Univ.-Prof. Dr. Walter Rabl (Autor), 
Dr. Birgit Kofler-Bettschart

01. Leichen lügen nicht
Fälle und Fakten aus der Gerichtsmedizin

Verlag: Carl Ueberreuter Verlag GmbH
Hardcover
: Oktober 2025 (1. Auflage)
Umfang: 208 Seiten
Größe: 14,6 x 22 cm
ISBN Buch: 978-3-8000-7894-3

Wussten Sie …
•    wie man einen perfekt getarnten 
   Mord erkennt?
•    warum Erfrorene oft halb entkleidet 
   aufgefunden werden?
•    was im Körper bei Ertrinken oder Ersticken geschieht?
•    wie gezielte Gewalt gegen Kinder erkannt wird?
•    wie man Partnergewalt hinter verschlossenen Türen aufdeckt?

In LEICHEN LÜGEN NICHT öffnet der Gerichtsmediziner Univ.-Prof. Dr. Walter Rabl gemeinsam mit der Journalistin Dr. Birgit Kofler-Bettschart den Blick in einen beruflichen Erfahrungsraum, in dem der menschliche Körper zum zentralen Erkenntnisträger wird. Das Buch versammelt eine Reihe realer Fälle aus der rechtsmedizinischen Praxis und zeigt, wie Todesursachen rekonstruiert, Fehldeutungen korrigiert und scheinbar eindeutige Sachverhalte neu gelesen werden müssen.

Das Werk ist episodisch angelegt. Rabl schildert ausgewählte Obduktionen und Ermittlungsverläufe, bei denen zunächst naheliegende Erklärungen Unfall, Suizid oder natürliche Todesursache, durch präzise Untersuchung infrage gestellt werden. Anhand von Verletzungsmustern, inneren Befunden, Lageveränderungen oder zeitlichen Inkonsistenzen rekonstruiert er das tatsächliche Geschehen. Wiederkehrend ist dabei das Motiv der Diskrepanz zwischen äußerem Anschein und forensischer Realität: Der Körper widerspricht Zeugenaussagen, entlarvt voreilige polizeiliche Annahmen oder korrigiert gesellschaftlich etablierte Narrative über Tod und Schuld.

Die Fallgeschichten dienen jedoch nicht allein der Darstellung überraschender Wendungen. Regelmäßig unterbricht Rabl die narrativen Passagen durch erklärende Einschübe, in denen er grundlegende rechtsmedizinische Prinzipien erläutert, etwa zur Abgrenzung von Unfall und Fremdeinwirkung, zu typischen Fehlinterpretationen bei Brand- oder Ertrinkungstoten oder zu den Grenzen forensischer Beweisbarkeit. Die Struktur folgt dabei weniger einer dramaturgischen als einer didaktischen Logik. Jeder Fall fungiert als Ausgangspunkt für methodische Reflexion und fachliche Einordnung.

Stilistisch bleibt der Autor konsequent sachlich. Die Sprache ist präzise, nüchtern und frei von Sensationalismus. Gewalt und Tod werden funktional beschrieben. Diese Zurückhaltung mag für ein Publikum, das aus der populären True-Crime-Rezeption Spannung und Emotionalisierung erwartet, zunächst spröde erscheinen. Im fachlichen Kontext jedoch erweist sie sich als Stärke. Rabl wahrt professionelle Distanz und vermeidet moralische Vereindeutigungen, ohne dabei an Anschaulichkeit einzubüßen.

LEICHEN LÜGEN NICHT demontiert den Mythos der allwissenden Forensik ebenso wie den Glauben an einfache Wahrheiten. Es zeigt, dass Erkenntnis im Umgang mit dem Tod stets das Ergebnis sorgfältiger Interpretation ist, ein Prozess, der Präzision, Zweifel und methodische Strenge voraussetzt. Gerade in dieser Haltung liegt die nachhaltige Qualität des Buches.

6 von 6 Sternen: ★★★★★★   Kritik: Michaela Springer

Der Autor:
Univ.-Prof. Dr. Walter Rabl, MME (Bern) lebt in Tirol und blickt auf eine mehr als 40-jährige Karriere in der Gerichtsmedizin zurück. Nach dem Medizinstudium in Innsbruck arbeitete er unter anderem an der Gerichtsmedizin in St. Gallen, und habilitierte sich 1998 in Innsbruck, wo er in den Bereichen Morphologie, biologische Spuren, DNA, Toxikologie und klinische Gerichtsmedizin tätig und sehr häufig als gerichtlicher Sachverständiger im Einsatz war. Bis zu seiner Pensionierung Ende 2024 war er stellvertretender Direktor des Instituts für Gerichtliche Medizin an der Medizinischen Universität Innsbruck und 20 Jahre lang Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Gerichtliche Medizin (ÖGGM).

Die Autorin:
Dr. Birgit Kofler-Bettschart stammt aus Tirol und lebt und arbeitet als Autorin in Wien und Triest. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften arbeitete sie für die UNESCO in Paris, im österreichischen diplomatischen Dienst und als Kabinettchefin im österreichischen Gesundheitsministerium, bevor sie sich als Journalistin, Kommunikationsberaterin und Verlegerin selbstständig machte. Zuletzt bei Ueberreuter erschienen: »Ich habe getötet, aber ein Mörder bin ich nicht«.

Das Buch beim UEBERREUTER-Verlag

Moussa Al-Hassan Diaw (Autor)
02. Die Radikalisierten
Wie islamistischer Extremismus junge Menschen vereinnahmt und unsere Gesellschaft herausfordert

Verlag: Brandstätter
Hardcover mit Schutzumschlag
: 16. Juli 2025 (1. Auflage)
Umfang: 176 Seiten
Größe: 13,5 x 21 cm
ISBN Buch: 978-3-7106-0902-2
ISBN eBook: 978-3-7106-0917-6

Mit DIE RADIKALISIERTEN legt Islamismusforscher  Moussa Al-Hassan Dia ein politisches Sachbuch vor, das Radikalisierung nicht als Randphänomen extremistischer Milieus behandelt, sondern als Ausdruck tieferliegender gesellschaftlicher Spannungen in westlichen Demokratien.

Zentral ist die These, dass Radikalisierung weniger aus ideologischer Überzeugung hervorgeht als aus sozialer, politischer und emotionaler Entfremdung. Al-Hassan Dia beschreibt sie als Reaktion auf empfundene Ohnmacht, mangelnde politische Repräsentation und das Gefühl ausgeschlossen zu sein. Der Begriff der Radikalisierung wird dabei bewusst erweitert. Er umfasst nicht nur gewaltförmigen Extremismus, sondern ebenso verhärtete Diskurse, Feindbildkonstruktionen und eine wachsende Bereitschaft zur Delegitimierung demokratischer Institutionen.

Analytisch überzeugt das Buch insbesondere durch seinen interdisziplinären Zugriff. Al-Hassan Dia verknüpft politikwissenschaftliche Forschung mit soziologischen und psychologischen Ansätzen und illustriert diese durch Beispiele aus der aktuellen politischen Praxis. Differenziert arbeitet er heraus, wie soziale Medien, identitätspolitische Zuschreibungen und polarisierte Öffentlichkeiten Radikalisierungsprozesse verstärken, ohne dabei in vereinfachende oder technikdeterministische Erklärungen zu verfallen.

Auch stilistisch bleibt DIE RADIKALISIERTEN nüchtern und zugänglich. Der Autor verzichtet auf polemische Zuspitzungen und setzt stattdessen auf begriffliche Präzision und einen stringenten argumentativen Aufbau. Diese Zurückhaltung stärkt die analytische Glaubwürdigkeit des Buches, verlangt jedoch eine konzentrierte Lektüre und schließt bewusst nicht an populäre Vereinfachungen oder moralische Kurzschlüsse an.

Besonders überzeugend ist das Buch dort, wo es dominante Deutungsmuster infrage stellt. Radikalisierung erscheint weder als individuelles Versagen noch als kulturelle Abweichung, sondern als gesellschaftliche Herausforderung, die demokratische Selbstreflexion erfordert. Entsprechend richtet sich der Band nicht allein an Politik und Sicherheitsbehörden, sondern ebenso an Medien, Zivilgesellschaft und eine Öffentlichkeit, die im Umgang mit Radikalisierung allzu oft zwischen Alarmismus und Verharmlosung oszilliert.

DIE RADIKALISIERTEN ist ein analytisch fundierter, differenzierter und politisch relevanter Beitrag zur Debatte über Polarisierung und demokratische Resilienz. Das Buch bietet keine einfachen Lösungen, schärft jedoch den Blick für die strukturellen Ursachen von Radikalisierung und leistet damit einen wichtigen Beitrag zum Verständnis gesellschaftlicher Fragmentierungsprozesse in gegenwärtigen Demokratien.

6 von 6 Sternen: ★★★★★★   Kritik: Michaela Springer

Der Autor:
Moussa Al-Hassan Diaw ist Islamismusforscher und beschäftigt sich in seinen Publikationen mit den Themen politische Ideologisierung von Religion, Migration und Identität sowie Antisemitismus. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter und Koordinator der Weiterbildung der Imame an der Universität Osnabrück, lehrte an der Pädagogischen Hochschule Linz und war u. a. an einem Projekt im Rahmen der Extremismusprävention in Brandenburg beschäftigt.

(c) Gianmaria Gava

Diaw ist Gründer der österreichischen Organisation DERAD, die Jugendliche, die Gefahr laufen, sich zu radikalisieren, oder bereits mit Radikalismus in Kontakt gekommen sind, durch Aufklärung von Gewalt abzuhalten versucht. Im Auftrag der Generaldirektion des österreichischen Bundesministeriums für Justiz arbeitet er mit wegen terroristischer Straftaten verurteilten Straftätern in Gefängnissen und nach der Haft. Auch mit dem Landesamt Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung Wien arbeitet die Organisation zusammen.

Das Buch beim BRANDSTÄTTER-Verlag

Dipl. Psych. Catrin Marnitz (Autorin),
Tina Epking (Autorin)
03. Ein gesunder Rücken ist auch Kopfsache
Wie Stress und Schmerz zusammenhängen

Verlag: Rowohlt Polaris
Taschenbuch
: 16. September 2025
ebenfalls als eBook (epub) und Hörbuch (argon Verlag) erhältlich
Umfang: ca. 240 Seiten
Alter: o.A.
ISBN-13 Taschenbuch: 978-3-499-01716-2
ISBN-13 eBook: 978-3-644-02348-2

Mit „Ein gesunder Rücken ist auch Kopfsache“ positioniert sich Catrin Marnitz an der Schnittstelle von Körperarbeit, Psychologie und Gesundheitsprävention. Das Buch richtet sich an Leser:innen, die Rückenschmerzen nicht ausschließlich als biomechanisches Problem verstehen, sondern offen sind für einen ganzheitlichen Blick auf Ursachen, die im Zusammenspiel von Haltung, Bewegung, Stress und mentalen Mustern entstehen.

Zentraler Gedanke des Buches ist die These, dass Rückengesundheit wesentlich von inneren Einstellungen, emotionalen Belastungen und Stressverarbeitung beeinflusst wird. Marnitz argumentiert nachvollziehbar, dass muskuläre Verspannungen häufig Ausdruck psychischer Anspannung sind und rein körperliche Therapieansätze daher oft zu kurz greifen. Diese Perspektive ist nicht neu, wird hier jedoch konsequent und für ein breites Publikum verständlich aufbereitet.

Stilistisch ist das Buch klar und zugänglich geschrieben. Fachbegriffe werden sparsam eingesetzt und in der Regel verständlich erklärt, was den Text auch für medizinische Laien gut lesbar macht. Positiv hervorzuheben ist der praxisnahe Ansatz. Übungen zur Körperwahrnehmung, Reflexionsimpulse und alltagsnahe Beispiele sollen Leser:innen dazu anregen, eigene Verhaltensmuster zu erkennen und zu verändern. Dadurch gewinnt das Buch an konkretem Nutzwert und bleibt nicht auf der Ebene abstrakter Gesundheitsratschläge.

Kritisch anzumerken ist, dass die psychische Dimension von Rückenschmerzen stellenweise sehr stark betont wird. Körperliche Ursachen wie strukturelle Veränderungen, Verletzungen oder chronische Erkrankungen treten demgegenüber in den Hintergrund. Für Betroffene mit klar diagnostizierten orthopädischen Problemen könnte dieser Fokus verkürzend wirken.

Insgesamt überzeugt „Ein gesunder Rücken ist auch Kopfsache“ als motivierender Ratgeber, der den Blick auf Rückenschmerzen erweitert und zur Eigenverantwortung anregt. Das Buch eignet sich besonders für Leser:innen, die offen für ganzheitliche Gesundheitskonzepte sind und bereit, körperliche Beschwerden auch im Kontext von Lebensstil und mentaler Belastung zu reflektieren. Als Ergänzung zu medizinischer oder physiotherapeutischer Behandlung bietet es wertvolle Denkanstöße ersetzt diese jedoch nicht.

4 von 6 Sternen: ★★★★       Kritik: Michaela Springer

Die Autorinnen:
Catrin Marnitz hat Psychologie in Münster studiert und am Institut für Verhaltenstherapie Hamburg die Approbation zur Psychologischen Psychotherapeutin erworben. Heute ist sie die leitende Diplom-Psychologin am renommierten Rückenzentrum Am Michel in Hamburg. Bevor sie vor 20 Jahren dorthin wechselte, war sie in der Psychiatrie des Universitätskrankenhauses Eppendorf tätig. 2010 schloss sie die Weiterbildung im Bereich der Speziellen Schmerzpsychotherapie ab.
Tina Epking hat Deutsche Literatur- und Medienwissenschaften und Spanisch in Düsseldorf und Hamburg studiert und ist Absolventin der Axel Springer Akademie in Berlin. Sie arbeitet seit 20 Jahren als Redakteurin, Journalistin und Autorin für Titel wie BRIGITTE, ZEIT ONLINE und DIE WELT.

Das Buch beim ROWOHLT-Verlag

Der musicalcocktail verlost 1x das Buch bis 14.4.2026 !

Achilles (Autor)
04. Lügen haben schnelle Beine
Laufende Ermittlungen, Band 2

Verlag: Droemer TB
Klappbroschur
: 2. Mai 2025 (1. Auflage)
ebenfalls als eBook (epub) und Hörbuch (Argon Verlag) erhältlich
Umfang: 304 Seiten
Alter: ab 16 Jahren
ISBN Buch: 978-3-426-30966-7
ISBN eBook: 978-3-426-46837-1

Schon der Titel LÜGEN HABEN SCHNELLE BEINE deutet an, dass „Bewegung“ hier mehr bedeutet als körperliche Aktivität. Sie wird zur Metapher für die Dynamik von Täuschung, Machtspielen und Wahrheitsfindung und für ein Erzählen, das selten stillsteht.

Der Roman eröffnet mit einem Paukenschlag. Ein Mordanschlag im Berliner Olympiastadion erschüttert die Stadt und zieht die Öffentlichkeit in einen Strudel aus Spekulationen und Angst. Mitten im Geschehen Peer Pedes, der gemeinsam mit seiner Mutter Zeuge des Attentats wird. Rasch fällt der Verdacht auf Marina Gabor, eine erfahrene SEK-Scharfschützin und frühere Weggefährtin von Pedes.

Während Gabor sich intensiv auf den Berliner Triathlon vorbereitet, verdichten sich die Hinweise gegen sie. Doch Pedes, zerrissen zwischen professioneller Pflicht und persönlicher Loyalität, zweifelt an ihrer Schuld und beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Als weitere Morde geschehen, weitet sich der Fall zu einem Netz aus Intrigen, Verrat und tödlichen Ambitionen aus.

Peer Pedes ist dabei ein wohltuend untypischer Ermittler, kein genialischer Einzelgänger, sondern ein Mann, der an seinen Grenzen arbeitet, physisch wie emotional. Achilles gelingt es, ihn zwischen sportlichem Ehrgeiz, privater Verantwortung und beruflichem Druck fein auszubalancieren.

Auch Marina Gabor ist weit mehr als eine bloße Verdächtige. Ihre Figur gewinnt durch Ambivalenz und Eigenständigkeit. Das Triathlon-Training wird zum Spiegel ihres Strebens nach Disziplin und Kontrolle, eine Ordnung, die im Verlauf der Ermittlungen zunehmend brüchig wird. Gerade diese psychologische Verschränkung verleiht dem Roman Tiefe und Glaubwürdigkeit.

Stilistisch setzt Achilles auf Tempo, kurze Kapitel, klare Sprache, schnelle Szenenwechsel. Diese Struktur verleiht dem Buch einen Sog, lässt die Handlung fließen und erhöht die Spannung. 

Besonders reizvoll ist die Verbindung von Kriminalhandlung und Sportwelt. Die detaillierten Schilderungen von Training, Wettkampfvorbereitung und Triathlon-Atmosphäre wirken authentisch und gut recherchiert. Sie verleihen dem Genre frische Impulse, auch wenn sie für Leserinnen und Leser ohne sportliche Affinität mitunter ausführlich erscheinen mögen.

