Alfons Haider, Mark Seibert

16.07.2026 - Seefestspiele Mörbisch/ Burgenland

Zwischen Glamour und Menschlichkeit
EIN KÄFIG VOLLER NARREN – La Cage aux Folles

Mit „EIN KÄFIG VOLLER NARREN – La Cage aux Folles“ beweisen die Seefestspiele Mörbisch eindrucksvoll, dass ihre spektakuläre Open-Air-Bühne längst weit mehr sein kann als Schauplatz opulenter Unterhaltung. Jerry Hermans Musicalklassiker, dessen Plädoyer für Toleranz, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Akzeptanz bis heute ungebrochene Aktualität besitzt, entfaltet in der Inszenierung von Andreas Gergen eine bemerkenswerte Balance zwischen glanzvoller Revue und präzise gezeichnetem Beziehungstheater. Es entsteht ein Theaterabend, der mit eindrucksvollen Bildern fasziniert, ohne den emotionalen Kern des Werkes aus dem Blick zu verlieren.

Gerade in dieser Verbindung von äußerem Glanz und innerer Wahrhaftigkeit liegt die besondere Qualität der Produktion. Gergen widersteht der Versuchung, die Dimensionen der Mörbischer Seebühne allein durch spektakuläre Effekte auszuschöpfen. Stattdessen vertraut er auf die Kraft der Figuren und ihrer Beziehungen. Die großen Ensemblenummern entfalten jene opulente Bildsprache und choreografische Dynamik, die das Publikum mit Mörbisch verbindet, während die intimeren Momente Raum für Zwischentöne und emotionale Präzision schaffen. Der Wechsel zwischen schillernder Revue und sensibler Charakterzeichnung gelingt dabei mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit.

Auch die visuelle Gestaltung überzeugt auf hohem Niveau. Walter Vogelweiders Bühnenbild verbindet das mondäne Flair der französischen Riviera mit einer raffiniert gegliederten Architektur, die sowohl spektakuläre Schauwerte als auch konzentrierte Spielsituationen ermöglicht. Armella Müller von Blons Kostüme setzen eindrucksvolle Akzente. Opulente Roben und fantasievolle Drag-Kreationen verleihen dem Abend seine unverwechselbare Ästhetik, ohne die Figuren auf bloße Exzentrik zu reduzieren. Die Ausstattung bleibt stets der Charakterzeichnung verpflichtet und erweist sich damit als integraler Bestandteil der Inszenierung.

Im Zentrum des Abends stehen Alfons Haider als Albin/Zaza und Mark Seibert als Georges. Haider gestaltet die Figur des Albin mit großer Sensibilität und darstellerischer Reife. Seine Interpretation lebt nicht von äußerlicher Überzeichnung, sondern von Verletzlichkeit, Würde und emotionaler Tiefe. Besonders eindringlich gelingt ihm die große Hymne „Ich bin, was ich bin“, die er nicht als reine Shownummer präsentiert, sondern als existenzielles Bekenntnis zu Identität und Selbstakzeptanz. Es ist einer der bewegendsten Momente der Aufführung.

Aliosha Jorge Ungur, Mark Seibert, Timotheus Hollweg

Mark Seibert begegnet diesem Albin mit einem Georges von beeindruckender Ruhe und Souveränität. Mit kultivierter Bühnenpräsenz, stimmlicher Eleganz und feinem Gespür für emotionale Nuancen zeichnet er einen Partner, dessen Loyalität und Zuneigung jederzeit glaubhaft erscheinen. Gerade das differenzierte Zusammenspiel der beiden Hauptdarsteller verleiht der Produktion jene menschliche Tiefe, die das Musical weit über die Grenzen klassischer Unterhaltung hinausführt.

Timotheus Hollweg, Aliosha Jorge Ungur, Anna Rosa Döller, Ines Hengl Pirker, Mark Seibert, Mathias Schlung, Alfons Haider

Auch das Ensemble überzeugt durchgehend. Timotheus Hollweg verleiht Jean-Michel eine nachvollziehbare innere Zerrissenheit, während Anna Rosa Döller als Anne mit natürlicher Bühnenpräsenz und klarem Sopran überzeugt. Mathias Schlung zeichnet den erzkonservativen Politiker Dindon mit feiner satirischer Schärfe, ohne die Figur zur eindimensionalen Karikatur werden zu lassen. Ines Hengl-Pirker setzt als Marie Dindon pointierte komödiantische Akzente und gestaltet ihre Rolle mit großer Spielfreude.

