26.02.2026 - Theater Spielraum/ Wien

JOHN & JEN 
Österreichische Erstaufführung

Mit JOHN & JEN schufen Andrew Lippa (Musik) und Tom Greenwald (Buch und Gesangstexte) ein Kammermusical, das konsequent auf die Intimität zweier Stimmen, eines Pianos (auch musikalische Leitung Bernhard Jaretz), Cello (Margarethe Vogler/Maike Clemens) und Schlaginstrumente (Fabian Ratheiser/Marco Lentner) setzt. Diese Reduktion erweist sich als ästhetische Grundentscheidung. Nicht das Spektakel, sondern die präzise seelische Vermessung familiärer Bindungen steht im Zentrum.

Das Werk entfaltet die Lebensgeschichte zweier Menschen, deren Beziehung sich im Verlauf der Zeit grundlegend transformiert. Ausgehend von einer engen Geschwisterbindung entwickelt sich eine Erzählung über Verlust, Verantwortung und Selbstbehauptung. Nach einem familiären Einschnitt übernimmt Jen eine neue Rolle, die Nähe und Distanz zugleich erzeugt. Als Mutter gibt sie ihrem Sohn den Namen ihres verstorbenen Bruders und projiziert unerledigte Gefühle und Erwartungen auf ihn. Ihre Verlustangst wird zum psychischen Gefängnis für beide. In episodischen Zeitsprüngen verfolgt das Stück, wie Erinnerung, Schuld und Fürsorge die Figuren prägen, bis hin zur Frage, ob persönliche Freiheit und familiäre Bindung miteinander vereinbar sind.

Die Handlung gliedert sich in klar konturierte Episoden, die Geschwisterliebe, Verlust, Ersatzbeziehungen und das Ringen um Autonomie thematisieren. Die Dramaturgie verzichtet weitgehend auf äußere Konfliktsteigerung zugunsten psychologischer Verdichtung. Dadurch gewinnt das Werk eine nahezu liedzyklische Struktur, in der Erinnerungsräume, Brüche und Perspektivwechsel musikalisch gespiegelt werden. Besonders wirkungsvoll ist die Arbeit mit wiederkehrenden motivischen Keimen, deren Variationen emotionale Kontinuitäten über Zeitsprünge hinweg hörbar machen.

Die Verantwortung für emotionale Differenzierung liegt nahezu vollständig bei den beiden Darstellenden. Denise Jastraunig und Lukas Müller tragen die Herausforderung mit Präzision und stilistischer Disziplin.

Jastraunig gestaltet die Titelfigur mit kontrollierter Intensität und kluger Ökonomie der Mittel. Ihr vokaler Zugriff zeichnet sich durch klare Linienführung und fein modulierte Dynamik aus, wodurch gerade in zurückgenommenen Passagen ein tragfähiger Ausdruck erhalten bleibt. Besonders überzeugend ist ihre Fähigkeit, emotionale Übergänge ohne demonstrative Gestik hörbar zu machen. Veränderungen in Haltung, Atemführung und Klangfarbe genügen, um innere Verschiebungen plausibel zu markieren.

Müller setzt dem eine differenziert konturierte Darstellung entgegen, die zwischen jugendlicher Unmittelbarkeit und reflektierter Distanz balanciert. Seine Stimme verfügt über ein flexibles Timbre, das er dramaturgisch präzise einsetzt. Helle, fragile Farben in Momenten der Verletzlichkeit kontrastieren mit fokussierten, kernigen Phrasen in konflikthaften Situationen. Darstellerisch überzeugt er durch präzise Rhythmik im Spiel, wodurch dialogische Passagen eine klare innere Spannung erhalten. Seine Figurenentwicklung bleibt stringent nachvollziehbar, ohne psychologische Brüche zu glätten.

Im Zusammenspiel entwickeln beide eine feinsinnige Bühnenchemie. Blickachsen, Pausen und minimale Tempomodifikationen fungieren als gemeinsame Ausdrucksmittel, so entsteht ein dichtes Beziehungsgeflecht, das die episodische Struktur kohärent erscheinen lässt.

Lippas Komposition bewegt sich stilistisch zwischen zeitgenössischem Musicalidiom und kammermusikalischer Klarheit, lassen jedoch zuweilen musikalische Tiefe vermissen. Greenwalds recht einfach gehaltenen Texte zeichnen sich durch präzise Alltagsbeobachtung und eine ökonomische Bildsprache aus. Statt rhetorischer Emphase dominieren fragmentierte Erinnerungsbilder, Andeutungen und bewusst gesetzte Leerstellen. Diese poetische Zurückhaltung schafft Raum für Ambivalenz, ein zentrales Merkmal der Figurenzeichnung. Die Protagonisten erscheinen nicht als dramatische Typen, sondern als sich entwickelnde Persönlichkeiten, deren Selbstdeutung im Verlauf des Geschehens in Bewegung gerät.

Die besondere Herausforderung des Werkes liegt in seiner Balance von Narration und Innerlichkeit. Überzeugend ist das Musical dort, wo musikalische Form und psychologischer Gehalt kongruent werden, wenn thematische Reprisen nicht bloß wiedererkennen lassen, sondern neue Bedeutungsschichten freilegen.

Insgesamt erweist sich das Kammermusical im Storytelling anspruchsvoll, weist jedoch kompositorische und textliche Schwächen auf, welche durch eine kreative Inszenierung von Robert G. Neumayr als präzise komponierte Studie über Bindung und Selbstbehauptung die notwendige Aufwertung erfährt. Seine Stärke liegt nicht im dramatischen Paukenschlag, sondern in der stillen, insistierenden Genauigkeit, mit der es emotionale Prozesse nachzeichnet, eine konzentrierte Demonstration der Ausdruckskraft musikalischen Erzählens. 
Denise Jastraunig und Lukas Müller vermögen zudem die Regieanweisungen schauspielerisch exzellent umzusetzen.

Weitere Vorstellungen:
Do 5.3., Sa 7.3., Mo 9.3., Mi 11.3, Do 12.3., Fr 13.3., Sa 14.3

3 von 6 Sternen: ★★★
                  Kritik: Michaela Springer; Fotos: Barbra Pálffy

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www.theaterspielraum.at



 

 

 

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