Die Sprache bleibt überwiegend nüchtern, durchzogen von feinem Humor, der den ernsten Grundton auflockert.

Lügen haben schnelle Beine ist ein moderner Kriminalroman, der Genregrenzen abtastet und zugleich erweitert. Achilles zeigt Mut zur Eigenständigkeit, indem er den klassischen Ermittlerkrimi mit sportlichem Drive und urbaner Dynamik verbindet. Trotz kleiner Schwächen in der Figurenzeichnung und gelegentlicher Vorhersehbarkeit überzeugt das Werk durch hohes Tempo, atmosphärische Dichte und psychologische Genauigkeit.

Für Leserinnen und Leser, die Kriminalliteratur nicht allein als Rätsel, sondern auch als Spiegel menschlicher Ambitionen, Körperlichkeit und moralischer Belastung begreifen, ist dieses Buch eine lohnende Entdeckung.

5 von 6 Sternen: ★★★★★       Kritik: Michaela Springer

Die Autoren:
Michael Meisheit – Jahrgang 1972 – hat Drehbuch studiert. Seit 1997 hat er knapp vierhundert Folgen der Lindenstraße geschrieben, mehr als tausend entwickelt und zehn Jahre lang als Chefautor die Endlosserie maßgeblich geprägt.
Dr. Hajo Schumacher, geboren 1964, hat beim SPIEGEL gearbeitet und war Chefredakteur von MAX. Er ist freier Journalist, TV-Moderator und Autor zahlreicher Sachbücher, darunter die Bestseller Restlaufzeit und Solange du deine Füße auf meinen Tisch legst. Seine Kolumnen unter dem Pseudonym Achim Achilles haben Millionen Läufer:innen begeistert.
Zusammen schreiben sie laufende Ermittlungen um den eigenwilligen Kommissar Peer Pedes, der in Berlin hartnäckig und sportlich brisante Fälle löst.

Das Buch beim DROEMER-KNAUR-Verlag

Der musicalcocktail verlost 1x das Buch bis 12.4.2026 !

Prof. Dr. Karl Rieder (Autor)
aus der Reihe "Rundumadum"
05. Puchberg - mehr als nur am Schneeberg
Entdeckungsreise in der Landschaft
am Fuße des Schneebergs

Verlag: Kral-Verlag
Taschenbuch
VÖ: 2025 (1. Auflage)
Umfang: 228 Seiten
zahlreiche Abbildungen
Größe: 21 x 13 cm
Alter: o.A.
ISBN: 978-3-99103-315-8

Mit „Rundumadum / Puchberg - mehr als nur am Schneeberg“ legt Karl Rieder eine Publikation vor, die sich bewusst jenseits klassischer Regionalmonografien positioniert. Der Band widmet sich der niederösterreichischen Gemeinde Puchberg am Schneeberg und ihrem Umfeld, ohne sich in bloßer touristischer Verwertbarkeit zu erschöpfen. Stattdessen entsteht ein vielschichtiges Porträt, das topografische, historische und kulturelle Dimensionen miteinander verschränkt.

Bereits der Titel signalisiert programmatisch den Anspruch, den Blick „rundumadum“ zu weiten. Der namensgebende Schneeberg fungiert dabei weniger als dominantes Zentrum denn als Ausgangspunkt für eine Reihe von Erkundungen, die den Ort in größere Zusammenhänge einbetten. Rieder gelingt es eine differenzierte Wahrnehmung der Region zu fördern.

Methodisch bewegt sich der Autor an der Schnittstelle von essayistischer Annäherung und dokumentarischer Verdichtung. Historische Exkurse stehen neben anekdotischen Einschüben, lokalgeschichtliche Details neben subjektiven Beobachtungen. Diese Hybridität ist eine der Stärken des Buches.
Besonders hervorzuheben ist die sensible Behandlung regionaler Identität. Rieder vermeidet folkloristische Klischees und nähert sich Puchberg am Schneeberg als einem dynamischen sozialen Gefüge. Fragen von Erinnerungskultur, wirtschaftlicher Transformation und touristischer Überformung werden implizit mitverhandelt, ohne explizit theoretisch gerahmt zu werden. Gerade in dieser Zurückhaltung liegt eine gewisse Qualität. Der Text lädt zur Reflexion ein, statt interpretative Vorgaben zu liefern.

Gestalterisch unterstützt der Band diesen Ansatz durch eine sorgfältige visuelle Aufbereitung, die den Text nicht illustriert, sondern dialogisch ergänzt. Bild- und Textmaterial treten in ein Verhältnis, das die Wahrnehmung des Raums als kulturelle Konstruktion unterstreicht.

5 von 6 Sternen: ★★★★★   Kritik: Michaela Springer

Der Autor:
Prof. Dr. Karl Rieder ist promovierter Sprachwissenschaftler mit interdisziplinärer Ausbildung in Ur- und Frühgeschichte, Sprachwissenschaft sowie Psychologie und Neurologie. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der Psycho- und Neurolinguistik.
Nach Tätigkeiten als Lehrer und Direktor einer Schule für hörbehinderte Kinder in Wien wurde er Hochschulprofessor für Sprachpathologie und Pädagogische Psychologie. Er veröffentlichte zahlreiche Facharbeiten, war international als Gastdozent tätig und wirkte an europäischen Forschungsprojekten mit.
Nach seiner Pensionierung widmete er sich der Ortsgeschichte von Puchberg am Schneeberg und baute ein umfassendes Dokumentationsarchiv auf. 2016 wurde er dafür mit der Goldenen Ehrennadel der Gemeinde ausgezeichnet.

Das Buch beim Kral-Verlag

Cover (c) Kral Verlag, Kral GmbH

Martin Krake (Autor)
aus der Reihe "Nix wie los!"
06. RAUS AUS WIEN!
40 Ausflüge ohne Auto in Niederösterreich und Nordburgenland

Verlag: Kral-Verlag
Taschenbuch
: 2025 (1. Auflage)
Umfang: 174 Seiten
zahlreiche Abbildungen
Größe: 21 x 13 cm
Alter: o.A.
ISBN: 978-3-99103-217-5

Wien hat mit ca. 363 Pkw pro 1.000 Einwohnern (Stand 2024/2025) die niedrigste Pkw-Dichte aller österreichischen Landeshauptstädte. Dennoch hegen die Menschen den Drang, der Großstadt zu entfliehen, um neues zu sehen zu entdecken und durch die Natur zu streifen. Wer statt eines fahrbaren Untersatzes das Klimaticket sein Eigen nennen kann, dem stehen nahezu alle Möglichkeiten offen. Viele Ausflugsziele sind mit den Öffis gut bis sehr gut zu erreichen, wenngleich man doch erhebliche Zeiteinbußen in Kauf nehmen muss, denn direkte Verbindungen mit Bus oder Bahn sind spärlich, Wartezeiten an Haltestellen keine Seltenheit.

Martin Krake hat es sich in diesem Buch zur Aufgabe gemacht, die Anreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu 40 attraktiven und bekannten Ausflugsziele in Niederösterreich und dem nördlichen Burgenland akribisch zu recherchieren. Dass viele von ihnen durch den Besitz der Niederösterreich-Card zu einem kostenlosen Zutritt berechtigen, macht es umso interessanter. Zudem ist es möglich mit der Card schon vergünstigt anzureisen. Die Mariazellerbahn oder der Reblaus-Express sind zudem Erlebnisse für sich.

Der Inhalt umfasst eine reichliche Bandbreite an Attraktionen. Kulturliebhaber:innen  und Wanderfreudige kommen gleichermaßen auf ihre Kosten. Stifte, Burgen, Schlösser, wie Göttweig, Rosenburg und Schloss Esterházy, Museen, wie Carnuntum und Nationalpark-Zentrum Schloss Orth, dazu Naturparks, wie Laxenburg und Sparbach und zu guter Letzt Wanderungen am Schneeberg, auf der Rax und am Semmering sorgen für jede Menge Abwechslung. Das Skifahren und Snowboarden ist auf der Raxalpe allerdings nicht mehr möglich. Der Schlepplift hinter der Bergstation wurde schon vor einigen Jahren eingestellt.
Ansonsten sind sämtliche Ausflugsziele über mehrere Seiten hinweg sehr ausführlich und informativ beschrieben. Die Texte sind mit umfangreichem geschichtlichem Hintergrund verfasst und mit schönen Fotos aufgelockert, was eine gute Übersicht bringt. Neben der Anfahrtsplänen erfasst der Autor auch Öffnungszeiten, Eintritte und verweist auf weiterführende Internetauftritte der einzelnen Orte.

Also worauf noch warten: RAUS AUS WIEN!

5 von 6 Sternen: ★★★★    Kritik: Wolfgang Springer

Der Autor:
Martin Krake wurde 1970 in Kassel in Deutschland geboren. Seit 2004 lebt er in Österreich, zunächst in Wien, heute im niederösterreichischen Weinviertel.
Seine Leidenschaft fürs Wandern und sein Interesse für historische Zusammenhänge hat er mit seiner Fähigkeit verbunden, spannende Texte zu verfassen. Das Ergebnis sind elf Reise- und Wanderführer über verschiedene Länder Europas, die im eigenen Verlag erschienen sind. Für dieses Buch hat er die nähere Umgebung seiner Wahlheimat entdeckt.

Das Buch beim Kral-Verlag

Cover (c) Kral Verlag, Kral GmbH

Thorsten Steffens (Autor)
07. Oma, Ouzo und andere Katastrophen
Postkarten an Haushälterin und Hund

Verlag: Piper
Broschur
: 28. November 2025 (1. Auflage)
ebenfalls als eBook (epub) erhältlich
Umfang: 224 Seiten
Größe: 12 cm x 18,7 cm
Alter: ab 14 Jahren
ISBN Buch: 978-3-492-50885-8
ISBN eBook: 978-3-377-90250-4

Mit seinem Roman Oma Ouzo und andere Katastrophen entwirft Thorsten Steffens eine turbulente Komödie über Familienbande, kulturelle Identität und das unerwartete Eindringen der Vergangenheit in ein sorgfältig geordnetes Leben. Der Roman verbindet humorvolle Überzeichnung mit einer klassischen Familiengeschichte, in der sich Selbstbild und Herkunft unweigerlich begegnen.

Im Mittelpunkt steht Philipp, ein erfolgreicher Unternehmer Anfang dreißig, der ein scheinbar perfektes Leben führt, eine stilvolle Wohnung, beruflicher Erfolg und die Freiheit eines ungebundenen Single-Daseins. Diese Ordnung gerät jedoch schlagartig ins Wanken, als eines Tages eine ältere Frau vor seiner Tür steht und behauptet, seine totgeglaubte Großmutter zu sein. Die temperamentvolle Toula eröffnet ihm nicht nur, dass er griechische Wurzeln hat, sondern zieht kurzerhand bei ihm ein. Mit ihrer redseligen Art, ihren unkonventionellen Ansichten und ihrem festen Plan, ihren Enkel endlich zu verheiraten, bringt sie Philipps strukturierten Alltag vollständig durcheinander.

Der Roman lebt vor allem von seiner zentralen Konstellation, dem Aufeinandertreffen zweier Lebenswelten. Auf der einen Seite steht Philipp, der seine Existenz rational organisiert und beruflich erfolgreich ist, auf der anderen Seite Toula, deren temperamentvolle Persönlichkeit und traditionelle Vorstellungen das geordnete Leben ihres Enkels konsequent infrage stellen. Aus dieser Gegenüberstellung entwickelt Steffens zahlreiche komische Situationen, die häufig auf kulturellen Missverständnissen, familiären Erwartungen und generationellen Differenzen beruhen.

Stilistisch setzt der Autor auf eine leicht zugängliche Erzählweise. Die Handlung schreitet zügig voran, viele Szenen sind bewusst pointiert gestaltet und zielen auf humoristische Effekte. Besonders die Figur der Großmutter fungiert als erzählerischer Motor. Sie provoziert Konflikte, kommentiert unverblümt das Leben ihres Enkels und sorgt durch ihre unerschütterliche Entschlossenheit für eine Reihe absurder Situationen.

Oma Ouzo und andere Katastrophen präsentiert sich als unterhaltsame Familienkomödie mit hoher erzählerischer Dynamik. Der Roman überzeugt vor allem durch seinen humorvollen Ton, lebendige Dialoge und die schillernde Figur der Großmutter Toula. Literarisch anspruchsvoll im engeren Sinne ist der Text zwar nicht, doch bietet er eine kurzweilige, pointenreiche Lektüre, die das Chaos familiärer Beziehungen mit ironischem Blick betrachtet.

5 von 6 Sternen: ★★★    Kritik: Michaela Springer

(c) Helge Strauss

Der Autor:
Thorsten Steffens, geboren 1974, studierte Germanistik und Anglistik an der Universität zu Köln. Im Sommer 2009 schrieb er seinen ersten Roman „Klugscheißer Royale“, der mit etwas Verzögerung nach neun Jahren (im August 2018) im Piper Verlag erschien. Inzwischen dauern Veröffentlichungen zum Glück nicht mehr ganz so lange: Mittlerweile sind mit „Klugscheißer Deluxe“ und „Klugscheißer Supreme“ zwei Fortsetzungsromane erschienen. Im Herbst 2023 folgte die romantische Liebeskomödie „Ein Hund für zwei“. Neuen Lesestoff gibt es Ende 2025 mit dem lustigen Familienroman „Oma, Ouzo und andere Katastrophen“.

www.ThorstenSteffens.com

Das Buch beim PIPER-Verlag

Der musicalcocktail verlost 1x das Buch bis 10.4.2026 !

Rüdiger Bertram (Autor), Mateo Dineen (Illustrator)
08. NINAS MONSTER - Falsch geliefert
Postkarten an Haushälterin und Hund

Verlag: Tulipan
: 25. Februar 2026 (1. Auflage)
Gebundenes Buch, Pappband
Umfang: 144 Seiten
Größe: 15,5 x 21,0 cm
Alter
: ab 8 Jahren
ISBN Buch: 978-3-86429-676-5

Mit NINAS MONSTER – FALSCH GELIEFERT legen Rüdiger Bertram und Mateo Dineen ein humorvolles Kinderbuch vor, das sich souverän im Spannungsfeld zwischen Alltagsrealismus und fantasievoller Überzeichnung bewegt. Die Erzählung greift ein zentrales Motiv der Kinderliteratur, die Begegnung mit dem vermeintlich Unheimlichen, auf und transformiert es in eine Geschichte über Wahrnehmung, Verantwortung und das kreative Potenzial kindlicher Vorstellungskraft.

Im Zentrum steht Nina, die sich ein furchteinflößendes Monster erhofft, um sich gegen Hänseleien zu behaupten. Über eine Monsteragentur bestellt sie ein besonders abschreckendes Exemplar, doch geliefert wird versehentlich ein schüchternes, ängstliches Wesen. Aus der anfänglichen Enttäuschung entwickelt sich eine unerwartete Freundschaft, in der sich die Zuschreibungen von Stärke und Schwäche verschieben. Die humorvoll erzählte Handlung verhandelt Fragen der Selbstbehauptung, der Empathie und des Umgangs mit eigenen Ängsten und verbindet komische Situationen mit einer klar konturierten Botschaft über Akzeptanz und Mut.

Die Ausgangssituation entfaltet eine doppelte Lesbarkeit. Sie fungiert einerseits als komödiantischer Motor, andererseits als erzählerischer Rahmen für die Auseinandersetzung mit Angst und Fremdheit. Bertrams Sprache bleibt bewusst klar und zugänglich, ohne in Simplifizierung zu verfallen. Dialoge strukturieren den Text dynamisch, treiben die Handlung voran und eröffnen zugleich Raum für pointierte Situationskomik. Besonders überzeugend ist die Balance zwischen kindlicher Perspektive und narrativer Ironie, die auch erwachsene Mitlesende subtil adressiert.

Dineens Illustrationen erweisen sich als integraler Bestandteil der Erzählstrategie. Sie erweitern den Text nicht nur visuell, sondern kommentieren ihn eigenständig. Charakterdesign und Bildkomposition folgen einer reduzierten Farbdramaturgie, die emotionale Zustände präzise markiert. Die Bildsequenzen rhythmisieren den Leseprozess und verstärken die komischen Momente, ohne die narrative Spannung zu unterlaufen. Hervorzuheben ist die produktive Wechselwirkung zwischen Text und Bild, aus der zentrale Bedeutungen erst im Zusammenspiel beider Ebenen hervorgehen.

Thematisch überzeugt das Buch durch seine niedrigschwellige, zugleich wirkungsvolle Auseinandersetzung mit dem Umgang mit dem Unbekannten. Das „Monster“ fungiert weniger als Bedrohung denn als Projektionsfläche kindlicher Deutungsversuche. Emotionale Kompetenzen werden nicht didaktisch ausgestellt, sondern in humorvoll zugespitzten Szenarien erfahrbar gemacht.

