22.08.2026 - Ernst Happel Stadion/ Wien
Wenn ein Stadion zum Opernhaus wird
ANDREA BOCELLI – „Romanza" 30th Anniversary World Tour
Andrea Bocelli, Cristina Pasaroiu und Andrea Lykke bei „Romanza“ in Wien
Es sind die großen Stimmen, die einen Konzertabend in Erinnerung halten. Und manchmal ist es ein einzelner Moment, der aus einem außergewöhnlichen Konzert ein Ereignis macht. Andrea Bocellis ROMMANZA-Konzert im Wiener Ernst-Happel-Stadion hatte beides, eine Stimme von unverwechselbarer Strahlkraft, hochkarätige musikalische Partner:innen und mit „Nessun dorma“ einen Schluss- und Höhepunkt, der dem Abend seine endgültige Dimension verlieh.
Drei Jahrzehnte nach dem Erscheinen von ROMANZA präsentierte sich Bocelli in Wien nicht als Künstler, der seine Vergangenheit lediglich reproduziert. Das Jubiläum wurde vielmehr zum Anlass, jene musikalische Welt neu zu vermessen, die seine internationale Karriere geprägt hat, italienische Canzone, Oper, Musical und große romantische Melodien, verbunden durch seine unverwechselbare Stimme. Begleitet vom Slovak Symphonic Orchestra unter der Leitung von Carlo Bernini und dem Bachchor Stuttgart entstand dabei ein Programm, das die stilistische Spannweite von Bocellis Repertoire eindrucksvoll sichtbar machte.
Neben den großen Klassikern der italienischen Oper standen Giacomo Puccinis „Bevo al tuo fresco sorriso“ und Giuseppe Verdis „La donna e mobile“ ebenso auf der Setlist wie Carl Orffs „Carmina Burana“. Hinzu kamen Ausschnitte aus Leonard Bernsteins „West Side Story“ und die legendären Filmmusiken von Ennio Morricone. Das Programm setzte damit bewusst auf musikalische Kontraste und machte deutlich, wie selbstverständlich Bocelli zwischen Opernbühne, Konzertsaal und Kinoleinwand vermittelt.
Sein Tenor besitzt eine Klangfarbe, die bereits nach wenigen Takten eindeutig identifizierbar ist, warm, leicht melancholisch und von großer emotionaler Direktheit. Gerade in einem Stadion, dessen Dimensionen musikalische Intimität zunächst infrage stellen, wurde deutlich, wie souverän Bocelli mit Raum und Erwartung umgeht. Er muss nicht forcieren, um Präsenz zu erzeugen. Seine Stimme trägt durch die Weite des Raumes, weil sie über Charakter und eine unverwechselbare Klangidentität verfügt.
Eine wesentliche Bereicherung des Abends war Cristina Pasaroiu. Die rumänische Sopranistin brachte eine eigenständige vokale Farbe in das Programm. Ihr klar geführter, lyrischer Sopran bildete einen spannungsreichen Kontrast zu Bocellis charakteristischem Tenorklang. In den gemeinsamen Passagen entstand daraus ein überzeugender musikalischer Dialog, bei dem nicht der Starstatus, sondern die Balance der Stimmen im Vordergrund stand.
Auch Andrea Lykke setzte einen markanten Akzent. Ihre Präsenz fügte dem Konzert eine weitere vokale Facette hinzu und unterstrich den Anspruch des Abends, nicht allein als Bocelli-Schau, sondern als großes musikalisches Erlebnis wahrgenommen zu werden. Gerade im Zusammenspiel der unterschiedlichen Stimmen zeigte sich die dramaturgische Stärke des Programms. Verschiedene Klangfarben und vokale Persönlichkeiten fügten sich zu einem großen musikalischen Bogen.
Eine besondere emotionale Dimension erhielt der Abend durch das Duett „Fall on Me“, das Bocelli gemeinsam mit seinem Sohn Matteo sang. Der Titel, der längst über den Charakter eines bloßen Familienmoments hinausweist, fügte sich organisch in die Dramaturgie des Konzerts ein. Zwischen Vater und Sohn entstand ein intimer musikalischer Moment, der den großen Stadionrahmen für einige Minuten zurücktreten ließ und eine persönlichere Seite des Abends sichtbar machte.
