26.01.2023 - Komödie am Kai/ Wien

Vier linke Hände

Dass die Komödie am Kai ein Garant für gute Unterhaltung ist, beweist sie derzeit mit der turbulenten Beziehungskomödie VIER LINKE HÄNDE von Pierre Chesnot. Mit Susanne Hirschler und Christian Spatzek wurde somit erfolgreich ins neue Jahr gestartet.

Sophie, die Tochter eines Bonbonfabrikanten und Single will sich zu ihrem 40. Geburtstag wieder einmal das Leben nehmen. All ihre Freunde sind auf Urlaub und sie feiert in ihrer neuen Pariser Wohnung mit sich selbst ihren Jahrestag. Sie ist wohlhabend, aber unglücklich über ihr unerfülltes Leben. So laufen die Vorbereitungen zu ihrem Selbstmord auf Hochtouren. Doch ihre Freundin ruft sie an und kann sie überreden, noch drei Tage zu warten, bis sie aus ihrem Urlaub zurück ist. Bis dahin soll sie einen Menschen glücklich machen, und zwar den ersten Mann, dem sie begegnet.
Und dies dauert nicht lange! Sie hat ihr Badewannenwasser vergessen abzudrehen und so steht kurze Zeit später der Mieter der Wohnung unter ihr triefend nass vor ihrer Tür, da er unfreiwillig geduscht wurde. Bertram ist Professor für Geschichte des Altertums, ein Eigenbrötler und emotional verkümmert. Er ist so gar nicht Sophies Typ, aber sie will ihr Versprechen einlösen. All ihre Bemühungen und Verführungskünste scheinen jedoch bei Bertram abzuprallen. Aber irgendwie können sie nicht miteinander, aber auch nicht ohneeinander. Es entwickelt sich eine turbulente Liebesgeschichte mit jeder Menge Situationskomik und heiteren Dialoge.

Das Stück ist ideal besetzt. Susanne Hirschler mit großer weiblicher Ausstrahlung und etwas chaotisch, Christian Spatzek, der emotional sehr verschlossen ist und in seiner eigenen abgesicherten Welt lebt. Seine Tage sind fix durchstrukturiert und Spontanität ist ein Fremdwort für ihn. Sophie ist das Gegenteil und bringt sein Leben gehörig durcheinander. Gegensätze ziehen sich eben an. Es sind zwei so unterschiedliche Charaktere, die aber auf ihre Art liebenswert sind.
Das Bühnenbild von Siegbert Zivny ist verhältnismäßig aufwendig. Der Umbau zwischen den beiden Wohnungen erfolgt während kurzen Pausen, hinter dem Theatervorhang.

Die Inszenierung von Christian Spatzek ist kurzweilig, stimmig und unterhaltsam und lässt einen den tristen Alltag vergessen.
Im Abschluss an die Premieren-Vorstellung wurde das „Komödie am Kai“-Familienmitglied Andrea Eckstein auf der Bühne von Direktorin Sissy Boran zur Co-Direktorin ernannt. Die beiden bilden bereits seit vielen Jahren ein Dreamteam, dass es hoffentlich noch sehr lange bleiben wird.

VIER LINKE HÄNDE ist noch bis 11. März 2023 in der Komödie am Kai zu sehen.

www.komoedieamkai.at

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6 von 6 Sternen: ★★★★★★
                           Kritik: Michaela Springer; Fotos: Komödie am Kai

20.01.2023 - Freie Bühne Wieden/ Wien

CHAIM und ADOLF
Österreichische Erstaufführung

Chaim Eisenberg, ein Jude mit deutschen Wurzeln, kommt jedes Jahr zum Schifahren im Winter nach Österreich. Doch er ist auch leidenschaftlicher Schachspieler. In dem Tiroler Dorf gibt es allerdings nur einen, der ebenfalls diesem Gehirnsport frönt. Der Dorfwirt Martin schlägt ihm einen Mann aus dem Nachbarort vor: Adolf Oberhuber. Nach einigem Zögern erscheint sein Schachpartner in der Wirtsstube. Chaim ist über die Namensgebung nach 1938 irritiert. Der Krieg längst vorbei, starten sie eine Probepartie. Es hat den Anschein, als sei es eine zufällige Begegnung eines Skiurlaubers und eines Einheimischen, der einer der wenigen ist, der Schachspielen kann. Wirklich ein Zufall? Schon bald ist das Spiel nur mehr Nebensache. Es wird ein Schlagabtausch, beginnend, warum man sein Kind Adolf nennt. Soll man die Tradition, den Namen des Großvaters weiterzugeben, unterbrechen, weil dieser Adolf hieß? Was ist mit der Erbschuld?
Adolf ist in der Mythologie gewandt, analysiert seinen Gegner und hält sich über seine Person bedeckt. Aber nicht nur er spielt mit doppeltem Boden. Chaim verfolgt ein klares Ziel, hat diese Begegnung bewusst arrangiert und provoziert seinen Gegner. Als das Thema Zwangsarbeiter aufkommt, glaubt man als Zuschauer, dass die Ausbeutung Chaims Vorfahren der wahre Grund seines Kommens ist. Falsch gedacht! Nicht nur, dass der Großvater von Adolf ein guter Mensch war und seine Zwangsarbeiter gut behandelt hat, steckt eine große Liebesgeschichte dahinter. Chaims Großmutter und Adolfs Großvater liebten sich: Eine polnische Zwangsarbeiterin und ein österreichischer Nazi? Für beide eine äußerst prekäre Situation, die tödlich hätte enden können. Zu Kriegsende kehrt sie zu ihrem, aus dem KZ entlassenen, Mann zurück. Fünf Monate später bringt sie Chaims Vater zur Welt. Nicht schwer zu erraten, wer dessen biologische Vater war. Die Liebschaft wurde totgeschwiegen und die betrogene Ehefrau von Adolf bestochen. Aber jetzt war die Zeit gekommen, um die Wahrheit nicht länger zu vertuschen, eine Wahrheit, die der Dorfwirt längst schon wusste, denn ein Wirt weiß immer alles.