Insgesamt präsentiert sich das Werk als formal stimmig konzipiertes Kinderbuch, das Humor, visuelle Dynamik und thematische Zugänglichkeit überzeugend verbindet. Die enge Verzahnung von Text und Illustration erzeugt ein kohärentes ästhetisches Konzept, das gleichermaßen unterhaltend wie reflexionsanregend wirkt. Damit empfiehlt sich der Band sowohl für den Vorlesekontext als auch für die selbstständige Lektüre und stellt einen beachtenswerten Beitrag zur aktuellen deutschsprachigen Kinderliteratur dar.

5 von 6 Sternen: ★★★★   Kritik: Michaela Springer

(c) Bob Heinemann

Der Autor:
Rüdiger Bertram wurde 1967 in Ratingen geboren und arbeitete nach seinem Studium (Geschichte, Volkswirtschaft und Germanistik) zunächst als freier Journalist. Heute schreibt er Drehbücher und hat zahlreiche erfolgreiche Bücher für Kinder veröffentlicht. Mit seiner Frau und seinen beiden Kindern lebt er in Köln.

Der Illustrator:
Mateo Dineen, 1972 in San Mateo/Kalifornien geboren, studierte Illustration an der Academy of Art University in San Francisco. Seit 2004 lebt er als freischaffender Künstler in Berlin. Bekannt wurde er durch seine Monster-Gemälde im Comic-Stil.

Das Buch beim TULIPAN-Verlag

Der musicalcocktail verlost 1x das Buch bis 8.4.2026 !

Mag. Georg Hamann (Autor)
09. Bertha von Suttner auf Reisen
Postkarten an Haushälterin und Hund

Verlag: Amalthea
: 25. September 2025 (1. Auflage)
mit zahlreichen Abbildungen, durchgehend vierfarbig
Umfang: 224 Seiten
Alter: ab 12 Jahren
ISBN Buch: 978-3-99050-290-7
ISBN eBook: 978-3-90344-151-4

Georg Hamanns BERTHA VON SUTTNER AUF REISEN entzieht sich bewusst der Form des klassischen Lebensporträts. Statt einer chronologisch angelegten Biografie wählt der Autor Bewegung als zentrales erzählerisches Prinzip. Die Protagonistin erscheint nicht als historische Figur, sondern als eine Frau in permanenter Transitzone, in Pensionen und Eisenbahnabteilen, auf Podien und zwischen Kontinenten, stets mit einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit unterwegs für den Frieden.

Dieser Mobilität nähert sich Hamann mit einem ausgeprägten Sinn für Materialität und Detail. Fotografien, Postkarten, Notizen und Reiseimpressionen sind präzise ausgewählt und komponiert, ohne den Gestus eines musealen Arrangements anzunehmen. Die Dokumente fügen sich zu einem „wandernden Archiv“, das Suttners Leben nicht linear ordnet, sondern entlang atmosphärischer Verdichtungen entfaltet. In diesen Passagen entfaltet der Band seine größte Stärke. Er macht sichtbar, dass das Reisen für Suttner weit mehr war als eine organisatorische Notwendigkeit. Das Unterwegssein wird als Denk- und Resonanzraum lesbar, in dem sich ihre pazifistischen Überzeugungen schärfen und politisches Handeln formt.

Besonders überzeugend ist Hamanns Fähigkeit, Nähe zu erzeugen, ohne biografische Verkürzungen vorzunehmen. Die Annäherung bleibt kontrolliert, gewinnt jedoch immer wieder eine beinahe private Intensität. Zwischen internationalen Friedenskongressen und großen Vorträgen treten unscheinbare Momente des Alltags hervor, Erschöpfung nach langen Fahrten, beiläufige Begegnungen, kurze Beobachtungen am Rand. Gerade diese leisen Töne verleihen der historischen Figur Kontur und Wärme.

Gleichzeitig bleibt der Band nicht ohne Einschränkungen. Der konsequente Fokus auf das Motiv des Reisens eröffnet eine originelle Perspektive, verengt jedoch den Blick. Eine systematische Darstellung von Suttners intellektueller Entwicklung oder ihres literarischen Werks wird nur angedeutet. Manche Zusammenhänge bleiben skizzenhaft, manche Linien werden nicht weiterverfolgt, weil sie dem konzeptuellen Rahmen des Buches widersprechen. Diese Fragmentierung ist als ästhetisches Verfahren plausibel, kann jedoch Leserinnen und Leser irritieren, die nach stärkerer orientierender Gesamtschau suchen.

Dennoch gelingt Hamann ein Werk, das ästhetisch überzeugt und biografisch anregt. BERTHA VON SUTTNER AUF REISEN zeigt, wie politisches Engagement aus Bewegung, Begegnung und Offenheit hervorgeht. Die historische Figur wird erfahrbar, indem ihr jene Dynamik zurückgegeben wird, die in traditionellen Biografien häufig zugunsten geschlossener Erzählungen geglättet wird.

So entsteht ein einprägsames, fein komponiertes Porträt, nicht umfassend, aber eindringlich. Ein Band, der gerade durch seine poetisch aufgeladene Perspektive einen neuen Zugang zu einer der zentralen Stimmen des Pazifismus eröffnet.

4 von 6 Sternen: ★★★★     Kritik: Michaela Springer

Der Autor:
Mag. Georg Hamann, geboren in Wien, ist als freischaffender Autor und Historiker seit 20 Jahren auf die Wiener Stadtgeschichte spezialisiert sowie seit Langem in der Erwachsenenbildung tätig.

Das Buch beim AMALTHEA-Verlag

Der musicalcocktail verlost 1x das Buch bis 3.4.2026 !

Gisèle Pelicot (Autorin), Judith Perrignon (Mitautorin), Patricia Klobusiczky (Übersetzerin)
10. Eine Hymne an das Leben
Die Scham muss die Seite wechseln - Die offizielle Autobiografie der Frau, die das Schweigen brach

Verlag: Piper
Hardcover mit Schutzumschlag
: 17. Februar 2026 (1. Auflage)
ebenfalls als eBook (epub) erhältlich
Umfang: 256 Seiten
Größe: 13,8 cm x 22 cm
Alter
: ab 14 Jahren
ISBN Buch: 978-3-492-07435-3
ISBN eBook: 978-3-492-61200-5

Das Buch EINE HYMNE AN DAS LEBEN versteht sich als literarisches Zeugnis radikaler Verletzbarkeit und zugleich als eindringliche Verteidigung menschlicher Würde. In einer Gegenwart, in der persönliche Erfahrung zunehmend als politischer und kultureller Resonanzraum fungiert, entfaltet der Text seine Wirkung weniger über eine konventionelle Handlung als über die beharrliche Arbeit am Sinn. Erinnerung wird zur erzählerischen Form, Sprache zur Überlebensstrategie.

Im Zentrum des Buches steht die autobiografisch geprägte Auseinandersetzung der Autorin mit einer Erfahrung sexualisierter Gewalt und deren langfristigen Folgen. Ausgehend von fragmentarischen Erinnerungen rekonstruiert sie die biografischen und emotionalen Bruchlinien, die ein solches Ereignis hinterlässt, Scham, Sprachlosigkeit und gesellschaftliche Verdrängung stehen neben dem mühsamen Prozess der Selbstermächtigung. Die Erzählerin tastet sich durch Szenen aus Kindheit, Jugend und späterem Leben, reflektiert familiäre Konstellationen und gesellschaftliche Reaktionen und fragt immer wieder nach den Möglichkeiten, traumatische Erfahrung in Sprache zu überführen, ohne sie zu trivialisieren oder zu dramatisieren.

Stilistisch setzt die Autorin auf eine reduzierte, kontrollierte Prosa. Pathos wird konsequent vermieden, ohne dass die emotionale Intensität der geschilderten Erfahrungen verloren ginge. Gerade diese asketische Tonlage erzeugt eine produktive Spannung: Wo autobiografische Narrative häufig zur Dramatisierung tendieren, vertraut der Text auf die Evidenz des Erlebten. Besonders eindrücklich sind jene Passagen, in denen Wahrnehmung und Reflexion ineinandergreifen und ein dichtes Gewebe aus Körpererinnerung, Scham, Widerstand und Selbstbehauptung entsteht.

Inhaltlich bewegt sich das Buch an der Schnittstelle von individueller Erfahrung und kollektiver Verantwortung. Schreiben erscheint hier als Akt der Sichtbarmachung, nicht im Sinne eines spektakulären Bekenntnisses, sondern als insistierende Forderung nach Anerkennung. Das Private wird politisch, ohne in programmatische Thesen zu verfallen. Die ethische Dimension des Textes liegt in seiner Haltung. Er fordert Aufmerksamkeit, ohne sie zu instrumentalisieren, und verweigert die bequeme Dramaturgie von Schuldzuweisung und Erlösung.

Formal bemerkenswert ist die Strukturierung über Erinnerungsinseln statt über eine lineare Chronologie. Kurze Kapitel, die wie lose montierte Szenen wirken, erzeugen eine Rhythmik des Annäherns und Zurückweichens. Erinnerung erscheint dabei als Arbeit am Unabgeschlossenen. Wiederkehrende Motive, Stille, Blick, Körper, fungieren als semantische Anker und verleihen dem Text Kohärenz, ohne seine Offenheit zu beschneiden.

Die programmatische Setzung des Titels bleibt dabei nicht frei von Ambivalenzen. Die Beschwörung einer „Hymne“ an das Leben steht in einem produktiven, mitunter auch irritierenden Kontrast zur Nüchternheit der Darstellung. Gerade dort, wo der Text zur Generalisierung tendiert, droht die individuelle Erfahrung in eine universelle Lebensbejahung überführt zu werden, die nicht immer vollständig begründet erscheint.

Diese Spannung lässt sich jedoch auch als bewusste poetische Strategie lesen, als Versuch, aus fragmentarischer Erinnerung eine Form von Sinn zu gewinnen.

Besondere Resonanz erhält das Buch im kulturgesellschaftlichen Kontext der jüngsten Debatten über Zeugenschaft, Gewalt und Öffentlichkeit in Frankreich, insbesondere im Umfeld der Diskussionen in der südfranzösischen Kulturstadt Avignon. In diesem Umfeld versteht sich der Text auch als Beitrag zu einer breiteren Reflexion über Empathie, Verantwortung und die gesellschaftlichen Bedingungen des Zuhörens.

So überzeugt EINE HYMNE AN DAS LEBEN letztlich als literarisch reflektiertes Zeugnis, das die Möglichkeiten und Grenzen autobiografischen Schreibens auslotet. Seine Stärke liegt in der Präzision der Wahrnehmung und in der ethischen Ernsthaftigkeit, mit der Erfahrung in Sprache überführt wird.

Am Ende entsteht kein abgeschlossenes Narrativ der Bewältigung, sondern ein literarischer Raum, in dem Erfahrung, Sprache und Verantwortung miteinander in Spannung bleiben.

5 von 6 Sternen: ★★★★★  Kritik: Michaela Springer

„Die Scham muss die Seite wechseln“
Mit diesen Worten veränderte Gisèle Pelicot 2024 die Welt. Sie verzichtete im Prozess gegen ihren Ex-Mann und über 50 weitere Täter auf Anonymität – und wurde zur Stimme von Millionen. Ihr Mut löste internationale Debatten aus, brachte Gesetze ins Wanken und gab Betroffenen weltweit neue Kraft.
Gisèle Pelicot wurde vom TIME Magazine zur bedeutendsten Frau des Jahres 2024 gewählt.

Das Buch beim PIPER Verlag

Der musicalcocktail verlost 3x das Buch bis 1.4.2026 !

Andreas Englisch (Autor)
11. Das Vermächtnis von Papst Franziskus

Verlag: C.Bertelsmann
eBook (epub)
: 1. März 2023 (1. Auflage)
ebenfalls als Hardcover und Audio erhältlich
Umfang: 368 Seiten
mit Farbbildteil
Größe: 13,5 x 21,5 cm
Alter: ab 14 Jahren
ISBN Buch: 978-3-570-10514-6
ISBN eBook (epub): 978-3-641-30479-9

Der Vatikan ist für Außenstehende oft ein schwer zugängliches Machtzentrum, ein Ort der Rituale, der Intrigen und der leisen, aber tiefgreifenden Umbrüche. Einer, der dort seit Jahrzehnten hinter die Kulissen blickt, ist Andreas Englisch. Mit „Das Vermächtnis von Papst Franziskus“ legt er nun ein Buch vor, das als persönliches Resümee eines Pontifikats, der so vieles anders gemacht hat und dabei die katholische Kirche bis ins Mark erschütterte.

Andreas Englisch will nicht erklären, sondern erzählen, einordnen und bewerten. Und genau darin liegt die Stärke dieses Buches. Im Zentrum steht eine Figur, die polarisiert wie kaum ein Kirchenoberhaupt zuvor, Papst Franziskus, der argentinische Jesuit, der sich weigert, in päpstlichen Palästen zu wohnen und stattdessen die Nähe zu den Menschen sucht. Englisch zeigt Franziskus als Mann mit Mission und diese Mission heißt Rückkehr zum Evangelium, zu Einfachheit, Barmherzigkeit und Menschlichkeit. Es ist das Bild eines Papstes, der keine Angst hat, mit Traditionen zu brechen und genau deshalb so heftig bekämpft wird.

Das Buch lebt von der Nähe des Autors zur Figur Franziskus. Englisch hat den Papst mehrfach persönlich getroffen, er kennt die Abläufe in der Kurie, die Ränkespiele hinter verschlossenen Türen, die Gesichter des Widerstands. Seine Erzählungen sind lebendig, gut recherchiert und gespickt mit Anekdoten, die den Leser tief in das Herz des Vatikans blicken lassen.

Er schreibt flüssig, pointiert, eingängig. Man merkt, dass hier ein Profi am Werk ist, der weiß, wie man komplexe Themen für ein breites Publikum aufbereitet. Theologische Begriffe werden vermieden oder erklärt, der Ton bleibt durchgehend zugänglich.
„Das Vermächtnis von Papst Franziskus“ ist ein lesenswertes, mitreißend geschriebenes Buch über einen Papst, der den katholischen Kosmos verändert hat und das nicht nur mit Worten, sondern mit Taten. Andreas Englisch gelingt es, Franziskus als Mensch, als Machtfaktor und als spirituelle Leitfigur zu zeigen.

6 von 6 Sternen: ★★★★★    Kritik: Michaela Springer

(c) Riccardo Musacchio & Flavio Ianniello

Der Autor:
Andreas Englisch lebt seit fast vierzig Jahren in Rom und gilt als einer der bestinformierten Journalisten im Vatikan. Seit der Amtszeit von Johannes Paul II. trifft er alle amtierenden Päpste regelmäßig und begleitet sie auf ihren Reisen. Die Wahl und den Amtsantritt von Leo XIV. hat er aus der Nähe begleitet und für große Medien kommentiert. Als Vatikanexperte und Italienkenner ist er ein gefragter Talkshowgast und Interviewpartner, seine Bücher sind Bestseller und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, darunter »Franziskus – Zeichen der Hoffnung« (2013), »Der Kämpfer im Vatikan. Papst Franziskus und sein mutiger Weg« (2015), »Der Pakt gegen den Papst. Franziskus und seine Feinde im Vatikan« (2020) sowie »Das Vermächtnis von Papst Franziskus» (2023). Zudem begeistert Andreas Englisch als kenntnisreicher Reiseführer durch Rom. Die Geschichte und Geschichten der Ewigen Stadt hat er in seinen Bestsellern »Mein Rom. Die Geheimnisse der Ewigen Stadt« (2018), »Mein geheimes Rom. Die verborgenen Orte der Ewigen Stadt« (2021) und »Alle Wege führen nach Rom« aufgeschrieben. Regelmäßig gibt Andreas Englisch Einblicke in die Welt des Vatikans in seinen Artikeln für »Die Zeit« sowie in seinem Podcast »Vatikangeflüster«.

Das Buch beim C.Bertelsmann-Verlag

Der musicalcocktail verlost 1x das Buch bis 25.3.2026 !

Papst Franziskus (Autor)
12. LEBEN. Meine Geschichte in der Geschichte

Verlag: HarperCollins
eBook (epub)
: 19. März 2024 (1. Auflage)
ebenfalls Hardcover und Audio erhältlich
Umfang: 272 Seiten
Größe: 20,5 x 12,5 cm
Alter
: ab 14 Jahren
ISBN Buch: 978-3-365-00763-1
ISBN eBook (epub): 978-3-749-90763-2

»Die Geschichte unseres Lebens nachzulesen ist wichtig, um uns zu erinnern und denjenigen etwas weiterzugeben, die uns zuhören. Um aber lernen zu leben, müssen wir lernen zu lieben. Das sollten wir nicht vergessen!«   
- Papst Franziskus -

Mit „Leben. Meine Geschichte in der Geschichte“ legte Papst Franziskus eine Autobiografie vor, die in mehrfacher Hinsicht ein Novum darstellt, erstmals nahm ein amtierender Pontifex in dieser Form Rechenschaft über sein eigenes Leben ab. Entstanden im Dialog mit dem Journalisten Fabio Marchese Ragona, entfaltet sich ein Text, der gleichermaßen persönlich wie politisch ausgerichtet ist.