Besonders hervorzuheben ist Aliosha Jorge Ungur als Jacob. Mit präzisem Timing, ausgeprägter Körperkomik und bemerkenswerter Bühnenenergie nutzt er jede Szene für intelligente Komik, ohne die Figur dem bloßen Effekt preiszugeben. Ursula Pfitzner ergänzt das Solistenensemble als Jacqueline mit stimmlicher Präsenz, Charisma und jener mondänen Eleganz, die der Rolle ihre besondere Kontur verleiht.

Mark Seibert, Aliosha Jorge Ungur, Ursula Pfitzner, Timotheus Hollweg, Ines Hengl Pirker, Mathias Schlung, Anna Rosa Döller, u.a


Musikalisch erweist sich die Produktion als überzeugend. Das Orchester lässt Jerry Hermans eingängige Partitur mit rhythmischer Präzision und stilistischer Sicherheit erstrahlen. Die musikalische Leitung findet stets die Balance zwischen mitreißender Revue und emotionaler Intimität und trägt wesentlich zur Geschlossenheit des Gesamteindrucks bei.

Ganz ohne Einschränkungen bleibt der Abend dennoch nicht. Die Dimensionen der Seebühne stellen das Stück mitunter vor besondere Herausforderungen. Einzelne Dialogszenen verlieren auf der weitläufigen Spielfläche an Konzentration und Unmittelbarkeit. Wo das Musical ursprünglich stark von der Nähe und Intimität seiner Figuren lebt, entsteht gelegentlich eine räumliche Distanz, die sich trotz sorgfältiger Regiearbeit nicht vollständig auflösen lässt.

Dennoch gelingt den Seefestspielen Mörbisch mit „EIN KÄFIG VOLLER NARREN – La Cage aux Folles“ eine Produktion, die weit über den Charakter einer sommerlichen Musicalrevue hinausweist. Sie verbindet spektakuläre Unterhaltung mit erzählerischer Substanz und führt eindrucksvoll vor Augen, dass Toleranz, Vielfalt und gegenseitiger Respekt keine zeitgebundenen Forderungen, sondern bleibende gesellschaftliche Werte sind. Gerade weil die Inszenierung auf plakative Aktualisierungen verzichtet und stattdessen auf die emotionale Kraft ihrer Figuren vertraut, entfaltet ihre Botschaft besondere Überzeugungskraft.

So wird der Theaterabend am Neusiedler See zu einem glanzvollen und zugleich berührenden Plädoyer für Menschlichkeit, getragen von Musik, Humor und der ungebrochenen Kraft einer Geschichte, die ihre Relevanz bis heute bewahrt hat.

Drew Sarich, Alfons Haider

In manchen Vorstellungen übernimmt Drew Sarich die Rolle von Albin/ Zaza.

„EIN KÄFIG VOLLER NARREN – La Cage aux Folles“ ist auf der Seebühne in Mörbisch noch bis 22. August zu sehen.

Von 15. Juli bis 21. August 2027 steht nach 2023 erneut MAMMA MIA! auf dem Spielplan.

5 von 6 Sternen: ★★★★★
Kritik: Michaela Springer; Fotos: kurtpinter.com

  • Ursula Pfitzner, Ines Hengl Pirker, Mark Seibert, Alfons Haider, Mathias Schlung, Anna Rosa Döller, Timotheus Hollweg, Ensemble
  • Alfons Haider, Ensemble-2
  • Alfons Haider, Ensemble
  • Ensemble
  • Joël Zupan, Timo Verse, Paul Csitkovics, David Hegyi
  • Mathias Schlung, Ines Hengl Pirker, Mark Seibert, Ursula Pfitzner, Alfons Haider, Anna Rosa Döller, Timotheus Hollweg, Ensemble
  • Panorama
  • Timotheus Hollweg, Anna Rosa Döller, Ensemble
  • Juliane Bischoff, Drew Sarich, Mark Seibert, Samuel Türksoy, Ensemble


www.seefestsspiele-moerbisch.at



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