Der Hauptfokus dieses Kammerspieles von Stefan Vogel liegt zur Gänze auf den drei Protagonisten Leopold Dallinger, Markus Tavakoli und Géza Terner.
Das Bühnenbild ist einfach, statisch, aber effektiv, da man sich durchgehend in einem Gastraum aufhält. Tische, Sessel und eine Theke reichen. Eine Berglandschaft als Hintergrund erinnert, dass man sich in Tirol befindet.

Das Schachspiel wird ein Psychospiel mit zwei hervorragenden Schauspielern als Gegner. Der eine ein Hitzkopf, der andere sensibel, aber aufbrausend. Ein scharfsinniges, schlagfertiges Duell wird geboten, dass die Zuschauer in Spannung versetzt. Es gibt immer wieder überraschende Wendungen.

CHAIM UND ADOLF unter der Regie von Reinhard Hauser ist ein Kammerstück mit Witz, Charme, Intelligenz, Schwung und großartig gespielt. Es ist ein Geheimtipp unter den derzeitigen Wiener Theater Produktionen und in der Freien Bühne Wieden noch bis 31.1.2023 zu sehen.
Ein Besuch lohnt sich!

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6 von 6 Sternen: ★★★★★★
                                  Kritik: Michaela Springer; Fotos: Robert Ritter

09.01.2023 - Das Vindobona/ Wien

Hedwig And The Angry Inch

Was für eine Premiere! Der Ausnahmekünstler Drew Sarich als Hedwig in HEDWIG AND THE ANGRY INCH rockte das Vindobona. Es war bunt, schrill mit nachdenklichen und viel zweideutigen Momenten.

Unter der Regie von Werner Sobotka wurde es ein homogenes Gesamtpaket von Punk Rock, 1970iger Glamour, Standing Comedy und Schauspiel. Hedwig liebt, hasst und lebt intensiv. Wird vom Opfer und Täter, vom Verletzten zum Verletzer. Seinen Schmerz verpackt er in bitteren Sarkasmus und Witz. Hedwig ist eine faszinierende Persönlichkeit: Die Dragqueen, hinter der sich doch der sensible Hansel versteckt.

Die Zuschauer sind quasi die Gäste eines Rockkonzerts von Hedwig mit seiner Band „The Angry Inch“. Hedwig spielt im Vindobona, sein Ex-Geliebter zur gleichen Zeit in der Stadthalle mit seinen Songs. Es wühlt ihn auf, dass Thommy solch einen großen Erfolg feiert. In seiner tiefen Verletztheit beginnt er über sein Leben zu erzählen. Wie aus dem Ostberliner Hansel Schmidt durch die Heirat mit einem US GI Hedwig wurde. Für die Ausreise aus der DDR war eine Geschlechtsumwandlung von Nöten, die schief ging. Der Chirurg war betrunken und das Messer stumpf und so blieben ihm 2,5 cm, die ihn stets erinnern, dass er nie ganz zu einer Seite gehören wird. Die Ehe dauerte nicht lange. Mittellos wohnte er in einem Wohnwagen und hielt sich mit Gelegenheitsjobs, wie Babysitten, über Wasser, wo er auch Thommy kennenlernte. Ihm lernte Hedwig alles über Musik, gab ihm einen Künstlernamen und schrieb Songs. Aber auch dieses Glück ist nur von kurzer Dauer. Thommy verlässt ihn und feiert große Erfolge mit den gestohlenen Liedern. Hedwig selbst ist von einem großen Erfolg weit entfernt. Er schafft nur Low-Budget Tourneen und blickt neidisch auf seinen Ex. Dabei behandelt er seinen neuen Mann zunehmend schlechter. Gerade er, der so viel Schmerz erfahren hat, wird nun selbst zum Täter.

Drew Sarich beeindruckt mit seinem intensiven Spiel. Er nimmt das Publikum mit auf eine Achterbahn der Gefühle, mit all seinen leidenschaftlichen Facetten. Seine Figur ist stark, ein Kämpfer, der nicht aufgibt und doch so verletzlich ist.
Ann Mandrella begeistert stimmlich als ihr Ehemann, die sehr zurückgenommen im Hintergrund agiert.
HEDWIG AND THE ANGRY INCH ist eine Genderstory mit Tiefgang über einen schillernden Paradiesvogel und dessen tragischen Leben, begleitet von einer 4-köpfigen Band unter der musikalischen Leitung von Drew Sarich.

Bis Ende Jänner steht das Stück noch auf dem Spielplan des Vindobona.


5 von 6 Sternen: ★★★★★
                                                     Kritik & Fotos: Michaela Springer

www.vindobona.wien

 

 

 

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