Das gewählte Gesprächsformat prägt die Lektüre entscheidend. Franziskus tritt nicht als distanzierter Autor auf, sondern als Erzähler, der den Leser unmittelbar anspricht. Dadurch entsteht Nähe, die Lebensstationen erscheinen jedoch weniger als kontinuierlicher Entwicklungsprozess, sondern vielmehr als lose verbundene Episoden entlang historischer Wegmarken vom Zweiten Weltkrieg über die Militärdiktatur in Argentinien bis zu den globalen Erschütterungen des 11. September und schließlich der eigenen Wahl zum Papst.

Auffällig ist die Spannung zwischen Offenheit und Selbstinszenierung. Franziskus zeigt sich in Anekdoten humorvoll und volksnah, berichtet von Kindheitserinnerungen, von Fußballspielen oder Begegnungen in Buenos Aires. Zugleich wahrt er an kritischen Stellen eine spürbare Zurückhaltung, ein Balanceakt zwischen persönlicher Offenbarung und institutioneller Rolle.

In theologischer Hinsicht bleibt das Buch bewusst im Modus der Impulse. Franziskus bezieht klare Positionen für Frieden, gegen soziale Ungleichheit und für den Schutz der Schöpfung. Eine systematische Durchdringung oder argumentative Schärfe sucht man jedoch vergeblich. Das Werk versteht sich nicht als dogmatische Abhandlung, sondern als erzählerisches Zeugnis, darin liegt seine Stärke, zugleich aber auch seine Grenze.

Stilistisch überzeugt das Buch durch Schlichtheit. Franziskus verwendet eine Sprache, die sich an Alltagskommunikation orientiert, nicht an der Diktion der Kurie. Für ein Fachpublikum stellt sich allerdings die Frage, ob diese Zugänglichkeit nicht zugleich eine Vereinfachung bedeutet. Die dialogische Form hat zweifellos populärliterarischen Reiz, erschwert jedoch eine präzise Analyse der Inhalte.

„Leben. Meine Geschichte in der Geschichte“ präsentiert sich weniger als schonungslose Lebensbilanz denn als moralische Standortbestimmung des Papstes innerhalb der Weltgeschichte. Für die kultur- und theologiegeschichtliche Debatte bleibt das Werk dennoch relevant, als Dokument päpstlicher Selbstinszenierung, das Nähe sucht und gerade dadurch neue Fragen aufwirft.

4 von 6 Sternen: ★★★★       Kritik: Michaela Springer

Der Autor:
JORGE MARIO BERGOGLIO wurde am 17. Dezember 1936 in Buenos Aires, Argentinien, als Sohn italienischer Einwanderer geboren. 1969 wurde er zum Priester des Jesuitenordens, der Gesellschaft Jesu, geweiht. Nach seiner Ernennung zum Weihbischof 1992 wurde er 1998 zum Erzbischof von Buenos Aires und 2001 zum Kardinal ernannt. Im März 2013 wurde er zum Papst, zum 266. Oberhaupt der Katholischen Kirche, gewählt. Papst Franziskus starb am 21. April 2025.

Das Buch beim HarperCollins-Verlag

Der musicalcocktail verlost 1x das Buch bis 25.3.2026 !

Michael Meier (Autor)
13. Der Papst der Enttäuschungen
Warum Franziskus kein Reformer ist

Verlag: Herder
Gebunden mit Schutzumschlag
: 2024 (1. Auflage)
ebenfalls als eBook (epub) erhältlich
Umfang: 208 Seiten
Alter: ab 14 Jahren
ISBN Buch: 978-3-451-39716-5
ISBN eBook (epub): 978-3-451-83970-2

Zwischen Charisma und Stillstand
Michael Meier seziert das Pontifikat von Papst Franziskus

Der Schweizer Theologe und langjährige Beobachter der katholischen Weltkirche Michael Meier legt mit DER PAPST DER ENTTÄUSCHUNGEN eine prägnante und streitbare Analyse des Pontifikats von Papst Franziskus vor. Sein Befund fällt eindeutig aus. Trotz der hohen Erwartungen an einen „Reformpapst“ erweist sich Franziskus in zentralen Fragen als Bewahrer, einer, der den Habitus des Hirten kultiviert, ohne das institutionelle Fundament der Kirche nachhaltig zu verändern.

Meier porträtiert Franziskus als charismatischen Kommunikator, dessen Botschaft von Barmherzigkeit und Inklusion das öffentliche Bild der Kirche erneuert, nach innen jedoch kaum strukturelle Reformen bewirkt. Ob Frauenordination, Pflichtzölibat oder Sexualmoral, der Autor konstatiert eine bemerkenswerte Beharrungskraft. Grundlage seiner Analyse sind päpstliche Lehrschreiben, öffentliche Reden und Interviews, ergänzt durch präzise Beobachtungen vatikanischer Machtmechanismen. Methodisch versteht sich Meiers Buch weniger als theologischer Kommentar, sondern als kirchenpolitische Bestandsaufnahme.

Besonders eindrucksvoll ist Meiers Fähigkeit, einzelne Gesten und Entscheidungen in einen größeren historischen und kirchenrechtlichen Kontext einzuordnen. Er zeigt, wie Franziskus Reformrhetorik einsetzt, ohne den dogmatischen Kern anzutasten, und entlarvt diese Gratwanderung als strategisches Gleichgewicht zwischen liberalen Hoffnungen und konservativen Kräften. Der Ton bleibt dabei frei von überflüssiger Polemik und ist geprägt von journalistischer Präzision.

Allerdings bleibt die spirituelle Dimension des Pontifikats wenig beleuchtet. Franziskus pastorale Präsenz, seine Fähigkeit zu spontaner Nähe und die daraus erwachsende Wirkung auf Gläubige werden nur am Rande thematisiert. Wer den Papst in seiner religiösen Tiefe erfassen möchte, findet hier das institutionelle Gerüst, nicht jedoch die spirituelle Innenperspektive.

DER PAPST DER ENTTÄUSCHUNGEN ist kein Abgesang, sondern eine ernüchternde Standortbestimmung. Meier nimmt Franziskus ernst und misst ihn an den Maßstäben, die dieser selbst gesetzt hat. Das Buch ist unverzichtbar für alle, die jenseits wohlmeinender Öffentlichkeitsarbeit ein klares Bild der politischen Realitäten im Vatikan gewinnen wollen, ein Werk, das gerade durch seine illusionslose Haltung einen wertvollen Beitrag zur aktuellen Debatte über die Zukunft der Kirche leistet.

4 von 6 Sternen: ★★      Kritik: Michaela Springer

(c) Doris Fanconi

Der Autor:
Michael Meier (geboren 1955 in Zürich) hat in Zürich Germanistik, später in Rom und Freiburg im Uechtland Theologie studiert und mit dem Lizentiat abgeschlossen. 33 Jahre lang war er Kirchen- und Religionsexperte bei der größten Schweizer Tageszeitung „Tages-Anzeiger“. Er hat die Pontifikate von Johannes Paul II. bis zu Franziskus hautnah begleitet und kommentiert. Heute ist er noch freiberuflich journalistisch tätig. Unter anderem hat er den Zürcher Journalistenpreis für das Gesamtwerk erhalten sowie aus den Händen von Hans Küng den Herbert-Haag Preis für Freiheit in der Kirche.

Das Buch beim HERDER-Verlag

Stefan von Kempis (Autor)
14. Weißer Rauch und falsche Mönche
Eine andere Geschichte der Papstwahl

Verlag: Herder
Gebunden mit Schutzumschlag
: 2025 (1. Auflage)
ebenfalls als eBook (epub), eBook (pdf) erhältlich
Umfang: 320 Seiten
Alter: ab 14 Jahren
ISBN Buch: 978-3-451-39704-2
ISBN eBook (epub): 978-3-451-83627-5
ISBN eBook (pdf): 978-3-451-83909-2

Sie wählen und wählen, ohne Ergebnis. Monatelang ziehen die Kardinäle feierlich in die Kirche, um einen neuen Papst zu bestimmen – vergeblich. Irgendwann sperren genervte Katholiken die Kardinäle im Innern eines Papstpalastes ein, setzen sie auf Wasser und Brot, und siehe da, binnen kurzer Zeit können sie sich auf einen neuen Papst einigen. So geschehen 1271 im mittelitalienischen Städtchen Viterbo. 

Warum wählen nur alte, zölibatäre Männer den Papst? Kann auch ein einfacher Dorfpfarrer zum Oberhaupt der Kirche aufsteigen? Weshalb kommunizieren die Wähler aus der Sixtinischen Kapelle per Rauchzeichen mit der Außenwelt? (Verlagsinfo)

Mit WEISSER RAUCH UND FALSCHE MÖNCHE legt der Vatikanjournalist Stefan von Kempis ein fundiertes und zugleich lebendig geschriebenes Sachbuch vor. Im Mittelpunkt steht einer der geheimnisvollsten und traditionsreichsten Vorgänge der römisch-katholischen Kirche, die Wahl eines Papstes.

Von Kempis gelingt es, das meist nur durch das Signal des „weißen Rauchs“ bekannte Ritual in seinen historischen, theologischen und politischen Dimensionen anschaulich darzustellen. Mit Blick auf Jahrhunderte kirchlicher Machtkämpfe, Reformen und Skandale spart er weder an Kuriositäten noch an kritischen Fragen, stets gut recherchiert und verständlich aufbereitet.

Besonders eindrucksvoll ist, wie der Autor klassische Kirchenhistorie mit moderner Medienrealität verknüpft. Die Verwandlung der Papstwahl vom sakralen Mysterium zum globalen Medienspektakel wird präzise, aber unaufgeregt geschildert. Wenn der weiße Rauch zum „Symbol im Nebel von Erwartungen“ wird, trifft das den Kern einer Kirche, die zwischen Tradition und Wandel steht.

Die klare, zugängliche Sprache macht auch komplexe innerkirchliche Strukturen verständlich, ohne in Vereinfachung oder Jargon zu verfallen. Von Kempis’ langjährige journalistische Erfahrung zeigt sich im erzählerischen Stil, keine trockene Abhandlung, sondern eine spannungsreiche, gut strukturierte Darstellung mit Anekdoten und fundierter Quellenarbeit.

Die thematische Bandbreite reicht von den Anfängen der Papstwahl im frühen Christentum bis hin zur Wahl Papst Franziskus’ und den aktuellen Herausforderungen der Kirche, dabei berichtet er nicht nur, sondern ordnet auch ein.

WEISSER RAUCH UND FALSCHE MÖNCHE ist ein leicht verständliches Sachbuch zur Geschichte und Gegenwart der Papstwahl, informativ für Laien, bereichernd für kirchlich Interessierte. Ein überzeugender Beitrag zur populären Kirchengeschichte.

6 von 6 Sternen: ★★★★★     Kritik: Michaela Springer

(c) privat

Der Autor:
Stefan von Kempis, geb. 1970 in Bonn, leitet die deutschsprachige Abteilung bei "Vatican News" und Radio Vatikan. Er studierte in Bonn, Freiburg und Paris Geschichte und Theologie sowie in Rom und Kairo Islamwissenschaften. Er ist Autor zahlreicher Bücher über Benedikt XVI. und Papst Franziskus und lebt in Rom.

Das Buch beim HERDER-Verlag

Simon Ammer (Autor)
15. Auf dem Gipfel ist Ruh'
Kriminalroman

Verlag: Droemer HC
Klappbroschur
: 2. Mai 2025 (1. Auflage)
ebenfalls als eBook (epub) und Hörbuch (Argon Verlag) erhältlich
Umfang: 304 Seiten
Alter: ab 14 Jahren
ISBN Buch: 978-3-426-44855-7
ISBN eBook: 978-3-426-44856-4

Oberst Benedikt Kordesch ermittelt, Band 2

Mit seinem Kriminalroman um den eigenwilligen Ermittler Oberst Benedikt Kordesch beweist Simon Ammer, dass der österreichische Regionalkrimi mehr sein kann als malerische Landschaftsbeschreibungen und Dialekthumor. AUF DEM GIPFEL IST RUH´ verbindet klassische Spannung mit einer feinen Beobachtung gesellschaftlicher Machtstrukturen und das in einem Setting, das von vordergründiger Idylle und latenter Bedrohung gleichermaßen geprägt ist.

Im Mittelpunkt steht der rätselhafte Tod des mächtigen Medienmoguls Bernhard Kolin, Herausgeber einer der einflussreichsten Boulevardzeitungen des Landes. Kurz darauf stirbt auch seine Mutter, beide durch das Gift des „Blauen Eisenhuts“. Schon diese Wahl des Mordmittels verleiht dem Roman eine besondere Note. Der Eisenhut, zugleich Heilpflanze und tödliche Gefahr, wird zum Symbol für die Ambivalenz von Macht und Einfluss.

Der Schauplatz, ein abgelegenes Ferienhotel im oberösterreichischen Bergland, wirkt zunächst wie eine friedvolle Rückzugsoase. Doch je tiefer Kordesch in das Netz aus Familiengeheimnissen, finanziellen Interessen und medialen Intrigen vordringt, desto deutlicher wird, dass diese Stille trügerisch ist. Ammer gelingt es, die Natur nicht nur als Kulisse einzusetzen, sondern sie in die psychologische Dimension der Handlung einzubinden. Die majestätische Ruhe der Berge kontrastiert scharf mit den giftigen Konflikten der Figuren.

Oberst Benedikt Kordesch ist eine erfrischend untypische Ermittlerfigur. Er ist kein makelloser Held, sondern ein Mann mit Eigenheiten und Schwächen, reisemüde, eher leise im Ton und in seinen Ängsten oft verletzlich. Diese Ambivalenz macht ihn glaubwürdig und sympathisch, ohne ihn zu idealisieren.

Die übrigen Figuren, allen voran die Mitglieder der Familie Kolin, sind sorgfältig ausgestaltet, auch wenn einige Nebencharaktere eher schemenhaft bleiben. Gerade die Familie überzeugt durch ihre innere Dynamik, alte Rivalitäten, erdrückende Erwartungen und ein Machtkampf, der weit über das Private hinausreicht.

Ammer setzt auf eine klassische Krimistruktur, ohne ins Altmodische zu verfallen. Der Roman entfaltet sich ruhig, fast gemächlich, bevor er im letzten Drittel spürbar an Tempo gewinnt. Diese bewusste Erzählökonomie erzeugt eine besondere Spannung. Die Leser werden nicht mit permanenten Cliffhangern überrollt, sondern Schritt für Schritt tiefer in den Fall hineingezogen.

Gleichzeitig gelingt es Ammer, aktuelle Themen einzubinden, vor allem die Macht der Medien und die Frage, wie öffentliche Meinung gelenkt wird. Kolins Zeitungsimperium fungiert dabei als Spiegel gesellschaftlicher Mechanismen, ohne dass der Roman in politische Polemik abrutscht. Diese gesellschaftliche Dimension verleiht der Geschichte Relevanz.

Stilistisch überzeugt Ammer durch eine klare, unaufdringliche Sprache, die Raum für Atmosphäre lässt. Er verzichtet auf überbordende Beschreibungen und setzt stattdessen auf präzise Bilder. Die Landschaft wird so nicht zum bloßen Postkartenmotiv, sondern zum Teil des Erzählflusses.

Besonders stark sind die Dialoge, pointiert, oft mit trockenem Humor gewürzt und immer nah an der Figur. Der Autor versteht es, regionale Eigenheiten einzubringen, ohne ins Folkloristische abzugleiten.

Simon Ammer verbindet psychologisch fein gezeichnete Figuren mit einem klugen Blick auf gesellschaftliche Machtmechanismen. Der Roman zeigt, wie sich Regionalkrimi und Gesellschaftsroman produktiv ergänzen können.

Für Leser bietet das Werk interessante Ansatzpunkte, die gelungene Integration eines landschaftlich klar verorteten Settings, die Thematisierung medialer Einflussnahme und eine Ermittlerfigur, die bewusst gegen gängige Stereotype arbeitet.

Nicht jeder dramaturgische Kniff sitzt perfekt, und einige Figuren bleiben eher im Hintergrund. Doch das mindert nicht den Gesamteindruck. Ammer etabliert sich mit diesem Band als Stimme, die den deutschsprachigen Krimi um eine reflektierte, zeitgemäße Perspektive bereichert.
Für alle, die im Kriminalroman nicht nur Spannung, sondern auch gesellschaftliche Resonanz suchen.

5 von 6 Sternen: ★★★★★     Kritik: Michaela Springer

(c) Arnold Pöschl

Der Autor:
Simon Ammer ist ein Pseudonym des österreichischen Schriftstellers Daniel Wisser. Er hat bisher sieben Romane geschrieben und zahlreiche Preise erhalten, u.a. den Österreichischen Buchpreis. Bekannt geworden ist er als ebenso scharfer wie humorvoller Beobachter der österreichischen Gesellschaft und der Regionen des Landes. 

