeitgeists frontal aufeinandertreffen, korrektes Gendern, moralische Fallstricke und soziale Erwartungshaltungen werden nicht nur karikiert, sondern in ihrer inneren Ambivalenz sichtbar gemacht. Dabei gelingt ein bemerkenswerter Balanceakt zwischen satirischer Zuspitzung und empathischer Durchdringung. Die Figuren bleiben keine bloßen Typen, sondern gewinnen gerade durch ihre Überzeichnungen an menschlicher Tiefe. Besonders der Pfarrer (Hubert Wolf), der verzweifelt versucht, die Situation zu befrieden, entwickelt sich zur tragikomischen Figur zwischen den Fronten.
Das Ensemble mit Adriana Zartl, Reinhard Nowak, Claudia Rohnefeld, Hubert Wolf, Alexander Hoffelner und Michelle Catherine Härle agiert mit spürbarer Spielfreude und präzisem Timing. Die Pointen sitzen, ohne ins Plakative abzurutschen, und werden von der konzentrierten Ensembleleistung getragen.
Adriana Zartl, kurzfristig für die verletzte Verena Scheitz eingesprungen, überzeugt mit einer fein austarierten Mischung aus analytischer Schärfe und emotionaler Offenheit. Sie verleiht ihrer Figur eine innere Logik, die auch dort trägt, wo der Text bewusst provoziert. Kleine Verschiebungen in Tonfall und Körperhaltung machen Machtverhältnisse und moralische Selbstgewissheiten subtil sichtbar.
Reinhard Nowak gestaltet seine Rolle mit großer Routine, ohne in bloße Typisierung zu verfallen. Sein komödiantisches Gespür verbindet sich mit kontrollierter Überzeichnung, wodurch Selbstgerechtigkeit und blinde Flecken seiner Figur präzise freigelegt werden. Besonders wirkungsvoll sind jene Momente, in denen das Lachen des Publikums ins Unbehagen kippt.
Alexander Hoffelner bringt eine markante physische Präsenz auf die Bühne. Sein Spiel ist direkt und kantig, dabei jedoch stets bewusst geführt. Er verleiht den Konflikten eine körperliche Dringlichkeit, die den verbalen Schlagabtausch zusätzlich schärft.
Michelle Catherine Härle setzt mit ihrer Direktheit einen deutlichen Kontrapunkt. Sie verkörpert eine Generation, in der Selbstinszenierung, moralische Wachsamkeit und der Anspruch auf „Work-Life-Balance“ selbstverständlich ineinandergreifen. Ihre Figur changiert überzeugend zwischen Überzeugung und Übereifer.
Claudia Rohnefeld überzeugt als loyal-naive, zugleich klug agierende Chefsekretärin mit klarer Linienführung und psychologischer Genauigkeit. Sie verleiht der Rolle Ambivalenz, ohne sie zu relativieren, und verhindert einfache Zuschreibungen. Ihre konzentrierte Präsenz wirkt als stabiler Anker im Ensemble.
Hubert Wolf rundet den Abend als Pfarrer mit einer nuancierten, oft trocken pointierten Darstellung ab. Er arbeitet präzise mit Sprache und Intonation und verleiht selbst scheinbar beiläufigen Textstellen Gewicht. Dadurch gewinnt seine Figur eine Tiefe, die über reine Funktionalität hinausgeht.
Petra Teufelsbauers Kostüme unterstützen die Charakterzeichnungen subtil und verorten die Figuren klar innerhalb ihrer jeweiligen sozialen Rollenbilder.
KALTER WEISSER MANN ist damit weit mehr als eine boulevardeske Spaßmaschine. Hinter dem Orkan aus Wortwitz verbirgt sich eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Verwerfungen unserer Kommunikationskultur. Das Stück stellt unbequeme Fragen. Wie viel Sensibilität ist notwendig, ab wann erstarrt sie zum Ritual? Wo endet Rücksichtnahme, wo beginnt Sprachpolizei? Jacobs und Netenjakob liefern darauf keine einfachen Antworten, sondern setzen auf produktive Reibung und genau darin liegt die Stärke des Stückes.
Das Publikum verlässt den Saal nicht nur bestens unterhalten, sondern auch angeregt zum Weiterdenken. KALTER WEISSER MANN zeigt, dass gesellschaftliche Debatten auf der Bühne zugleich klug, witzig und schmerzhaft ehrlich verhandelt werden können, ein Theaterabend, der mitten ins diskursive Nervenzentrum der Gegenwart trifft.
Alle Infos unter Termine zu dieser und den anderen Produktionen der NEUE BÜHNE WIEN unter: www.nbw.at
6 von 6 Sternen: ★★★★★★
Kritik: Michaela Springer; Fotos: Robert Peres























