16.09.2026 - Das Vindobona/ Wien
EINE ROSE FÜR JULIETTE GRÉCO
Juliette Gréco war weit mehr als eine Sängerin. Schauspielerin, Muse der französischen Existenzialisten, Ikone des Chansons und eine Künstlerin von kompromissloser Eigenständigkeit, verkörperte sie wie kaum eine andere die Verbindung von künstlerischer Freiheit und persönlicher Selbstbestimmung. Michaela Ehrenstein und René Rumpold widmen dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit den Abend EINE ROSE FÜR JULIETTE GRÉCO, der am 16. September 2026 im Vindobona zur Aufführung kam.
Michaela Ehrenstein nähert sich Gréco dabei nicht im Rahmen einer konventionellen biografischen Dramatisierung. Aus Erzählung, szenischen Momenten und Chansons entsteht vielmehr ein mosaikartiges Porträt. Markante Stationen aus Grécos Leben werden aufgerufen, verdichtet und unmittelbar mit ihrer künstlerischen Existenz verknüpft. Rene Rumpold übernimmt dabei die Funktion des Erzählers und dramaturgischen Impulsgebers. Er gibt Stichworte und Situationen vor, aus denen Ehrenstein in die Rolle Grécos schlüpft.
Diese Form erweist sich als besonders reizvoll, entspricht sie doch einer Persönlichkeit, die sich zeitlebens einer eindeutigen Festlegung entzog. Kindheit und Kriegserfahrungen, die Pariser Boheme, Begegnungen mit Jean-Paul Sartre, Boris Vian und Miles Davis, die Filmkarriere und schließlich die internationale Laufbahn als Chansonsängerin erscheinen nicht als bloße Stationen einer chronologisch abgearbeiteten Biografie. Sie bilden vielmehr die Koordinaten eines Künstlerinnenporträts, in dessen Zentrum die Bühne als eigentlicher Ausdrucksraum Grécos steht.
Michaela Ehrenstein trägt den Abend mit großer Präsenz. Ihre Darstellung zielt weniger auf eine äußerliche Imitation Grécos als auf deren Haltung, Temperament und Bühnenwirkung. Sie bewegt sich souverän zwischen gesprochenem Wort und musikalischer Interpretation, zwischen biografischer Figur und eigenständiger Bühnenpersönlichkeit. Besonders überzeugend ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie die französischen Chansons interpretiert.
Die musikalischen Nummern fungieren dabei keineswegs als bloße Einlagen zwischen den biografischen Passagen. Sie bilden vielmehr das emotionale Zentrum des Abends. In ihnen verdichten sich Melancholie, Sinnlichkeit, Sehnsucht und Selbstbehauptung, jene Qualitäten, die mit der Bühnenfigur Juliette Gréco untrennbar verbunden sind. Dass bis auf eine Nummer auf Französisch gesungen wird, unterstreicht die sprachliche und atmosphärische Nähe zum französischen Original.
Am Klavier begleitet Bela Fischer die Sängerin und Schauspielerin aufmerksam und stilistisch zurückhaltend. Sein Spiel lässt Ehrensteins Stimme und Interpretation den erforderlichen Raum, setzt zugleich aber eigene musikalische Akzente.
Auch dramaturgisch folgt der Abend keiner streng linearen Lebensgeschichte, sondern einer eher lockeren Folge biografischer Schlaglichter. Das erweist sich als produktive Entscheidung. Gréco wird nicht in ein geschlossenes Lebensmodell gezwängt, sondern in ihrer Vielschichtigkeit erfahrbar. Die einzelnen Episoden gewinnen ihre Bedeutung vor allem durch ihre Verbindung mit den Liedern und den daraus entstehenden szenischen Momenten.
EINE ROSE FÜR JULIETTE GRÉCO versteht sich folglich nicht als vollständige Biografie, sondern als Bühnenbegegnung mit einer außergewöhnlichen Künstlerin. Im Mittelpunkt steht weniger die historische Rekonstruktion als die Frage, welche Aspekte von Grécos Persönlichkeit und künstlerischer Präsenz sich auf der Bühne vergegenwärtigen lassen.
Besonders dort, wo Sprache und Musik ineinandergreifen, entwickelt der Abend seine stärkste Wirkung. Für Augenblicke entsteht eine intime Atmosphäre, in der sich etwas von jener Pariser Welt erahnen lässt, mit der Gréco über Jahrzehnte hinweg verbunden war. Ehrenstein vermittelt das Bild einer Künstlerin, die sich von den äußeren Umständen ihres Lebens nicht dauerhaft definieren ließ und deren Identität untrennbar mit dem Akt des Auftretens verbunden war.
EINE ROSE FÜR JULIETTE GRÉCO ist damit vor allem eine persönliche Hommage. Der Abend erinnert an eine prägende Vertreterin des französischen Chansons und macht zugleich nachvollziehbar, worin ein wesentlicher Teil ihrer außergewöhnlichen Bühnenwirkung lag, in der Verbindung von Stimme, Haltung und einer unverwechselbaren künstlerischen Präsenz.
5 von 6 Sternen: ★★★★★
Kritik: Michaela Springer; Fotos: Wolfgang Springer