Das Buch beim DROEMER-KNAUR-Verlag

Dimitré Dinev (Autor)
16. ZEIT DER MUTIGEN
Roman

Verlag: Kein & Aber
Hardcover
: 8. September 2025 (1. Auflage)
Umfang: 1.152 Seiten
Größe: 12,5 x 19 cm
ISBN Buch: 978-3-0369-5079-2
ISBN eBook: 978-3-0369-9679-0

Als das Dienstmädchen Eva am Vorabend des Ersten Weltkriegs ihrem Leben in der Donau ein Ende setzen möchte, wird sie stattdessen in die Arme des jungen Infanterieleutnants Alois Kozusnik gespült. Statt ihres Lebens verliert sie ihre Unschuld. Es ist der Startpunkt einer epischen Geschichte, die sich aus drei großen Erzählsträngen zusammensetzt und sich bis in die heutige Zeit fortspinnt. Was macht den Menschen aus? Wie durchlebt und übersteht er Jahre der Unterdrückung und Gewalt? Wie schafft er es immer wieder, Kraft zu schöpfen, zu hoffen und zu lieben? (Verlagsinfo)

Dimitré Dinevs neuer Roman ZEIT DER MUTIGEN beeindruckt zunächst durch seine schiere Dimension. Auf mehr als 1.100 Seiten entwirft er ein Panorama aus Welt und Familiengeschichte, ein erzählerisches Monument, dem jedoch nicht immer die notwendige innere Ausgewogenheit gelingt.

Das Buch setzt auf große historische Gesten und begleitet mehrere Generationen durch politische Brüche und gesellschaftliche Transformationen. Statt eines konsequent geführten Spannungsbogens entsteht ein Geflecht aus Episoden, die lose ineinandergreifen. Dinev entfaltet zweifellos beeindruckende erzählerische Energie, doch diese führt gelegentlich zu ausufernden Szenen und zu einem Übergewicht von Nebenpfaden, unter denen der Kern der Erzählung zu verschwinden droht.

Die stilistische Vielfalt des Romans reicht von lyrisch aufgeladenen Passagen über schonungslosen Realismus bis hin zu pointiert gesetzten ironischen Momenten. Diese Wechsel erzeugen interessante Reibungen, verlangen dem Text jedoch ein hohes Maß an Übergangsdisziplin ab. Nicht immer gelingt sie. Manches wirkt überbordend ausgestaltet, sodass der Blick stärker auf die gestalterische Virtuosität des Autors als auf die Figuren selbst gelenkt wird. Die atmosphärische Dichte ist eindrucksvoll, kann aber in ihrer Üppigkeit den emotionalen Kern zuweilen überlagern.

Dinevs Figuren tragen die ganze Wucht des 20. Jahrhunderts in sich, Gewalt, Entwurzelung, politische Verwerfungen. Viele ihrer Geschichten treffen unmittelbar. Das Schicksal wird häufig monumentalisiert, während die psychologische Durchdringung nicht immer die Tiefe erreicht, die das erzählerische Setting nahelegt. Einzelne Wendungen folgen eher dramaturgischen Anforderungen als einer organischen inneren Entwicklung.

Erkennbar ist Dinevs Ziel, historische Prozesse erzählerisch greifbar zu machen. Doch die Fülle an politischen Ereignissen bleibt häufig atmosphärische Kulisse, ohne analytisch durchdrungen zu werden. Der Roman will epochenübergreifend erzählen, berührt dabei aber erstaunlich selten die strukturellen Fragen, die sein Thema eigentlich einfordert.

ZEIT DER MUTIGEN ist ein Werk von erheblichem Ehrgeiz und unbestreitbarer erzählerischer Kraft. Es bietet eindrückliche Bilder und Momente literarischer Wucht, ringt jedoch zugleich mit seiner eigenen Opulenz. Eine Erzählung, die viel anstrebt, manches eindrucksvoll erreicht und dennoch gelegentlich unter dem Gewicht ihrer Ambitionen ins Schwanken gerät.

4 von 6 Sternen: ★★★★       Kritik: Michaela Springer

(c) Minitta Kandlbauer

Der Autor:
Dimitré Dinev wurde 1968 in Bulgarien geboren. Im Jahr 1990 kam er als Flüchtling nach Österreich, wo er studierte und seitdem in deutscher Sprache Drehbücher, Erzählungen und Essays veröffentlichte. Seine Theaterstücke wurden u. a. am Burgtheater inszeniert. Der literarische Durchbruch gelang ihm 2003 mit seinem Familienroman »Engelszungen«, der europaweit mit großem Interesse aufgenommen wurde. Dimitré Dinev lebt in Wien.

Das Buch beim UEBERREUTER-Verlag

Simon Schwarz (Autor),
Ursel Nendzig (Co-Autorin)
17. SIMON SCHWARZ -
Geht´s noch?

Betrachtungen eines Überforderten

Verlag: Carl Ueberreuter Verlag GmbH
Hardcover
VÖ: Oktober 2025 (1. Auflage)
Umfang: 200 Seiten
zahlreiche Fotos aus dem Privatarchiv
Größe: 14,6 x 22 cm
ISBN Buch: 978-3-8000-7916-2

Das Publikum liebt Simon Schwarz als Schauspieler und Kabarettisten. Jetzt zeigt er sich von einer neuen Seite: als Mensch mit Haltung – humorvoll, offen und selbstkritisch. Mit persönlichen Erinnerungen, Geschichten aus seiner Kindheit und seinem Leben mit ADHS verwebt er sein Engagement für Umwelt und Zusammenhalt zu einem eindrucksvollen Ganzen. (Verlagsinfo)

Simon beim Lusthauswasser; (c) Privatarchiv

Geht’s noch? ist das erste Buch des bekannten Schauspielers und Kabarettisten Simon Schwarz und zugleich eine bewusste Erweiterung seiner öffentlichen Rolle. Man begegnet ihm hier als Autor, der sich persönlich exponiert und Haltung nicht lediglich behauptet, sondern kritisch reflektiert. Gemeinsam mit Ursel Nendzig legt Schwarz ein Buch vor, das Engagement, Selbstbefragung und erzählerische Offenheit überzeugend miteinander verbindet.

Zentral ist der autobiografische Zugriff. Mit spürbarer Ehrlichkeit blickt Schwarz auf seine Kindheit und Jugend zurück und schildert ein Aufwachsen, das maßgeblich vom unermüdlichen Engagement seiner Mutter für Umwelt und Gerechtigkeit geprägt war. Diese biografische Verankerung verleiht dem Buch emotionale Tiefe und bewahrt ökologische wie gesellschaftliche Fragestellungen davor, abstrakt zu bleiben. Sie erscheinen vielmehr als Teil einer persönlichen Geschichte, die Widersprüche und Brüche bewusst nicht ausspart.

Simon weinend; (c) Privatarchiv

Besonders hervorzuheben ist der offene Umgang mit dem eigenen Leben mit ADHS. Schwarz beschreibt präzise, wie diese Erfahrung seinen Alltag und sein Denken beeinflusst, ohne Pathos und ohne Selbstmitleid, dafür mit großer Klarheit. Gerade hier liegt eine zentrale Stärke des Buches, Engagement wird nicht als moralische Überlegenheit inszeniert, sondern als anspruchsvoller Prozess, der Anstrengung verlangt und immer wieder scheitert. Schwarz verschweigt nicht, dass er selbst häufig an seine Grenzen stößt und den eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird. Diese Selbstkritik verleiht seiner Haltung Glaubwürdigkeit.

Formal arbeitet der Band mit kurzen Textformen, persönlichen Erinnerungen und dialogischen Passagen, in denen sich die Stimme von Ursel Nendzig als strukturierendes und zuspitzendes Gegenüber deutlich bemerkbar macht. Beobachtungen wechseln mit nachdenklichen Passagen, ohne dass der Ton jemals belehrend würde. Geht’s noch? setzt nicht auf moralischen Druck, sondern auf Einladung zur Selbstreflexion und zum gemeinsamen Handeln.

Simon am Waxenberg; (c) Privatarchiv

Die zahlreichen privaten Fotografien aus dem Familienarchiv verstärken diesen Eindruck. Sie fungieren nicht bloß als illustratives Beiwerk, sondern unterstreichen den persönlichen Charakter des Buches und verankern die Texte in einer konkreten Lebenswelt. Dadurch entsteht eine Nähe, die im gegenwärtigen Sachbuchmarkt keineswegs selbstverständlich ist.

Insgesamt ist Geht’s noch? ein engagiertes, mutiges Debüt, das aus persönlicher Erfahrung schöpft, ohne sich in Selbstbespiegelung zu verlieren. Simon Schwarz präsentiert sich als Autor, der Zweifel zulässt und Verantwortung nicht delegiert. Das Buch macht Mut, selbst aktiv zu werden, nicht, weil es einfache Lösungen anbietet, sondern weil es zeigt, dass Haltung dort beginnt, wo man bereit ist, die eigenen Widersprüche auszuhalten.

5 von 6 Sternen: ★★★★★        Kritik: Michaela Springer

(c) Barbara Wirl/Wirl Photo

Der Autor:
Simon Schwarz, geboren 1971 in Wien, gehört zu Österreichs bekanntesten Schauspielern. Nach Stationen am Theater und in diversen Film- und Fernsehproduktionen erlangte Schwarz 1998 mit dem Film »Die Siebtelbauern« größere Bekanntheit. Für diesen Film gewann er den Max-Ophüls-Preis als bester Nachwuchsdarsteller.
Seit 2013 spielt er eine Hauptrolle in den Verfilmungen der »Franz-Eberhofer-Krimis«.
Im Jänner 2024 feierte er mit dem Programm »Das Restaurant« gemeinsam mit Manuel Rubey seine Kabarettpremiere.

(c) Steffan Knittel

Die Co-Autorin:
Ursel Nendzig, geboren 1980 in Bad Urach, Deutschland, lebt seit ihrer Kindheit in Wien. Sie ist Absolventin der Zeitenspiegel-Reportageschule und arbeitet als freie Redakteurin und Autorin für diverse Magazine. Als Co-Autorin hat sie bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht.

Das Buch beim UEBERREUTER-Verlag

Interview mit Simon Schwarz zum Buch

Monika Pessler (Autorin),
Edmund Engelman (Fotos)
18. SIGMUND FREUD.
Wien IX. Berggasse 19

Verlag: Brandstätter
Hardcover
: 24. Juni 2024 (1. Auflage)
Umfang: 160 Seiten
mit einzigartigen Bilder von Edmund Engelman
Größe: 22 x 27 cm
ISBN Buch: 978-3-85033-882-0
ISBN eBook: 978-3-7106-0920-6
auch auf Englisch erhältlich

Edmund Engelmanns SIGMUND FREUD. Wien IX, Berggasse 19 ist ein außergewöhnlich geschlossenes Zeitdokument über die letzten Monate des Psychoanalytikers in seiner Wiener Wohnung und Praxis. Die Publikation gewinnt ihre Spannung aus einer klaren Zweiteilung, den 1938 entstandenen Fotografien, aufgenommen unmittelbar vor Freuds erzwungenem Abschied aus Österreich und den später formulierten Erinnerungen Engelmanns, die den Bildern einen präzisen historischen wie persönlichen Resonanzraum eröffnen.

Ihre besondere Kraft entfaltet die Ausgabe weniger durch biografische Deutung als durch die akribische Aufmerksamkeit für einen Ort, der längst den Status eines modernen Mythos besitzt. Engelmann verweigert jede heroische Überhöhung und richtet seinen Blick auf Räume, Routinen und jene leisen Übergänge eines Alltags, der bereits unter dem Druck politischer Bedrohung steht. Die Berggasse 19 erscheint dabei als verdichteter Gedächtnisraum, in dem Objekte, die Couch, die Büsten, die Bibliothek gleichsam zu stummen Zeugen einer intellektuellen Epoche werden.

Engelmanns Haltung bleibt von einer bemerkenswert zurückgenommenen Präzision geprägt. Seine Anmerkungen vermeiden pathetische Gesten und entwerfen stattdessen das Bild eines Mannes, der trotz Krankheit und Verfolgung eine nüchterne, fast stoische Arbeitskonzentration wahrt. Die Fotografien verstärken diese Eindrücke. Sie zeigen Freud in der Balance zwischen körperlicher Verletzlichkeit und geistiger Präsenz und halten zugleich eine Praxis fest, die kurz vor ihrer endgültigen Schließung steht.

Der Band besitzt doppelten Wert. Einerseits bietet er ein seltenes visuelles Archiv einer psychoanalytischen Arbeitsumgebung unmittelbar vor ihrer Auflösung. Andererseits reflektiert er die tektonischen Verschiebungen einer Stadt, deren kultureller Organismus in diesen Monaten unwiederbringlich erschüttert wurde. Auf diese Weise entsteht ein fein komponiertes Gefüge aus Bild und Erinnerung, das den dokumentarischen Anspruch übersteigt und eine nachhaltige atmosphärische Dichte erreicht.

Das Werk nimmt eine eigenständige, zwischen Dokumentation und persönlicher Annäherung oszillierende Position ein. Es gehört nicht zur akademischen Literatur im engeren Sinn, ist jedoch unverzichtbar für ein vertieftes Verständnis jener letzten Wiener Monate, in denen die Berggasse 19 ein letztes Mal ihren vollen historischen Nachhall entfaltet.

6 von 6 Sternen: ★★★★★★   Kritik: Michaela Springer

Die Autorin:
Monika Pessler ist seit 2014 Direktorin des Sigmund Freud Museums. Sie studierte Kunstgeschichte in Graz und absolvierte die Ausbildung zur Museums- und Ausstellungs-kuratorin. Tätigkeiten an der Kärntner Landesgalerie (heutiges MMKK), für das zeitgenössische Kunstfestival „steirischer herbst“ und im Atelier des Künstlers Peter Kogler. 2003 übernahm Monika Pessler die Direktion der Österreichischen Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung.

Der Fotograf:
Edmund Engelman wurde 1907 in Wien geboren. Im Mai 1938 machte er, nachdem Freud die Ausreise¬genehmigung nach England erhalten hatte, dokumentarische Aufnahmen von Freuds Wohnung und Praxis in der Berggasse 19, aber auch von Freud selbst, seiner Frau und seiner Tochter – ohne Blitzlicht und Scheinwerfer, damit das Fotografieren unbemerkt blieb. 1939 musste auch Engelman emigrieren. Er ging nach New York, wo er 2000 verstarb.

Das Buch beim BRANDSTÄTTER-Verlag

Rebecca F. Kuang (Autorin),
Jasmin Humburg (Übersetzerin)
19. YELLOWFACE

Verlag: Bastei Lübbe (Eichborn)
Taschenbuch
: 30. Mai 2025 (1. Auflage)
ebenfalls als Buch (Hardcover), eBook und Hörbuch erhältlich
Umfang: 384 Seiten
ISBN Buch: 978-3-8479-0214-0

Zwischen Aneignung und Authentizität

Mit YELLOWFACE legt R.F. Kuang einen Roman vor, der die Mechanismen des internationalen Literaturbetriebs präzise seziert und zugleich eine vielschichtige Reflexion über Autorschaft, kulturelle Identität und Machtverhältnisse entfaltet.

Im Zentrum steht die weiße Autorin June Hayward, deren eigene Karriere ins Stocken geraten ist. Nach dem plötzlichen Tod ihrer Freundin und Kollegin Athena Liu nimmt sie deren unveröffentlichtes Manuskript an sich, einen Roman über Heldentaten chinesischer Arbeiter im Ersten Weltkrieg. Unter Junes Namen veröffentlicht, wird das Buch zum Bestseller. Kuang nutzt diese Konstellation, um die zentralen Fragen nach der Grenze zwischen Inspiration und Aneignung, nach Besitz von Geschichten und nach der Legitimation von Stimmen im Literaturbetrieb zu behandeln.

Die Erzählung bleibt konsequent in Junes Perspektive und entwickelt daraus eine komplexe psychologische Studie. Kuang zeichnet ihre Ich-Erzählerin weder als eindeutige Täterin noch als Opfer, sondern als ambivalente Figur, deren Selbstrechtfertigungen und innere Widersprüche das Spannungsfeld der Handlung ausloten. Der Roman vermeidet moralische Eindeutigkeiten und richtet den Blick auf das Zusammenspiel individueller Verantwortung und struktureller Dynamiken des Literaturmarktes.

Formal überzeugt YELLOWFACE durch eine klare, direkte Sprache und einen Tonfall, der zwischen Satire und dokumentarischer Genauigkeit oszilliert. Social-Media-Threads, fiktive Pressetexte und andere mediale Einschübe verstärken die Nähe zur Realität und verankern den Text im Diskurs gegenwärtiger Literaturproduktion.