Auch die Filmmusik erhielt ihren eigenen szenischen Raum. „America“ aus „West Side Story“ wurde von einer Ballett-Einlage begleitet und verband musikalische Dynamik mit visueller Bewegung. Mit „Spiel mir das Lied vom Tod“ wiederum öffnete sich der Konzertabend in Richtung jener ikonischen Klangwelt Ennio Morricones, deren musikalische Signatur unmittelbar mit der Geschichte des europäischen und internationalen Kinos verbunden ist. Solche Momente erweiterten das Spektrum des Abends, ohne den roten Faden des Programms aufzugeben.
Puccinis „Nessun dorma“ aus „Turandot“ wurde schließlich zum Höhepunkt des Konzerts. Schon die ersten Takte erzeugten eine gespannte Erwartung, die sich von Phrase zu Phrase steigerte. Als Bocelli in die berühmte Schlusssteigerung mit „Vincerò“ führte, schien das Stadion für einen Augenblick seine eigentliche Funktion zu verlieren. Aus der Sportarena wurde ein Opernraum.
Gerade hier zeigte sich die Qualität seiner Stimme in ihrer ganzen Konsequenz. „Nessun dorma“ verlangt nicht nur vokale Kraft, sondern ebenso eine präzise Kontrolle des Spannungsaufbaus. Bocelli setzte nicht auf den bloßen Effekt. Er ließ die Arie wachsen, bis zu jenem berühmten Schluss, der im Stadion eine enorme emotionale Wucht entfaltete. Der anschließende Jubel war entsprechend gewaltig.
Dieser Augenblick besaß etwas Ikonisches, eine der bekanntesten Arien des Opernrepertoires, gesungen von einem der weltweit populärsten Tenöre, vor 30.000 Zuschauern im Wiener Stadion. Eine solche Konstellation hätte leicht ins Pathetische kippen können. Stattdessen entwickelte die Interpretation eine unmittelbare, beinahe überwältigende Wirkung. „Nessun dorma“ war nicht einfach ein weiterer Programmpunkt, sondern die logische Kulmination eines Abends, der von Beginn an auf die Verbindung von italienischer Musikkultur und großer emotionaler Geste gesetzt hatte.
Überhaupt lag die Stärke des Konzerts weniger in spektakulären Showelementen als in der Musik selbst. Das Slovak Symphonic Orchestra und der Bachchor Stuttgart bildeten den großen klanglichen Rahmen, ohne die Stimmen aus dem Zentrum zu verdrängen. Carlo Bernini führte die musikalischen Kräfte mit sicherem Gespür für Proportion und Dynamik durch ein Programm, das zwischen Oper, Musical, Filmmusik und populärem Repertoire wechselte. Die musikalische Dramaturgie lebte von Kontrasten, intime Passagen neben orchestraler Opulenz, solistische Auftritte neben vokalen Dialogen, populäre Melodien neben dem großen Opernrepertoire.
Darin liegt seit Jahrzehnten eine der besonderen Qualitäten von Bocellis künstlerischem Wirken. Er bewegt sich an der Schnittstelle von klassischer und populärer Musik, ohne sich eindeutig einer dieser Sphären unterzuordnen. Seine Interpretationen erreichen ein breites Publikum, ohne den Bezug zu jener italienischen Gesangstradition zu verlieren, aus der sie hervorgegangen sind. Das Wiener Konzert machte diese Verbindung nicht nur hörbar, sondern zum eigentlichen dramaturgischen Prinzip des Abends.
Das ROMANZA-Konzert war deshalb mehr als ein Jubiläumsabend. Es war eine Demonstration der anhaltenden Wirkung einer großen Stimme und zugleich ein Beleg dafür, dass klassische Vokalmusik auch im größtmöglichen Rahmen ihre emotionale Unmittelbarkeit bewahren kann. Die musikalische Reise reichte von Puccini und Verdi über Orff und Bernstein bis zu Morricone, von der großen Operngeste bis zum persönlichen Duett zwischen Andrea und Matteo Bocelli und dem fulminanten „Nessun dorma“.
ROMANZA war für Wien ein herausragender Konzertabend, mit grandiosen Stimmen, starken musikalischen Partnerinnen wie Cristina Pasaroiu und Andrea Lykke, einem vielseitigen Orchester- und Chorapparat und einem Finale, das eindrucksvoller kaum hätte ausfallen können.
6 von 6 Sternen: ★★★★★★
Kritik: Michaela Springer; Fotos: Daniel Scharinger
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