09.01.2026 - Scala/ Wien
EXTRABLATT! EXTRABLATT!
Mit „EXTRABLATT! EXTRABLATT!“ gelingt dem Theater zum Fürchten in der Scala ein Abend von seltener Präzision. Bruno Max frei bearbeitete Fassung von Ben Hechts berühmter Zeitungsfarce versteht das Stück nicht als nostalgisches Zeitdokument, sondern als hellwache Diagnose eines Medienbetriebs, dessen Mechanismen erschreckend aktuell wirken. Rhythmisch geschärft, in der Haltung klar und in der Zuspitzung kompromisslos, entfaltet die Inszenierung ihre volle Wirkung.
Ausgangspunkt ist der Presseraum eines Chicagoer Gerichtsgebäudes. Hier warten Reporter auf die Hinrichtung des mutmaßlichen Polizistenmörders Earl Williams. Doch Stillstand gibt es in dieser Welt nicht. Von Beginn an wird das Warten produktiv, im zynischen Sinn. Gerüchte kursieren, Allianzen entstehen, Pointen fliegen.
Die Scala erweist sich als idealer Resonanzraum für dieses dichte, häufig überlappende Sprechtheater, das weniger auf lineare Handlung als auf permanente Beschleunigung setzt. Marcus Gansers Raumkonzept verdichtet das Geschehen zu einem funktionalen Beobachtungsraum, in dem Kontrolle und Gegenkontrolle allgegenwärtig sind. Anna Pollacks Kostüme öffnen die historische Verortung und verleihen den Figuren zeitlose Konturen.
Bruno Max interessiert sich nicht für nostalgischen Charme, sondern für die Mechanik medialer Verwertung. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Earl Williams schuldig ist, sondern wie sich sein Schicksal in verwertbare Schlagzeilen übersetzen lässt. Politik und Presse erscheinen als eng verzahnte Systeme, die nach denselben ökonomischen Prinzipien funktionieren. Der Bürgermeister, der auf Law-and-Order-Stimmen spekuliert, und die Reporter, die auf exklusive Details lauern, handeln aus derselben kalkulierten moralischen Flexibilität heraus. Selbst eine Begnadigung zählt nur dann, wenn sie dramaturgisch verwertbar ist, eine bittere Konsequenz dieser Lesart.
Im Zentrum der schauspielerischen Leistungen steht die kollektive Energie des Reporterensembles. Die Figuren sind weniger als individuelle Psychogramme angelegt denn als vielstimmiger, permanent vibrierender Organismus. Genau darin liegt die große Stärke der Besetzung. Mit beeindruckender Selbstverständlichkeit wechseln die Darstellerinnen und Darsteller zwischen Zynismus, Kumpanei und kaltschnäuziger Sensationsgier. Der chorische Charakter der Szenen, gleichzeitiges Reden, Reagieren, Kommentieren, bleibt stets präzise strukturiert, ohne an anarchischem Drive einzubüßen.
Paul Barna verleiht dem Starjournalisten Hildy Johnson durch eine nuancierte Darstellung Tiefe. Zwischen ironischer Distanz, professioneller Routine und aufblitzender moralischer Irritation erscheint Hildy als Getriebener, dessen behaupteter Ausstieg aus dem Journalismus durch Heirat von Beginn an brüchig wirkt. Die Spielführung vermeidet jede sentimentale Überhöhung und verankert die Figur fest im zynischen Kosmos der Redaktion.
Alexander Rossi überzeugt als manipulativer Strippenzieher Walter Burns mit trockenem Humor und kalkulierter Härte. Die Beziehung der beiden lebt von präzise gesetzten Machtverschiebungen und einem Dialogtempo, das Abhängigkeit ebenso offenlegt, wie gegenseitige Faszination.
Auch die Nebenrollen sind klar konstruiert und tragen wesentlich zur Dynamik des Abends bei. Ob sensationslüsterne Reporter, opportunistische Politiker oder scheinbar marginale Randfiguren, jede Rolle ist exakt gesetzt und funktional in den Gesamtmechanismus integriert. Bemerkenswert ist die konsequente Verweigerung bloßer Karikatur. Trotz Überzeichnung bleiben die Figuren ernst genommen, was der Satire ihre Schärfe verleiht.
Die weiblichen Ensemblemitglieder setzen bewusste Kontrapunkte in einer männlich dominierten Medienwelt, ohne darauf reduziert zu werden. Mit Präsenz, sprachlicher Präzision und klarem Timing behaupten sie sich innerhalb des rauen, oft bewusst grenzüberschreitenden Tons der Inszenierung.
Insgesamt zeigt sich ein Ensemble, das nicht auf individuelle Glanzleistungen zielt, sondern auf rhythmische Präzision und kollektive Wucht. Die bereits in Mödling gewachsene Sicherheit zahlt sich aus: „EXTRABLATT! EXTRABLATT!“ lebt von einem Darstellerteam, das den Text als gemeinsames Angriffsinstrument begreift, schnell, scharf und ohne falsche Rücksicht.
In der intimen Atmosphäre der Scala gewinnt der Abend zusätzliche Schärfe. Die räumliche Nähe verstärkt die Aggressivität der Dialoge und macht das Publikum zum unfreiwilligen Mitwisser eines Systems, das von Zynismus und Sensationslust lebt.
„EXTRABLATT! EXTRABLATT!“ erweist sich als klug geschärfte Mediensatire, die ihre historische Vorlage ernst nimmt, ohne ihr zu verfallen. Tempo, Klarheit und eine unmissverständliche Haltung prägen diesen Abend. Journalismus als Ware ist kein neues Phänomen, aber eines, das hier mit bitterer Konsequenz offengelegt wird.
Es spielen: Ildiko Babos, Ulrike Hübl, Chiara Larson, Stephanie-Christin Schneider; Paul Barna, Felix Frank, Christian Kainradl, Hermann J. Kogler, Christopher Korkisch, Marius Lackenbucher, Anselm Lipgens, Robert Notsch, Christoph Prückner, Helfried Roll, Alexander Rossi, Leopold Selinger
Noch bis 31. Jänner 2026 in der Scala zu sehen.
6 von 6 Sternen: ★★★★★★
Kritik: Michaela Springer; Fotos: Bettina Frenzel
www.theaterzumfuerchten.at/TheaterScala/



