Kuang entwirft eine präzise Beobachtung. Sie erzählt eine packende Geschichte und legt zugleich die Bedingungen offen, unter denen Stimmen im Literaturbetrieb gehört, vermarktet oder verdrängt werden. Dass der Roman keine einfachen Antworten bietet, ist seine Stärke. YELLOWFACE öffnet den Diskurs und hält ihn in produktiver Schwebe.

6 von 6 Sternen: ★★★★★★   Kritik: Michaela Springer

(c) Julian Baumann

Die Autorin:
Rebecca F. Kuang ist NEW-YORK-TIMES-Bestsellerautorin und wurde bereits vielfach für ihr Werk ausgezeichnet. Seit sie im Alter von 21 Jahren ihren ersten Roman schrieb, hat sie neben fünf weiteren Romanen ebenfalls zwei Kurzgeschichten veröffentlicht. Ihr Roman BABEL war ein weltweiter Erfolg, gewann zahlreiche Preise, unter anderem den Nebula, den Blackwell's Books of the Year und den Locus Award. Sie ist nicht nur in der TIME100 und der Forbes-Liste „30 Under 30" vertreten, sondern auch gleich zweifache Preisträgerin des British Book Awards. Zuletzt wurde sie neben dem Goodreads Choice Award und dem Amazon Books Best Book of the Year Award mit dem Indie Book Award ausgezeichnet. Rebecca F. Kuang ist Marshall-Stipendiatin, Übersetzerin und hat einen Philologie-Master in Chinastudien der Universität Cambridge und einen Soziologie-Master in zeitgenössischen Chinastudien der Universität Oxford. Zurzeit promoviert sie in Yale in ostasiatischen Sprachen und Literatur.

Das Buch beim BASTEI LÜBBE/EICHBORN-Verlag

Christian Brandstätter (Hrsg.),
Thomas Weidenholzer (Begleittexte)
20. SALZBURG - Die Bildbiografie

Verlag: Brandstätter
Hardcover mit Schutzumschlag
: 7. Oktober 2024 (1. Auflage)
Umfang: 304 Seiten
Prachtband mit Hunderten vielfach unveröffentlichten Fotografien
Größe: 24 x 30 cm
ISBN Buch: 978-3-7106-0764-6

Mit SALZBURG – die Bildbiografie legt Herausgeber Christian Brandstätter einen opulenten Bildband vor, der weit über eine ästhetische Bestandsaufnahme hinausgeht und sich als visuelle Stadtgeschichte versteht. Maßgeblich zur inhaltlichen Tiefenschärfe des Werkes tragen die begleitenden Texte des Historikers Thomas Weidenholzer bei, die das umfangreiche, oftmals unbekannte historische Bildmaterial aus den letzten 170 Jahren präzise, differenziert und analytisch kontextualisieren.

Weidenholzers Beiträge zeichnen sich durch sprachliche Klarheit aus. Er vermeidet sowohl pathetische Überhöhungen als auch die bloße Aneinanderreihung historischer Fakten und entwickelt stattdessen pointierte Miniaturen zur Stadtgeschichte und den fünf Gauen Flachgau, Tennengau, Pinzgau, Pongau und Lungau, die komplexen Zusammenhänge verdichten, ohne sie zu simplifizieren.

Die Chronologie des Bandes, von den Anfängen der Fotografie bis in die Gegenwart wird dabei ausdrücklich nicht als lineare Fortschrittserzählung angelegt. Vielmehr arbeitet Weidenholzer mit Brüchen, Spannungen und Ambivalenzen. Salzburg erscheint als barocke Repräsentationsstadt ebenso wie als nationalsozialistisch instrumentalisierter Raum, als touristisch vermarktete Bühne, aber auch als Ort des Alltags, des Widerstands und sozialer Realität. Diese bewusst hergestellte Mehrstimmigkeit bewahrt den Band vor nostalgischer Verklärung und öffnet den Blick für die historischen Überlagerungen im Stadtbild.

Der historische Zugriff bleibt stets quellennah, ohne akademisch hermetisch zu wirken. Damit positioniert sich der Band klar im Feld einer anspruchsvollen Kulturpublizistik, die wissenschaftliche Fundierung mit erzählerischer Zugänglichkeit verbindet. Besonders überzeugend sind jene Passagen, in denen Weidenholzer die Wechselwirkungen zwischen Stadtbild, politischer Macht und gesellschaftlichem Wandel herausarbeitet und sichtbar macht, wie sehr Architektur und Urbanität Träger ideologischer Zuschreibungen sind.

Die editorische Gestaltung unterstützt diese inhaltliche Qualität konsequent.
Großformatige Einzelaufnahmen wechseln mit seriellen Bildfolgen, die von Weidenholzer gezielt kommentiert werden. Seine Texte fungieren dabei nicht als erläuternde Bildunterschriften, sondern als interpretative Angebote. Der Blick der Leserinnen und Leser wird gelenkt, ohne festgelegt zu werden; die Fotografien lassen sich sowohl als historische Dokumente, wie auch als visuelle Konstruktionen ihrer jeweiligen Zeit lesen.

SALZBURG – die Bildbiografie überzeugt somit nicht allein durch visuelle Opulenz, sondern vor allem durch die intellektuelle Substanz der Texte. Entstanden ist ein vielschichtiges Porträt eines Bundeslandes, das nicht nur zeigt, sondern befragt, kritisch, reflektiert und kenntnisreich.

6 von 6 Sternen: ★★★★★★     Kritik: Michaela Springer

Der Herausgeber:
Christian Brandstätter, geboren 1943 in Lambach, studierte Rechtswissenschaften und war in leitender Funktion für den Molden Verlag tätig, bevor er 1982 den Christian Brandstätter Verlag gründete. Er war Lehrbeauftragter am Institut für Publizistik der Universität Wien und ist Autor und Gestalter zahlreicher Bildbände.

Das Buch beim BRANDSTÄTTER-Verlag

Dr. Daniela Angetter-Pfeiffer (Autorin)
21. Rausch, Gift und Heilung
Irrwege und Umwege medizinischer Behandlungen

Verlag: Amalthea
: 7. April 2025 (1. Auflage)
mit zahlr. Abbildungen
Umfang: 256 Seiten
Alter: ab 14 Jahren
ISBN Buch: 978-3-99050-284-6
ISBN eBook: 978-3-90344-140-8

Inhalt (Verlagsinfo):
Wussten Sie, dass Drogen, Alkohol und selbst die Tabakpflanze aus der heutigen Medizin nicht wegzudenken sind, dass Aderlass und Blutegel noch im 21. Jahrhundert zur Lebensrettung beitragen? Nicht nur Sebastian Kneipp verbreitete, was Güsse mit kaltem Wasser vermögen, sondern Eisbaden ist wieder in und Kälte wird sogar in der Krebstherapie eingesetzt.
Ins Gehirn zu bohren, um psychisch Kranke zu heilen, war den Nobelpreis wert, heute profitieren Schlaganfallpatienten davon. Staunen Sie darüber, was man nicht alles tat, um schön und schlank zu sein. Erfahren Sie, warum Beethoven mittels Knochenleitung auch als Schwerhöriger noch komponieren konnte und wie dieses Phänomen heute in der Medizin genutzt wird. Und wie viele andere vermeintliche Kuriositäten und absurde Behandlungen jetzt wieder neu entdeckt werden.

Longlist »Wissenschaftsbuch des Jahres 2026« in der Kategorie »Medizin/Biologie«

Dr. Daniela Angetter-Pfeiffer widmet sich in ihrem Buch einem Feld, das zwischen wissenschaftlicher Präzision und erzählerischer Lust förmlich schillert, den historischen Abgründen und erstaunlichen Wendungen medizinischer Behandlungsmethoden. Ihr Ansatz, Grenzbereiche zwischen Aberglauben, Forschung und Zufall auszuloten, schafft ein Werk, das weit über eine bloße Sammlung kurioser Praktiken hinausgeht.

Die Autorin eröffnet jedes Kapitel mit einer klaren Beobachtung. Medizin ist kein linearer Fortschritt, sondern ein Geflecht aus Irrtümern, Überzeugungen und gelegentlichen Glückstreffern. Wie sie diese Erkenntnis entfaltet, gehört zu den Stärken des Buches. Mit gutem Gespür für Dramaturgie zeigt sie, wie Verfahren, die aus heutiger Sicht bizarr wirken, in ihrem historischen Kontext durchaus folgerichtig erscheinen. Ebenso beleuchtet sie, warum manche dieser Randerscheinungen später mit anderen Mitteln, besserem Wissen und moderner Technik eine unerwartete Renaissance erfahren.

Dabei gelingt Angetter-Pfeiffer ein Ton, der zugleich populärwissenschaftlich zugänglich und wissenschaftlich redlich bleibt. Sie verdichtet komplexe Zusammenhänge zu prägnanten Szenen, ohne den kritischen Blick auf Chancen und Risiken zu verlieren. Die Einbindung ihrer eigenen beruflichen Erfahrung verleiht dem Text zusätzlich Erdung, insbesondere dort, wo sie die Distanz zwischen vergangener und gegenwärtiger Heilkunde spürbar macht.

Gelegentlich gerät die Fülle an Episoden allerdings zur Schwäche. Manche Themen bleiben eher Skizzen, die neugierig machen, aber nicht zu Ende geführt werden. In anderen Passagen wirkt die Komposition etwas sprunghaft, was den Lesefluss mitunter bremst. Dennoch mindern diese strukturellen Ungenauigkeiten den Erkenntnisgewinn kaum sie markieren eher die Grenzen eines breit angelegten kultur- und medizinhistorischen Essays.

Das Buch überzeugt vor allem, weil es Fragen aufwirft, die weit über das Historische hinausweisen. Wie schnell wird gegenwärtiges Wissen zu Irrtum? Welche Rolle spielen kulturelle Muster und modische Trends im medizinischen Handeln? Und warum verweilen manche Konzepte trotz wissenschaftlicher Widerlegung so hartnäckig im kollektiven Gedächtnis?

Rausch, Gift und Heilung liefert keine einfachen Antworten, sondern öffnet den Blick für Ambivalenzen. Gerade darin liegt seine Relevanz. Es erinnert daran, dass Heilkunst stets in Bewegung ist und dass ihr Weg oft über Umwege führt.

5 von 6 Sternen: ★★★★★       Kritik: Michaela Springer

(c) Maren Jeleff Photography

Die Autorin:
Dr. Daniela Angetter-Pfeiffer, geboren in Wien, studierte Geschichte und Germanistik und ist am Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage der Österreichischen Akademie der Wissenschaften tätig. Die aktive Notfallsanitäterin befasst sich intensiv mit Medizin-, Militär-, (Natur-) und Wissenschaftsgeschichte, Notfall- und Katastrophenmedizin.

Das Buch beim AMALTHEA-Verlag

Sarah Bosetti (Autorin)
22. Make Democracy Great Again

Verlag: Rowohlt
Taschenbuch
: 16. September 2025
ebenfalls als eBook (epub) und Hörbuch erhältlich
Umfang: ca. 224 Seiten
Alter: ab 14
ISBN-13 Taschenbuch: 978-3-499-01837-4 
ISBN-13 eBook: 978-3-644-02508-0

Mit Make Democracy Great Again legt Sarah Bosetti ein politisches Sachbuch vor, dass sich bewusst im Grenzbereich zwischen Essay, Analyse und polemischer Zuspitzung positioniert. Die Autorin, bekannt als Satirikerin und Journalistin, nutzt ihre rhetorische Präzision, um zentrale Fragen des demokratischen Selbstverständnisses in Zeiten von Populismus, Desinformation und politischer Ermüdung zu verhandeln.

Bosetti setzt beim paradoxen Zustand moderner Demokratien an. Formal erscheinen sie stabil, institutionell abgesichert und historisch bewährt, zugleich jedoch anfällig für Vereinfachungen, emotionale Mobilisierung und eine wachsende Entfremdung zwischen politischem Betrieb und Bürgerschaft. Der provokante Titel ist dabei mehr als eine ironische Anspielung auf den Slogan der Trump-Ära. Er markiert programmatisch den Anspruch des Buches, Demokratie nicht nostalgisch zu verklären, sondern als aktiven, konflikthaften Prozess zu begreifen, der kontinuierlicher Pflege, Verteidigung und Weiterentwicklung bedarf.

Stilistisch verbindet Bosetti analytische Passagen mit zugespitzten Beobachtungen und satirischen Brechungen. Diese Mischung erweist sich zugleich als Stärke und als Risiko des Buches. Einerseits gelingt es ihr, komplexe politische Mechanismen, etwa populistische Rhetoriken, mediale Aufmerksamkeitslogiken oder die psychologischen Effekte angstbasierter Kommunikation prägnant und verständlich darzustellen. Andererseits bleibt die argumentative Tiefe stellenweise hinter der sprachlichen Schärfe zurück, nicht jede Pointe wird inhaltlich weitergeführt.

Inhaltlich überzeugt Make Democracy Great Again insbesondere dort, wo Bosetti normative Klarheit zeigt. Sie positioniert sich entschieden gegen falsche Äquidistanzen im öffentlichen Diskurs und plädiert für ein Verständnis von Demokratie, das sich nicht aus falsch verstandener Neutralität heraus selbst entkernt. Dabei präsentiert sie kein Reformhandbuch, sondern formuliert einen Appell zur Haltung, adressiert gleichermaßen an Medien, Politik und Bürgerinnen und Bürger.

Insgesamt ist Make Democracy Great Again ein engagierter, sprachlich präziser und streitbarer Beitrag zur aktuellen Demokratiedebatte. Das Buch lebt weniger von theoretischer Innovation als von seiner Fähigkeit, demokratische Grundfragen neu zu zuspitzen und sowohl emotional als auch intellektuell zugänglich zu machen.

5 von 6 Sternen: ★★★   Kritik: Michaela Springer

Die Autorin:
Sarah Bosetti ist Satirikerin, Autorin und Feministin wider Willen. Für ihre wöchentliche Satiresendung Bosetti will reden! (ZDF) wurde sie 2022 für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Zuvor wurde sie bereits u. a. mit dem Dieter-Hildebrandt-Preis und dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet. Sie moderiert den extra3-Podcast (NDR), in dem sie mit prominenten Gäst:innen das politische Geschehen bespricht, tourt mit ihrem Live-Programm durch den deutschsprachigen Raum und ist Kolumnistin bei WDR2 und radioeins (RBB).
Zudem ist sie Gewinnerin Grimme-Preis 2024, Deutscher Fernsehpreis 2024 und Deutscher Kleinkunstpreis 2025. 

Das Buch beim ROWOHLT-Verlag

Giulia Enders (Autorin)
23. ORGANISCH

Verlag: Ullstein Buchverlage GmbH
Hardcover
: 28. August 2025 (1. Auflage)
Umfang: 336 Seiten
ISBN Buch: 978-3-5502-0177-6
ISBN eBook: 978-3-8437-3639-8   

Mit ORGANISCH versucht Giulia Enders ("Darm mit Charme") den menschlichen Körper als organisches Netzwerk zu begreifen, nicht als Maschine, sondern als lebendigen Verbund, in dem alles mit allem kommuniziert.

Enders Ansatz ist dabei ebenso erzählerisch, wie wissenschaftlich. In jedem Kapitel widmet sie sich einem Organsystem, wie Haut, Lunge, Immunsystem, Muskeln und Gehirn und verknüpft biologische Fakten mit biografischen Miniaturen. Sie erzählt von Familienmitgliedern, alltäglichen Beobachtungen und Forschungsbefunden, die sie zu einem sanften Narrativ des Körpers verdichtet. Was leichtfüßig beginnt, entwickelt sich zu einer Erkundung unseres inneren Zusammenspiels poetisch, aber fundiert.

Die Struktur des Buches folgt einem klaren Prinzip der Vernetzung. Kein Organ steht isoliert, jede Funktion verweist auf eine andere. Diese Perspektive ist zugleich biologisch präzise und kulturell produktiv. Sie spiegelt das aktuelle Bedürfnis nach Ganzheitlichkeit wider, ohne in ideologische Ganzheitsrhetorik abzugleiten.

Am Ende bleibt das Buch, was der Titel verspricht: organisch, gewachsen, vernetzt, lebendig. Es denkt den Körper nicht als Summe seiner Teile, sondern als Erzählung, die wir täglich neu schreiben.

5 von 6 Sternen: ★★★★★   Kritik: Michaela Springer

(c) Julia Sellmann

Die Autorin:
Dr. Giulia Enders ist Ärztin und Autorin. 2014 veröffentlichte sie den Bestseller Darm mit Charme. Sie forschte in der Mikrobiologie, arbeitete als Ärztin und engagiert sich für die verständliche Vermittlung wissenschaftlicher Themen.

