27.03.2026 - Komödie am Kai/ Wien
DIE LIEBEN ELTERN
Österreichischen Erstaufführung
Mit der österreichischen Erstaufführung von DIE LIEBEN ELTERN in der Komödie am Kai legt Regisseurin Doris Weiner eine pointiert gearbeitete Familienkomödie vor, die sich hinter boulevardesken Oberflächen als präzise Gesellschaftsanalyse erweist. Zwischen Erbschaftsfragen, emotionalen Abhängigkeiten und moralischen Selbstentwürfen entfaltet sich ein Kammerspiel, das seine Energie aus der Enge des Privaten bezieht und zugleich darüber hinausweist.
Der Text von Armelle Patron und Emmanuel Patron folgt einem klassischen dramaturgischen Arrangement. Eine familiäre Ausnahmesituation, ausgelöst durch den radikalen Lebensplan der Eltern und einen verschwiegenen Lottogewinn, legt latente Konflikte frei. Die Inszenierung vertraut auf die dialogische Präzision des Stücks und auf ein treffsicheres Timing, das insbesondere dort Wirkung entfaltet, wo die Komik ins Unbehagliche kippt.
Im Zentrum steht ein geschlossen agierendes Ensemble. Doris Richter-Bieber zeichnet die Mutter Johanna mit kontrollierter Ambivalenz und entwickelt eine Präsenz, die Fürsorge und Entschlossenheit gleichermaßen trägt, ohne in Überzeichnung zu verfallen. Robert Mohor setzt dem als Vincent eine bewusst reduzierte Körpersprache entgegen. Gerade diese Zurücknahme verleiht der Figur eine stille Autorität und macht sie zum reflektierenden Gegenpol innerhalb der eskalierenden Dynamik. Spannung entsteht hier aus minimalen Verschiebungen in Haltung, Blick und Rhythmus, eine präzise gearbeitete Darstellung von großer innerer Dichte.
Unter den Geschwistern setzt Viktoria Wais als Luise markante Akzente, indem sie Selbstgerechtigkeit mit verletzlicher Fragilität verschränkt. Lukas Meier gestaltet Leon mit feiner Differenzierung zwischen Widerstand und Verletzlichkeit. Seine kontrollierte Körpersprache und präzise gesetzten Pausen verdichten die Szenen zu intensiven Momenten. Wilhelm Prainsack verleiht Maximilian eine klar konturierte Strenge, die durch subtile Brüche unterlaufen wird und der Figur zusätzliche Tiefe verleiht.
Das Bühnenbild von Martin Gesslbauer etabliert eine realistische Wohnsituation, deren bürgerliche Stabilität im Verlauf sichtbar erodiert. Diese visuelle Konstanz bildet ein wirkungsvolles Gegenbild zur emotionalen Eskalation. Die Kostüme von Petra Teufelsbauer setzen auf feine soziale Codierungen, ohne sich in Symbolik zu erschöpfen.
Weiners Regie bleibt bewusst unprätentiös und dem Text verpflichtet. Der Verzicht auf überbordende Effekte lenkt den Fokus konsequent auf Sprache und Spiel. Gerade daraus gewinnt der Abend seine nachhaltige Wirkung. DIE LIEBEN ELTERN erscheint hier nicht bloß als unterhaltsame Boulevardkomödie, sondern als präzise Studie familiärer Selbsttäuschung, pointiert, klug und von bemerkenswerter Schärfe in den Brüchen zwischen behaupteter Harmonie und offenem Konflikt.
Noch bis 16. Mai 2026!
5 von 6 Sternen: ★★★★★
Kritik: Michaela Springer; Fotos: Komödie am Kai


















