Johanna Rehm, Hendrik Winkler

21.05.2026 - Scala/ Wien

2:22 – EINE GEISTERGESCHICHTE
Österreichische Erstaufführung

Mit der österreichischen Erstaufführung 2:22 – EINE GEISTERGESCHICHTE gelingt dem Theater Scala ein atmosphärisch dichter Theaterabend zwischen psychologischem Kammerspiel, Beziehungsthriller und subtiler Geistergeschichte. Das Stück des britischen Autors Danny Robins lebt dabei weniger von klassischen Horror-Elementen als von der präzisen Dramaturgie des Ungewissen. Vier Menschen treffen in einem modernisierten Haus aufeinander, diskutieren über Rationalität, Verlust, Wahrnehmung und die Möglichkeit eines Lebens nach dem Tod und geraten dabei zunehmend in einen psychischen Ausnahmezustand. Die Wiener Inszenierung setzt nicht auf plakative Schockeffekte, sondern auf ein fein austariertes Spiel mit Spannung, Rhythmus und atmosphärischer Verdichtung.

Im Zentrum steht Jenny, die nach dem Einzug in das renovierte Haus überzeugt ist, jede Nacht um exakt 2:22 Uhr eine übernatürliche Präsenz wahrzunehmen. Ihr Mann Sam begegnet diesen Ängsten mit nüchterner Skepsis, während das befreundete Paar Lauren und Ben emotionale wie ideologische Gegenpole bildet. Aus dieser Konstellation entwickelt sich ein dichtes Dialoggeflecht. Gerade darin liegt die Stärke des Stückes, die Geistergeschichte wird zur Projektionsfläche verdrängter Konflikte, Ängste und Sehnsüchte.


Die Regie von Marcus Ganser arbeitet präzise mit dieser Ambivalenz. Das Übersinnliche wird nie eindeutig markiert, vieles bleibt bewusst in der Schwebe. Spannungsbögen entstehen aus einer stetigen atmosphärischen Verdichtung. Besonders überzeugend gelingt die Verschiebung vom anfänglich beinahe boulevardesken Tonfall hin zu einer zunehmend klaustrophobischen Stimmung. Die Inszenierung vertraut dabei konsequent auf die Kraft des Textes und die psychologische Zeichnung der Figuren, ohne sich in effekthascherischer Horrorästhetik zu verlieren. Gerade in den stilleren Momenten entfaltet der Abend seine größte Intensität.

Johanna Rehm

Auch das Bühnenbild, ebenfalls von Marcus Ganser gestaltet, überzeugt durch seine detailreiche, naturalistische Gestaltung eines noch nicht ganz fertig sanierten Wohnraums. Die offene Architektur erzeugt zugleich Transparenz und Unsicherheit, Türen, Fensterfronten und Lichtachsen werden zu dramaturgischen Instrumenten der Beobachtung und Irritation. Besonders das Lichtdesign prägt die Atmosphäre des Abends. Kalte und grelle Farbtemperaturen erzeugen ein permanentes Gefühl latenter Bedrohung. Unterstützt wird dies durch die akustische Ebene, in der knarrende Geräusche und abrupt einsetzende Klangmomente die psychologische Spannung wirkungsvoll verdichten.

Johanna Rehm, Hendrik Winkler

Darstellerisch lebt die Produktion vor allem von der Geschlossenheit ihres Ensembles. Die Figuren bleiben nie bloße Funktionsträger eines Thrillers, sondern gewinnen emotionale Tiefe und individuelle Brüche. Johanna Rehm gestaltet Jenny mit großer Intensität zwischen nervöser Überreizung, Verletzlichkeit und trotzigem Beharren. So entsteht das vielschichtige Porträt einer Frau, deren Wahrnehmung permanent infrage gestellt wird. Henrick Winkler setzt als Sam eine kontrollierte, zunehmend arrogante Rationalität entgegen, die im Verlauf des Abends sichtbar zu bröckeln beginnt. Besonders eindringlich geraten jene Szenen, in denen sich Ehekonflikt und existentielle Verunsicherung überlagern.

Philipp Stix, Sophie Aujesky

Auch das zweite Paar sorgt für dramaturgische Dynamik. Philipp Stix verleiht Ben als überzeugtem Anhänger des Übersinnlichen eine direkte, glaubwürdige Präsenz, ohne die Figur zur Karikatur werden zu lassen. Sophie Aujesky wiederum fungiert als vermittelnde Instanz zwischen den Extremen und erweitert den Abend um zusätzliche psychologische Nuancen. Das Ensemble agiert insgesamt mit bemerkenswerter rhythmischer Präzision, die Dialoge wirken lebendig, spontan und niemals bloß reproduziert.

Sophie Aujesky, Johanna Rehm, Hendrik Winkler, Philipp Stix

Seine größte Stärke entfaltet 2:22 – EINE GEISTERGESCHICHTE dort, wo das Stück die zentrale Frage offenlässt: Existiert das Übernatürliche tatsächlich, oder ist es lediglich Ausdruck verdrängter Traumata und innerer Ängste? Die Inszenierung im Theater Scala macht aus einem klug konstruierten Unterhaltungsthriller ein psychologisch fein gearbeitetes Kammerspiel über Angst, Wahrnehmung und die Fragilität menschlicher Gewissheiten. Das Publikum erlebt keinen konventionellen Horrorabend, sondern ein intelligentes Theatererlebnis, das seine Spannung bis zum Schluss bewahrt.

6 von 6 Sternen: ★★★★★★        Kritik: Michaela Springer;
                                                      Fotos: Bettina Frenzel

  • Alessio Romanelli, Johanna Rehm, Stephanie Christin Schneider
  • Hendrik Winkler, Philipp Stix, Sophie Aujesky, Johanna Rehm
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  • Hendrik Winkler, Sophie Aujesky, Johanna Rehm, Philipp Stix
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  • Hendrik Winkler, Sophie Aujesky, Philipp Stix
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  • Johanna Rehm, Hendrik Winkler, Philipp Stix, Sophie Aujesky
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  • Johanna Rehm, Stephanie Christin Schneider, Alessio Romanelli, Sophie Aujesky
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  • Johanna Rehm, Stephanie Christin Schneider, Alessio Romanelli, Sophie Aujesky1
  • Philipp Stix, Hendrik Winkler


www.theaterzumfuerchten.at/TheaterScala/



 

 

 

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