Das Buch beim ULLSTEIN-Verlag

Katharina von der Leyen (Autorin), Philipp Hochmair  (Autor)
24. Hochmair, wo bist du?
Biografie

Verlag: Brandstätter
Hardcover mit Schutzumschlag
: 16. Juli 2025 (1. Auflage)
Umfang: 256 Seiten
Mit zahlreichen privaten Bildern und Illustrationen von Philipp Hochmair
Größe: 13,5 x 21 cm
ISBN Buch: 978-3-7106-0900-8
ISBN eBook: 978-3-7106-0920-6

HOCHMAIR, WO BIST DU? entzieht sich bewusst den Konventionen klassischer Künstlerbiografien. Statt ein geschlossenes Porträt zu liefern, entwickelt das Buch eine tastende, suchende Annäherung an einen Schauspieler, der sich einfachen Zuschreibungen konsequent verweigert. Es versteht sich weniger als Lebensbeschreibung denn als offener Dialog zwischen Kunst und Existenz und trifft damit präzise den Kern von Philipp Hochmairs künstlerischem Selbstverständnis, Bewegung, Unruhe, permanenter Selbstbefragung.

An die Stelle einer linearen Erzählung tritt eine fragmentarische Struktur. Gespräche, Beobachtungen, Erinnerungsbilder und essayistische Reflexionen fügen sich zu einem offenen Mosaik, das den Leser nicht führt, sondern bewusst mit Brüchen und Leerstellen konfrontiert. Hochmair erscheint als Künstler, der Stillstand meidet, dessen Identität sich im Prozess, im Rollenwechsel und im performativen Spiel immer wieder neu konstituiert.

(c) Gianmaria Gava

Besonders überzeugend ist die Konsequenz, mit der das Buch auf jede Form der Heroisierung verzichtet. Weder der Star noch der Exzentriker stehen im Zentrum, sondern ein Mensch, der zwischen extremer Bühnenpräsenz und privater Verletzlichkeit oszilliert. Hochmair wird als Getriebener sichtbar, der sich an eigenen Grenzen abarbeitet, körperlich, psychisch, ästhetisch. Gerade in Momenten des Zweifelns und der Erschöpfung gewinnt das Porträt an Tiefe und Glaubwürdigkeit.

Inhaltlich kreist der Text um zentrale Fragen zeitgenössischer Künstlerexistenz. Was bedeutet Authentizität in einer Kultur permanenter Selbstinszenierung? Wo endet die Rolle, wo beginnt der Mensch? Hochmairs radikale, körperlich fordernde Arbeitsweise wird nicht romantisiert, sondern kritisch reflektiert. Der Preis dieser Intensität bleibt stets präsent, Erschöpfung, Einsamkeit, der permanente Drang zur Grenzüberschreitung.

Stilistisch überzeugt das Buch durch eine präzise, unprätentiöse Sprache, die Raum für Zwischentöne lässt. Pathos wird konsequent vermieden. Stattdessen entsteht eine dichte, konzentrierte Atmosphäre, die Nähe ermöglicht, ohne voyeuristisch zu werden. Die Autorin wahrt eine produktive Distanz. Sie begleitet, beobachtet, hinterfragt, ohne zu vereinnahmen oder zu erklären. Gerade darin liegt die besondere Stärke des Textes.

So erweist sich HOCHMAIR, WO BIST DU? weniger als Buch über einen Schauspieler denn als essayistische Reflexion über künstlerische Identität im 21. Jahrhundert. Es zeigt, wie brüchig Selbstbilder geworden sind und wie sehr Kunst heute als Suchbewegung verstanden werden muss. Für Leser mit Interesse an Theater, Performance und zeitgenössischen Formen künstlerischer Existenz bietet das Buch eine vielschichtige, klug komponierte Lektüre.

Am Ende bleibt die titelgebende Frage unbeantwortet und genau darin liegt ihre Konsequenz. Hochmair bleibt in Bewegung, im Dazwischen, im Prozess. Das Buch begleitet ihn ein Stück, ohne ihn festzuschreiben. Ein reflektiertes, ernsthaftes Künstlerporträt, das sich wohltuend gegen biografische Vereinfachungen stellt.

6 von 6 Sternen: ★★★★★★      Kritik: Michaela Springer

Die Autorin:
Katharina von der Leyen ist freie Journalistin und Bestsellerautorin. Schon vor dem Abitur begann sie für namhafte Zeitschriften zu schreiben und die Welt zu bereisen. Sie lebte in Europa, Australien und den USA, wo sie u.a. für die amerikanische, australische, englische und deutsche Vogue schrieb, TEMPO!, das ZEIT Magazin, die FAZ oder Architectural Digest.
Neben erzählenden Sachbüchern, Romanen und Ratgebern zu Hunden und Hühnern hat Katharina von der Leyen mehrere Beststeller geschrieben, darunter „Charakterhunde, Leinen los!“, „Die zweite Chance“ und zuletzt „Weiter!“. Sie lebt auf einem Hof zwischen München und Salzburg.

(c) Gianmaria Gava

Der Autor:
Der Film-, Fernseh- und Theaterschauspieler Philipp Hochmair studierte Schauspiel am Max-Reinhardt-Seminar in Wien sowie am CNSAD in Paris. Neben seiner filmischen Arbeit (u.a. in den beliebten TV-Serien „Vorstadtweiber“, „Charité“, „Blind ermittelt“ sowie in Spielfilmen wie „Die Wannseekonferenz“ oder „Der Geier“) ist er vor allem für seine Bühnenarbeit an nationalen und internationalen Theatern bekannt.
Unter seinen vielen Rollen hat Hochmair mit dem Monolog „Jedermann Reloaded“ nach Hugo von Hofmannsthals Drama „Jedermann“ große Aufmerksamkeit erregt. In dieser One-Man-Show übernimmt er mehr als 20 Rollen, musikalisch unterstützt von seiner Rockband „Die Elektrohand Gottes“.
Sein spontanes Einspringen als Jedermann für den erkrankten Tobias Moretti bei den Salzburger Festspielen 2018 sorgte für Furore. Seit Sommer 2024 ist Philipp Hochmair der neue „Jedermann“.

Das Buch beim BRANDSTÄTTER-Verlag

Diane Hielscher (Autorin), Keiko Hoshino (Illustratorin)
25. Sei glücklich, älter wirst du sowieso
Was du ab heute für ein langes und zufriedenes Leben tun kannst

Verlag: Knesebeck
Klappbroschur
: 20. März 2025 (1. Auflage)
Umfang: 200 Seiten, 40 Illustrationen
Größe: 15.0 x 21.5 cm
ISBN Buch: 978-3-95728-927-8

Mit „Sei glücklich, älter wirst du sowieso“ gelingt Diane Hielscher ein ebenso unterhaltsamer wie tiefgründiger Beitrag zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Älterwerden. Die Autorin, bekannt aus Rundfunk und Podcasts, schreibt mit persönlicher Note, aber auch mit klarem Blick auf wissenschaftliche und kulturelle Aspekte des Alterns.

Sie zeigt auf, dass Altern nicht nur ein biologischer Prozess ist und wie viel Spielraum wir haben, unsere Haltung dazu aktiv zu gestalten. Dabei ist ihr Ton nie belehrend, sondern immer neugierig, humorvoll und zugänglich.

Besonders hervorzuheben ist die Verknüpfung von persönlichen Reflexionen mit aktuellen Studien aus Psychologie, Soziologie und Neurowissenschaft. Hielscher versteht es, wissenschaftliche Inhalte verständlich aufzubereiten, ohne an Tiefe zu verlieren. Gleichzeitig bleibt sie nahbar, was das Buch für ein breites Publikum interessant macht, nicht nur für Menschen in der Lebensmitte, sondern auch für jüngere Leser, die sich mit ihrer eigenen Zukunft auseinandersetzen möchten.

„Sei glücklich, älter wirst du sowieso“ ist ein reflektiertes, ehrliches und wohltuendes Buch, das nicht nur inspiriert, sondern auch zum Denken anregt. Diane Hielscher liefert einen wertvollen Beitrag zur Altersdiskussion unserer Zeit – mit Tiefgang und Leichtigkeit.

5 von 6 Sternen: ★★★★★
                                         Kritik: Michaela Springer

Die Autorin:
Diane Hielscher (*1979, Berlin) ist Radiomoderatorin, Podcasterin und Autorin. Sie beschäftigt sich leidenschaftlich mit den Bereichen Neurologie, Psychologie und Philosophie. Diane ist Expertin zum Thema „bewusst leben“, weshalb sie das beliebte Format „Achtsam” für Deutschlandfunk Nova mit der Psychologin Main Huong Nguyen moderiert.
Dazu passend hat sie auch die Bildungs- und Videoplattform LifeXLab (für persönliche Weiterentwicklung) gegründet und moderiert – ganz im Sinne ihres neuen Buchs – den Podcast „Länger gut leben – Jeden Morgen mit Energie in den Tag starten”.
Die Autorin wurde mit dem deutschen Radiopreis ausgezeichnet. In der Begründung der Jury hieß es: „Sie hat überraschende Zugänge zu komplexen Sachverhalten und vermittelt diese frisch, pointiert und unterhaltsam.“

Die Illustratorin:
Keiko Hoshino ist eine japanische Illustratorin und Grafikdesignerin in Leipzig. Sie arbeitet für kulturelle Veranstaltungen, Publikationen sowie Animationsfilme und beschäftigt sich mit Collagen aus gefundenen Fotomaterialien und/oder eigenen Illustrationen.

Webseite der Autorin       Instagram

Das Buch beim KNESEBECK-Verlag

Michael Erle (Autor)
26. Die Tote von Prittlbach
Krimi

Verlag: Volk Verlag
Broschur
: 15. Oktober 2025 (1. Auflage)
Umfang: 256 Seiten
Alter: ab 14 Jahren
ISBN Buch: 978-3-86222-510-1 

Ein kleiner Ort, ein plötzlicher Tod, eine junge Mutter, die zur Ermittlerin wird, auf den ersten Blick fügt sich Michael Erles Kriminalroman DIE TOTE VON PRITTLBACH
scheinbar nahtlos in die Tradition deutschsprachiger Regionalkrimis ein. Doch was vertraut beginnt, entwickelt sich zu einer präzisen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Erwartungen, strukturellen Machtverhältnissen und der Frage, wie viel Wahrheit eine Dorfgemeinschaft aushält.

Der Ausgangspunkt ist klassisch. Die junge Pflegekraft Shpresa wird tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Zunächst deutet alles auf einen tragischen Unfall hin. Doch die Polizistin Stephanie Sperling, selbst Mutter eines Säuglings und offiziell in Elternzeit, stößt bei einem beiläufigen Besuch auf Widersprüche und beginnt zu ermitteln, zunächst zögerlich und gegen Widerstände, dann mit wachsender Entschlossenheit.

Was Erle erzählt, ist weniger ein konventioneller Kriminalfall als ein psychologisches Kammerspiel im Gewand des Thrillers. Der Ort Prittlbach dient nicht bloß als Kulisse, sondern als Verdichtungsraum gesellschaftlicher Dynamiken, ein Mikrokosmos, in dem soziale Ausschlüsse subtil, aber wirkungsvoll greifen. Die Figur der Shpresa, migrantisch, weiblich ist dabei kein bloßes Handlungsmotiv, sondern Ausdruck eines Systems, das Wegsehen zur Normalität gemacht hat.

Mit Stephanie Sperling hat Erle eine Protagonistin geschaffen, deren Ambivalenz den Roman trägt. Ihr Antrieb entspringt keinem kriminalistischen Ehrgeiz, sondern einem tiefen moralischen Unbehagen. Berufliches und Privates durchdringen einander, gerade in dieser Unschärfe liegt die Stärke des Romans. Denn die entscheidende Frage lautet nicht „Wer war der Täter?“ Sondern „Wer hat geschwiegen? Wer profitiert? Wer sieht weg?“

Erles Sprache ist schnörkellos, manchmal fast dokumentarisch. Statt stilistischer Virtuosität setzt er auf eine klare, durchdachte Erzählstruktur, die Spannung aus innerer Konsequenz bezieht, ohne dramaturgische Übertreibungen. Seine Aufmerksamkeit gilt nicht dem individuellen Abgrund, sondern den gesellschaftlichen Mechanismen, die ihn ermöglichen.

DIE TOTE VON PRITTLBACH ist ein Kriminalroman, der seine Spannung aus der beharrlichen Demontage vermeintlicher Selbstverständlichkeiten gewinnt. Michael Erle gelingt ein klug komponierter, atmosphärisch dichter Text, der aktuelle gesellschaftliche Fragen in ein populäres Genre überführt, unaufgeregt, aber mit Nachdruck.

Ein eindringlicher Roman, der soziale Tiefenschärfe mit einem überzeugenden Plot verbindet. Besonders empfehlenswert für Leserinnen und Leser, die im Krimi nicht nur Unterhaltung, sondern auch Relevanz suchen.

(c) Anne Busch

5 von 6 Sternen: ★★★★★      
                             Kritik:
Michaela Springer

Der Autor:
Michael Erle, Jahrgang 72, ist Autor, Journalist und Musiker aus Dachau. Zu seinen bisherigen Werken zählen Thriller, SciFi- und Fantasyromane. Er fühlt sich seit frühester Kindheit wohl im Land zwischen nördlicher Schotterebene und Dachauer Moos.

Das Buch beim Volk-Verlag

Sebastian Fitzek (Autor)
27. DER NACHBAR
Psychothriller

Verlag: Droemer HC
gebundene Ausgabe
: 22. Oktober 2025 (1. Auflage)
ebenfalls als eBook (epub) und Hörbuch (Argon Verlag) erhältlich
Umfang: 368 Seiten
Alter: ab 16 Jahren
ISBN Buch: 978-3-426-28175-8
ISBN eBook: 978-3-426-44438-2

Sebastian Fitzek hat sich längst als feste Größe im deutschsprachigen Thriller etabliert. Wer zu einem seiner Bücher greift, erwartet kein leises Seelenporträt, sondern ein präzises und konstruiertes Räderwerk aus Angst, Tempo und überraschenden Wendungen. Mit DER NACHBAR bleibt Fitzek seiner charakteristischen Handschrift treu und verlegt das Geschehen in ein Milieu, das uns alle betrifft, die vermeintlich sichere Welt der Nachbarschaft.

Im Mittelpunkt steht die Strafverteidigerin Sarah Wolff, die an Monophobie, der krankhaften Angst vor dem Alleinsein, leidet. Gemeinsam mit ihrer Tochter zieht sie in ein neues Haus am Berliner Stadtrand. Die Idylle wirkt perfekt, bis ein „hilfsbereiter Nachbar“ zunehmend zur Quelle subtiler Bedrohung wird. Aus freundlicher Nähe entsteht Misstrauen, aus Beistand Kontrolle, aus Alltag Paranoia. Fitzek greift hier ein universelles Unbehagen auf. Wie gut kennen wir die Menschen, die direkt neben uns leben?

Erzählerisch vertraut Fitzek auf sein bewährtes Erfolgsrezept: kurze Kapitel, schnelle Perspektivwechsel, Cliffhanger im Minutentakt. Diese Struktur sorgt für ein hohes Erzähltempo und erzeugt jenen Sog, der seine Bücher so unverwechselbar macht. Die Szenen entfalten eine starke visuelle Präsenz. Man spürt das Flackern der Bewegungsmelder, hört das Knacken im Gebälk, sieht das bedrohliche Spiel von Licht und Schatten. Fitzek beherrscht das Handwerk meisterhaft. Er weiß genau, wann der Moment gekommen ist, den Leser glauben zu lassen, er habe alles durchschaut, nur um ihn im nächsten Kapitel erneut zu überraschen.

Bemerkenswert ist, dass Fitzek in DER NACHBAR weniger auf spektakuläre Gewaltmomente setzt, sondern auf die leise, allgegenwärtige Bedrohung des modernen Lebens. Der Schrecken entsteht nicht durch Blut, sondern durch Beobachtung. Damit gelingt ihm ein Thriller, der tief in das Gefühl unserer Gegenwart greift, einer Zeit, in der Privatsphäre brüchig und Sicherheit nicht mehr an Mauern oder Türen festzumachen ist.

Seine Sprache bleibt dabei klar und funktional, ganz dem Spannungsaufbau verpflichtet. Sarahs Angststörung wird überzeugend eingeführt und fungiert als emotionaler Motor der Handlung, ohne den Lesefluss zu bremsen. Zwar bleibt Fitzeks Erzählweise seiner charakteristischen Formel treu, das traumatisierte Opfer, die trügerische Idylle, der finale Twist, doch gerade diese Wiedererkennbarkeit ist Teil seines Erfolgs. Sie schafft Vertrautheit und gibt dem Leser, was er sucht, ein perfekt austariertes Spiel mit Angst und Erkenntnis.

DER NACHBAR ist ein souverän komponierter Psychothriller mit starkem atmosphärischem Sog. Fitzek schreibt mit dem Instinkt eines erfahrenen Regisseurs, der Timing und Wirkung exakt dosiert. Sein Roman beschleunigt den Puls und hinterlässt das beklemmende Gefühl, dass Bedrohung überall lauern kann, selbst dort, wo wir uns am sichersten wähnen.

Das Buch beim DROEMER-KNAUR-Verlag

5 von 6 Sternen: ★★★★★       Kritik: Michaela Springer

Der Autor:
Sebastian Fitzek, geboren 1971 in Berlin, ist einer der erfolgreichsten Autoren Deutschlands. Er studierte Jura, promovierte im Urheberrecht und arbeitete als Programmdirektor für verschiedene Radiostationen in Deutschland. Seit 2006 schreibt Fitzek Psychothriller, die allesamt zu Bestsellern wurden. Sein erster Roman „Die Therapie“ eroberte innerhalb kürzester Zeit die Bestsellerliste und wurde als bestes Krimidebüt für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert.
Fitzeks Bücher wurden bisher in 36 Sprachen übersetzt und weltweit über 20 Millionen Mal verkauft. Viele davon sind inzwischen erfolgreich verfilmt – so wurde „Die Therapie“ als sechsteilige Miniserie für Prime Video produziert und stieg sofort auf Platz 1 der meistgesehenen deutschsprachigen Sendungen ein. Zudem ist Sebastian Fitzek für seine spektakulären Buchvorstellungen bekannt, die er als Shows inszeniert - im Herbst 2024 brach er mit der "Größten Thriller Tour der Welt" alle Zuschauerrekorde.
Sebastian Fitzek wurde als erster deutscher Autor mit dem Europäischen Preis für Kriminalliteratur ausgezeichnet. Er ist Preisstifter des Viktor Crime Awards und engagiert sich als Schirmherr für den Bundesverband „Das frühgeborene Kind“ e.V.
Er lebt mit seiner Familie in Berlin.

Homepage Seabstian Fitzek

www.facebook.de/sebastianfitzek.de      Insta: @sebastianfitzek

Marc Carnal (Autor), Raffaela Schöbitz (Illustratorin)
28. Die Hochzeit
Roman

Verlag: Picus
Einband gebunden
: März 2025 (1. Auflage)
ebenfalls als eBook (epub) erhältlich
Umfang: ca. 80 Seiten
Größe: 12 x 19 cm
Alter: ab 14
ISBN-13 Buch: 978-3-7117-2156-3

Was auf den ersten Blick wie eine Hochzeitssatire scheint, entpuppt als raffinierte Literatur.

Das gesamte Buch durchgängig in Paarreimen zu schreiben verleiht der Handlung eine fast absurde Leichtigkeit, die dem zunehmend chaotischen Geschehen einen bittersüßen Kontrast entgegensetzt. Marc Carnal versteht es, Sprachwitz und Tiefgang zu verbinden – jede Zeile ist pointiert, oft zum Schmunzeln, manchmal zum Stirnrunzeln, immer aber mit einer klugen Beobachtung.

Inhaltlich bewegt sich DIE HOCHZEIT irgendwo zwischen Dorfdrama und Farce. Die Hochzeitsgesellschaft wird zum Mikrokosmos einer Gesellschaft, in der Konvention und Kontrollverlust eng beieinanderliegen. Die Braut ist verschwunden – ein klassischer Aufhänger. Zwischen Buffet und Brautstrauß brechen unterdrückte Konflikte, alte Geschichten und kleine Abgründe auf – aber immer mit Humor.

Besonders gelungen ist die Figurenzeichnung: Ob Alleinunterhalter, Wirtin, Vater der Braut oder verlegene Gäste – jede Figur ist karikiert, aber nicht entmenschlicht. Sie sind überzeichnet, doch nie lächerlich. Das macht sie berührend.

Auch die Illustrationen von Raffaela Schöbitz verdienen Beachtung. Sie begleiten den Text nicht nur, sondern spiegeln seine Stimmung und bieten ein zusätzliches Interpretationsangebot. Sie verstärken den schmalen Grat zwischen zwischen Heiterkeit und Desillusion.

DIE HOCHZEIT ist weit mehr als ein humorvoller Reimtext – es ist ein präzises Gesellschaftsporträt.

Wer Freude an Sprachkunst, Satire und Lachen über menschliche Schwächen hat, sollte dieses Buch nicht verpassen. Marc Carnal gelingt mit diesem Werk eine seltene Mischung: leichtfüßig und tiefgründig, witzig und wehmütig zugleich.

(c) Paul Feuersanger

5 von 6 Sternen: ★★★    
                                Kritik: Michaela Springer

Der Autor:
Marc Carnal, geboren 1986, lebt in Wien. Er schreibt Hörspiele, Romane, Radio-Glossen und Drehbücher fürs Fernsehen (»Willkommen Österreich«). Ab 2025 steht er mit seinem Comedy-Debüt »Gott live« auf der Bühne. www.carnal.at

(c) Minitta Kandlbauer

Die Illustratorin:
Raffaela Schöbitz, geboren 1987, ist freischaffende Illustratorin und Autorin aus Wien. Neben Graphic Novels illustriert sie vor allem Kinderbücher aber auch Plattencover und in Magazinen. Im Picus Verlag illustrierte sie Kinderbücher von Christian Futscher, Andrea Karimé und Cornelia Travnicek, aktuell »Henne Jenne« (2025). Raffaela Schöbitz wurde 2024 mit dem Outstanding Artists Award des Kunstministeriums ausgezeichnet. www.raffaelaschoebitz.com

Das Buch beim Picus-Verlag

David Krems (Autor)
29. Haus Waldesruh
Roman

Verlag: Picus
Einband gebunden
: März 2025 (1. Auflage)
ebenfalls als eBook (epub) erhältlich
Umfang: ca. 224 Seiten
Größe: 12 x 19 cm
Alter: ab 14
ISBN-13 Buch: 978-3-7117-2158-7

Mit HAUS WALDESRUH legt David Krems ein fein komponiertes Kammerspiel vor, das sich mit den Schuldgefühlen einer postjugendlichen Clique auseinandersetzt, literarisch klug verdichtet, atmosphärisch hoch aufgeladen und psychologisch nuanciert. Es ist ein Buch über das, was nicht gesagt wird und genau darin liegt seine große Stärke.

Der titelgebende Schauplatz ist kein literarischer Zufall. Das abgelegene Forsthaus wirkt nicht nur wie ein klassischer Rückzugsort, sondern fungiert im Roman als Projektionsfläche kollektiver Unruhe. Was als versöhnliches Treffen alter Schulfreunde beginnt, entwickelt sich unmerklich zu einer Konfrontation mit dem eigenen Scheitern im Leben, im Zwischenmenschlichen, in der Vergangenheit.

Krems beherrscht das stille Eskalieren. Besonders eindrücklich gelingt ihm dabei die Zeichnung von Anna, deren Schmerz über den Suizid ihres damaligen Freundes Max nie explizit ausformuliert wird, aber in jeder Geste, jedem Halbsatz spürbar bleibt. Auch Marco, der auf eine manifestierte Schuldprojektion gegenüber dem ehemaligen Lehrer setzt, wird nicht denunziert, sondern als tragische Figur einer verdrängten Verantwortung gezeichnet.

Stilistisch bleibt HAUS WALDESRUH eher leise, beinahe unauffällig und das ist bewusst gewählt. Krems Sprache verzichtet auf große Gesten. Stattdessen arbeitet er mit rhythmischer Klarheit, Spannung und einer hochpräzisen Figurenführung. Die Dialoge sind reduziert, fast szenisch, aber nie steril. Gerade diese Reduktion lässt Raum für Zwischentöne, die eigentliche Kommunikation spielt sich im nicht gesprochenen Worte ab.
Der Raum zwischen den Figuren, die Distanz, die trotz aller Erinnerung nicht überbrückt werden kann, ist das eigentliche Sujet des Romans.

HAUS WALDESRUH ist kein Roman, der Antworten liefert. Vielmehr lässt er seine Leser mit offenen Fragen zurück. Was schulden wir einander? Was tragen wir mit uns, wenn wir andere zurücklassen?

HAUS WALDESRUH ist ein bemerkenswert dichter und atmosphärisch konzentrierter Roman, der nicht durch Dramatik, sondern durch psychologische Genauigkeit überzeugt. Ein stilles Buch über laute innere Konflikte und ein weiterer Beweis dafür, dass David Krems zu den leisen, aber relevanten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zählt.

5 von 6 Sternen: ★★★★★   Kritik: Michaela Springer

(c) Paul Feuersänger

Der Autor:
David Krems, 1977 geboren in Wien, aufgewachsen in Kaisermühlen. Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft, seit 2009 Medienarchivar und Lektor an der Universität Wien. »Falsches Licht«, sein erster Roman, war für den Leo-Perutz-Preis 2018 sowie den Friedrich-Glauser-Preis 2019 nominiert und erschien ebenso wie sein zweiter Roman »Fast ein Wunder« (2019) bei Picus.

Das Buch beim Picus-Verlag

Marc Gruppe (Autor)
30. Sherlock Holmes –
Die geheimen Fälle des Meisterdetektivs

Band 3: Der verschwundene Grafensohn

Verlag: Titania Medien
: November 2025 (1. Auflage)
Alter: ab 14
ISBN: 78-3-69027-014-4 (Buch)
978-3-69027-004-5 (E-Book)

Mit „Der verschwundene Grafensohn“ präsentiert Titania Medien ein Werk, das sich bewusst zwischen Traditionspflege und moderner Kriminalerzählung bewegt. Die Vorlage stammt unverkennbar aus dem Holmes-Kosmos, doch Amy Onn gelingt es, den literarischen Tonfall des Originals sensibel zu aktualisieren. Der Band wirkt damit weniger wie ein Nostalgieprodukt, sondern eher wie eine kontrolliert weitergedachte Fortsetzung des klassischen Detektivkanons.

Das Buch stützt sich auf eine bewährte Grundkonstellation. Ein adeliges Kind verschwindet unter mysteriösen Umständen aus dem Garten der Familienvilla. Sherlock Holmes wird gebeten, die drohende Katastrophe abzuwenden. Dieser Einstieg erzeugt sofort Spannung, ohne künstliche Dramatik zu bemühen.

Onn führt das Ermittlerduo Holmes und Watson mit spürbarer Sicherheit durch die Geschichte. Die dialogische Dynamik ist pointiert, die deduktiven Schlüsse folgen einer klaren inneren Logik. Besonders überzeugend ist, wie sich aus zunächst alltäglich wirkenden Details ein feingliedriges Motivgeflecht entfaltet.

Die Wahl des Schauplatzes, ein aristokratisches Umfeld mit seinen sozialen Spannungen, seinen unausgesprochenen Konflikten und diskreten Abhängigkeiten, verleiht dem Text zusätzliche Tiefe. Onn nutzt diese Bühne, um unterschwellige gesellschaftliche Brüche sichtbar zu machen, ohne die Handlung auszubremsen.

Die Figurenzeichnung erweist sich als eine der großen Stärken des Buches. Der verunsicherte Graf, dessen Umfeld zunehmend Risse zeigt, sowie ein Kreis aus Verwandten und Bediensteten, der zwischen Loyalität und Geheimhaltung schwankt, bilden ein glaubwürdiges Ensemble. Keine Figur wird zum bloßen Verdächtigen degradiert, vielmehr entsteht ein Netzwerk an Motiven, das sich erst allmählich entwirrt.

Die dramaturgische Führung ist straff, aber nicht hastig. Onn setzt auf kontinuierlichen Spannungsaufbau, verzichtet auf überdrehtes Tempo und lässt den Leser über präzise gesetzte Hinweise mitermitteln. Das macht den Fall nachvollziehbar, ohne vorhersehbar zu sein.

Besonders bemerkenswert ist die stilistische Haltung. Onn orientiert sich am Geist Conan Doyles, ohne ihn zu imitieren. Der Text ist kompakter, direkter, weniger ausschweifend und gerade dadurch modern. Holmes analytische Kälte, Watsons Beobachtungsvermögen und das dezente Spiel zwischen rationalem Denken und emotionaler Zurückhaltung sind fein eingefangen.

Titania Medien wiederum positioniert den Band intelligent innerhalb seines Portfolios, als literarische Ergänzung zu den bekannten Hörspielproduktionen, nicht als deren bloße Spiegelung. Das Buch steht klar für sich, erweitert aber zugleich das erzählerische Universum.

„Der verschwundene Grafensohn“ ist ein handwerklich überzeugender Kriminalfall, der traditionelle Holmes-Atmosphäre mit zeitgemäßer Erzählökonomie verbindet. Ein sorgfältig komponiertes Werk, das ohne Effekthascherei auskommt und seine Spannung auf kluge Konstruktion, psychologische Plausibilität und präzises Setting stützt.

Für Leserinnen und Leser, die klassische Detektivliteratur schätzen, bietet der Band sowohl Vertrautheit als auch frische Akzente, ein gelungenes Beispiel dafür, wie man ein literarisches Erbe respektvoll fortführt, ohne es zu musealisieren.

5 von 6 Sternen: ★★★★★  Kritik: Michaela Springer

www.titania-medien.de

Prof. Georg Markus (Autor)
31. Gar nicht lange her
Meine Geschichten mit Geschichte

Verlag: Amalthea
: 23. September 2025 (1. Auflage)
mit zahlr. Abb.
Umfang: 304 Seiten
Alter: ab 12 Jahren
ISBN Buch: 978-3-99050-293-8
ISBN eBook: 978-390344-148-4

Georg Markus hat sich längst einen festen Platz in der österreichischen Erinnerungsliteratur erarbeitet. Mit GAR NICHT LANG HER knüpft er an sein bewährtes Konzept an. Geschichte erscheint hier nicht als abstraktes Faktengerüst, sondern als erzählerisches Gewebe aus Schicksalen, Zufällen und Begegnungen. In seinem neuen Band versammelt Markus Episoden, die zusammen ein Panorama österreichischer Kultur- und Zeitgeschichte ergeben, leichtfüßig, anekdotisch und stets mit einem feinen Blick auf das Menschliche hinter der Historie.

In einem Kapitel erzählt Markus etwa von Peter Falk, dem weltberühmten „Columbo“, der eine große Liebe in Österreich fand, oder vom Tod Oskar Werners, der bis heute von Mythen umrankt ist. Markus schildert solche Begebenheiten mit einer Mischung aus Witz und Melancholie, ein Beispiel für seine besondere Kunst, historische Fakten mit erzählerischer Lebendigkeit zu verbinden. Der Leser spürt, hier schreibt jemand, der Geschichte nicht nur kennt, sondern sie miterlebt und mitempfindet.

Die eigentliche Stärke des Buches liegt in Markus’ Haltung zum Erinnern. Er schreibt nicht aus Distanz, sondern aus Nähe. Wenn er von einem 102-jährigen Arzt berichtet, der noch praktiziert, tut er das mit einem liebevollen Staunen über das Fortwirken vergangener Zeiten im Hier und Jetzt. In solchen Momenten verbinden sich journalistische Präzision und literarische Wärme zu einer unverwechselbaren Erzählhaltung.

Ein wiederkehrendes Motiv bildet das Wien der Kaffeehäuser, jene Orte, die Markus nicht bloß als Schauplätze beschreibt, sondern als lebendige Gedächtnisspeicher einer untergegangenen Welt. 

Allerdings wirkt die thematische Auswahl mitunter etwas lose gefügt. Zwischen Zeitzeugenberichten, Theateranekdoten und kaiserlichen Randgeschichten verliert das Buch gelegentlich den roten Faden. Das titelgebende „gar nicht lange her“ bleibt zwar als Grundmotiv spürbar, doch die historische Tiefe, die dieser Ansatz verspricht, erreicht Markus nicht in jedem Kapitel.

Stilistisch überzeugt Markus durch eine Sprache, die sich mühelos klar, rhythmisch und pointiert liest. Diese Leichtigkeit ist zugleich Stärke und Schwäche: Sie macht seine Texte zugänglich und charmant, verhindert aber bisweilen analytische Schärfe. Markus begnügt sich mit der Beobachtung, elegant formuliert, doch interpretativ zurückhaltend.

GAR NICHT LANG HER ist kein Geschichtsbuch im akademischen Sinn, sondern ein Mosaik aus Erinnerungen, ein Spaziergang durch das kulturelle Gedächtnis Österreichs. Markus lädt seine Leser dazu ein, Vergangenheit als Teil der Gegenwart zu begreifen, nicht durch Belehrung, sondern durch die Kraft des Erzählens.

Am Ende bleibt das Buch eine Hommage an das Erinnern selbst. Es zeigt, dass Geschichte nur dann lebendig bleibt, wenn sie in Geschichten weitergegeben wird mit Herz, Humor und jener Leichtigkeit, die Georg Markus zu einem der populärsten Chronisten österreichischer Kultur macht.

4 von 6 Sternen: ★★★★       Kritik: Michaela Springer

(c) Photo Simonis

Der Autor:
Prof. Georg Markus, einer der erfolgreichsten Schriftsteller und Zeitungskolumnisten Österreichs. Lebt in Wien, wo er sich als Autor großer Biografien, die in viele Sprachen übersetzt wurden, einen Namen gemacht hat. Georg Markus ist Autor der »Kurier«-Kolumne, seine Bücher führen monatelang die Bestsellerlisten an. Er ist Träger des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst I. Klasse.

Homepage Georg Markus

Das Buch beim AMALTHEA-Verlag






 

 

 

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